Der Wahlsonntag mit Regula Stämpfli live auf news.ch
Rot-Weiss-Stämpfli
publiziert: Sonntag, 23. Okt 2011 / 19:22 Uhr / aktualisiert: Montag, 24. Okt 2011 / 08:46 Uhr
Regula Stämpfli kommentiert die Parlamentswahlen.
Regula Stämpfli kommentiert die Parlamentswahlen.

news.ch informiert Sie während des ganzen Nachmittages mit den Updates zu den Wahlen. Unsere Kolumnistin Regula Stämpfli begleitet den Wahlsonntag scharfzüngig im Live-Ticker.

1 Meldung im Zusammenhang
24. 10. 2011, 08.08 Uhr: Die Wahlen sind vorbei, lediglich für den Ständerat werden wir noch bis Ende November Wahlkommentare üben können. Was ist gestern passiert? Der Sturm der Rechtspopulisten, die dieses Land in den letzten vier Jahren doch ziemlich in Atem gehalten haben, ist gestoppt worden. Aus dem Sturm ins Stöckli, wie dies die SVP geplant hat, ist nur noch heisse Luft geblieben. Gewonnen hat die sogenannt neue Mitte, die eigentlich eine alte, schweizerische Stabilität und Mitte ist. Geholfen hat dem Wahlsieg von Grünliberalen und BDP vor allem die Nationalbank. Sie reiben sich die Augen? Tatsächlich ist dem so. Philipp Hildebrandt ist zum besten Wahlhelfer der Grünliberalen und der BDP mutiert. Weshalb?

Zuerst wurde in diesem Land heftig über Masseneinwanderung, den Erfolg der SVP über die Ausländerinitiative etc. disktutiert. Doch die Euroschwäche brachte die wahren Probleme und Machtfragen ins Bewusstsein der Menschen und dann endlich auch in die Medien. Philipp Hildebrand und mit ihm die oberste Finanzchefin dieses Landes Widmer-Schlumpf haben dann mit einer besonnenen Währungspolitik, der Stabilisierung der Schweiz als reichstes Land dem Wahlkampf völlig die Brandherde genommen, welche die SVP immer anzünden.. Und so kam, wie es kommen musste: Geht es ums Portemonnaie und die Natur bleiben die Schweizer Schweizer.

Die Nationalbank hat nicht nur mit dem Wahlverlust der SVP, sondern auch mit dem Wahlverlust der Grünen zu tun. Denn die Grünen haben zwar die Natur schützen wollen, aber nicht das Geld. Und deshalb haben die Grünliberalen so gepunktet. Denn die machen ein bisserl Umweltschutz und schauen für stabile Finanzen. Sehr schweizerische eben. Das ist genau das Rezept der Nationalbank. Deshalb ist Philipp Hildebrand zum besten Wahlhelfer der bürgerlichen und neuen Mitte mutiert.

Gestern haben die schweizerischen Wähler und Wählerinnen Natur und Geld gewählt. Zudem wählen in Krisenzeiten Menschen gerne Verlässlichkeiten. Da wählen sie keine Radikalität, sondern die Stabilität. Und genau das ist gestern passiert. Doch wie in Zeiten, wo nur radikale Antworten Stabilität garantieren können, die Mitte regieren soll, das sei zunächst mal als nur eine rhetorische Frage in die schweizerischen Landschaft gestellt.

19.00 Uhr: Konsequenz des heutigen Tages ist: Schweizer wählen grünliberal. Kein Wunder gewinnt in der Schweiz eine Partei, die schöne Umwelt und gesunde Finanzen verspricht! Ich hab auf news.ch ja schon einmal gesagt, eigentlich erstaunlich, dass die Grünliberalen nicht die grösste Partei in der Schweiz sind….

Neben den Inhalten spielen auch die anderen Parteien für den Erfolg der Grünliberalen eine wichtige Rolle: Sie waren grundsätzlich schwach und die SVP konnte dieses Jahr nicht alles dominieren. Zudem hat Telezüri am Leutschenbach Martin Bäumle als Fernsehstar perfekt gepuscht – eine gute Ausgangssituation für Wahlerfolge siehe auch der grossartige Wahlerfolg von Cédric Wermuth im Kanton Aargau. Da sind Medien nicht alles, aber eben doch auch nicht nichts.

Perplex über die BDP

Etwas perplex, das gestehe ich, bin ich über den Erfolg der BDP. Die Splitterpartei der SVPhabe ich als typisch zürich-orientierte Politologin nicht wirklich ernst und wichtig genommen und werde heute eines ganz anderen belehrt. Ich bin nicht die Einzige. Auch meine Kollegen sahen in der BDP höchstens das Zünglein an der Waage. Heute ist klar: Die BDP ist tatsächlich Konkurrentin für die SVP und hat den schweizweiten Siegeszug der rechtspopulistischen Partei zum erstenmal seit Jahren mit bremsen helfen. Mit jedem Sitz BDP und Grünliberal mehr, kann Bundesrätin Widmer-Schlumpf weiterhin mit einem Job rechnen.

Fulvio Pelli kümmert sich um nichts wirklich. Auf die Frage, ob er erschüttert sei, seinen eigenen Sitz zu verlieren, meinte er trocken: “Mit 60 Jahren ist man bei einer Abwahl nicht mehr erschüttert.” Da fragt man sich sofort, weshalb er denn überhaupt kandidiert hat, wenn er diese Abwahl aus Altersgründen nicht wirklich bedauern muss. Die “Liebe zur Schweiz” hat sich für die FDP nicht erwidert. Die FDP hat die grösste Klatsche ihrer Geschichte erhalten, Pelli bleibt übrigens Parteipräsident bis ins Frühjahr. Bei allen Analysen wird kein einziges Wort geäussert, dass die FDP auch aufgrund ihrer Nähe zum Bankenplatz viele Sympathien verloren hat. Kein Wort zum schlechtesten Bundesrat aller Zeiten, Hans-Rudolf Merz (dessen Berater übrigens jetzt in den Nationalrat darf…). Kein Wort darüber, dass die FDP keine Listenverbindungen, keine Strategien, sondern einzig die Arroganz als Politik propagieren konnte. Die ehemalige Mutter der grossartigen Schweizer Bundesverfassung wird von Ururgrosssöhnen und –töchtern durch die Art und Weise, wie die FDP in den letzten Jahren Politik betrieben hat, verraten.

Mein Liebling, der Aargau

Die FDP ahnt nicht, was sie heute erlebt hat. Nur eine Stimme aus der Basis, typischerweise eine Frau, sagt selbstkritisch, dass die FDP in Flügelkämpfen und in zu grosser Nähe zum Finanz- und Bankenplatz aufgerieben wurde. Richtig. Hier liegt die Analyse. Wenn die FDP ihr liberal weder in Geschichte noch Inhalt versteht, dann weicht sie den Kräften, die sich realiter auch liberal gebärden, beispielsweise die Grünliberalen.

Still bleibt es bei der CVP. Von ihr redet fast niemand, obwohl sie nach meinen Berechnungen wohl ebenso stark verlieren wird wie die FDP. Doch dazu mehr bei der nächsten nationalen Hochrechnung um 19.00 Uhr. Fakt ist, dass im Kanton Aargau zwei der drei CVP Sitze weg sind, in Kanton Bern Norbert Hochreutener nicht wiedergewählt ist und im Kanton Zürich auch Barbara Federer-Schmid wohl verlieren wird.

Der Kanton Aargau wird in der nächsten Legislatur zwei junge, engagierte, unterschiedliche, wichtige, spannende Menschen in Bern haben. Eine der jüngsten Ständerätinnen überhaupt mit Pascale Bruderer und den wilden Cédric Wermuth, für welchen ich sogar meinen Kopf im Wahlkampf hinausgestreckt habe. Selten gibt es Menschen, die wirklich begeistern können: Die zwei gehören sicher dazu. Der Kanton Aargau ist schon seitdem ich als junge Lehrerin in der Migros-Klubschule und Gewerbeschule tätig war, mein Liebling. Dieses Jahr gab es am 1. Mai und am 14. Juni Gelegenheit zu spüren, weshalb die Aargauerinnen und Aargauer zu Bruderer und Wermuth laut ja sagen können.

17.15 Uhr: 4 zusätzliche Sitze für die BDP, 7 zusätzliche Sitze für die Grünliberalen im wählerstärksten Kanton ist nun mehr als ein Achtungserfolg. Überraschung im Kanton Schwyz: Die SVP verliert einen Sitz. Der SVP ist es nicht gelungen, den Föhn-Sitz zu behalten, der neue Kandidat war zu schwach. Die FDP kann heute wohl zum erstenmal wieder atmen – auch hier sind die Listenverbindungen entscheidend. Die BDP war grossartige Wahlhelferin.

Je einen Sitz in Bern für die CVP, SP und SVP – Norbert Hochreutener wird wohl nicht mehr zum Nationalrat gehören. Die FDP-Delegation des Kantons Bern wird gemäss Hochrechnungen sogar halbiert, das sind wirklich unerwartete Neuigkeiten.

Schon drei Sitze weniger: Einige grüne Themen haben sich die BDP und CVP wie die Grünliberalen gegen die Atomenergie ausgesprochen. Erneuerungsprozess der Grünen ist wohl eher auf oberster Spitze zu erwarten, da die Grünen wirklich einen hohen Jungenanteil innerhalb in der Partei aufweisen. Die Abwahl der grünen Kräfte würde ich weniger der Partei zuschieben als den Personen, die in Bern die grüne Partei vertreten haben. Ebenso spielen Listenverbindungen eine wichtige Rolle. Trotzdem: Nicht die Ideen haben wohl bei den Grünen verloren, sondern die Personen. Vor allem im Kanton Zug, wo aufgrund der Kleinheit des Kantons selbst die Wahlen in den Nationalrat fast wie ein Ständeratswahlkampf, also eine Persönlichkeitswahl geführt werden müssen.

16.30 Uhr: Der Kanton Zürich bringt spannende Hochrechnungen. Die meisten Beobachter haben mit der SVP und ihrer Kampagne mit Riesenerfolge gerechnet und jetzt sieht es so aus, dass die Millionen nicht gefruchtet haben. Drei Prozent Verlust sind nach wie vor in Diskussion, doch auch hier muss mit Vorsicht diskutiert werden.

Grosse Verluste muss die CVP im Kanton Zürich verkraften – und wieder eine Frau weniger. Die sympathische und engagierte Barbara Schmid-Federer wird wohl abgewählt. Die CVP hat schon die Abwahl ihres Regierungsrates in Zürich verkraften müssen, sie droht im wählerstärksten Kanton der Schweiz, der aufgrund seiner Mediendichte auch ein wichtiger Deutungskanton ist, in die Versenkung zu geraten.

Keine Überfremdung in Genf

Nicht klar ist indessen noch, wie sich die Verluste im Kanton Zürich auf der linken Seite auswirken werden. Vielleicht reicht etwas Proporz- und Listenverbindungsglück.

Genf ist die Überraschung da, weil die in den Medien hochgeredete rechtsaussen Überfredungspartei “Movement Citoyen Genevois” keinen Sitz gewinnen wird, dafür sich die SVP im Kanton Genf etablieren kann. Die Romandie ist traditionellerweise eher links positioniert, auch die Kommunisten können sich noch Chancen, u.a. in der Waadt ausrechnen. Doch die Romandie ist trotz ihrer politisch progressiven Kultur nun vom SVP-Virus infiziert, was die Parteileitung der Rechtspopulisten wohl über ihren eher schwächeren als erwarteten Erfolg hinwegtrösten wird.

Nun stürzen wieder Weltnachrichten sprichwörtlich auf uns ein: Erdbeben in der Türkei. In den folgenden Tagen werden uns nun diese Katastrophenmeldungen überschütten, Hilfsrufe erreichen, grosses Leiden dokumentiert werden. Alles gleichzeitig und leider alles schon gehabt. Solche Ereignisse sind dann Topnews, der Tonfall immer derselben. Doch, dass die vielen Toten vor allem auf herrschende Politik, Baumassnahmen, Demographie, Unterentwicklung zurückgeführt werden müssen, findet neben den schrecklichen menschlichen Schicksalen wieder keinen Platz. Dabei wäre jede Naturkatastrophe ideal, um ganz klar zu belegen: Leute, hier ist nicht Schicksal, sondern Politik für den Tod unendlich vieler Menschen verantwortlich. Doch die herrschenden Kräfte beziehen sich lieber auf eine höhere Autorität statt die Verantwortung wirklich auch zu übernehmen und etwas zu lernen.

3 Wählerprozente weniger für die SVP in Zürich. Die BDP kommt auf 6 Prozent im Kanton Zürich. Alle etablierten Parteien gehören zu den Verlierern, einzig die SP muss nicht so arge Federn lassen wie die anderen, trotzdem. Die Zeichen sind von den Wählerinnen und Wählern klar auf neu und grün angehaucht gesetzt statt auf traditionelle Macherparteien.

Medien überschlagen sich

Fulvio Pelli wird unter Druck gesetzt. Mit Spekulationen, mit gewisser Schadenfreude wird der einflussreichste Tessiner Politiker runtergeredet.

Grosser Wahlsieger mit 5 Sitzen – die Grünliberalen, jein. Auch hier überschlagen sich die Medien wieder. Die fünf zusätzlichen Sitze sind wirklich erfolgreich, doch eben: Ein wirklich grosser Wahlsieger sieht anders aus. Was bisher gesagt werden kann ist: Die SVP ist nicht halb so erfolgreich wie ihr dies vor einem Jahr vorausgesagt wurde. Sie ist nicht halb so erfolgreich, wie dies die Medien und Experten herbeigeschrieben und –geredet haben. Vor dem Ständerat wurde die SVP ganz klar abgeblockt – wie wir hier auf news.ch schon öfters erklärt und konstatiert haben. Lärm passt in den Nationalrat, im Ständerat sind vernünftige Politiken sind gefragt.

Schauen wir nochmals schnell auf die Welt – zum Nabel kehren wir nachher wieder zurück. Über 60 Prozent Wählerinnen und Wähler nehmen in Tunesien an den seit Jahrzehnten ersten, freien Wahlen teil. Welch ein Unterschied zur Schweiz, der eine Wahlbeteiligung von 49 Prozent vorausgesagt wurde! Ich denke indessen, die Wahlbeteiligung könnte in der Schweiz erstmals wieder die 50 Prozent-Hürde überschreiten. Denn wie gesagt, der Wahlkampf war alles andere als flau, das war die Medieneinschätzung, die als Mainstream eben wenig von den social networks und den Strassenaktionen wahrnehmen.

16.00 Uhr: Die neue Listenverbindung von SVP und Lega scheint sich auzuzahlen. Berlusconi wird wohl bald gerne in den Kanton Tessin ziehen, falls er bald ins politische Exil muss. Was wohl in der Sonnenstube passiert ist? Oder geht es nur darum, dass die Tessiner Bern eines auswischen wollen, weil sie schon seit Jahren keinen eigenen Bundesratssitz mehr haben? Der Tessin wird uns also noch weiter beschäftigen müssen, obwohl ich, im Unterschied zu den meisten deutschschweizerischen Kolumnisten erst einmal in dem Kanton war und auch kein Häuschen in einem der dem Hören nach reizenden Täler besitze?

Die FDP? Was war das schon wieder?

Die FDP? Was war das schon wieder? Wird Fulvio Pelli tatsächlich nicht wiedergewählt? Wird die Abzocker- und Finanzplatzpartei wirklich mit einem Präsidenten ohne Amt in der Elefantenrunde diskutieren müssen? Ist es der SVP gelungen, die FDP in ihren Abzocker- und Finanzplatzmauscheleien zwar hundertprozentig zu unterstützen, jedoch mit der Ausländerfeindlichkeit eine besondere Prise für das bürgerliche Publikum der Schweiz bereitzustellen? Offene Fragen.

Die starke Pascale Bruderer wird seit 1943 die erste sozialdemokratische Ständerätin im ersten Wahlgang. Der Kanton Aargau ist immer wieder guten Heimatboden für starke und herausragende Politikerinnen und Politiker. Als Kolumnistin muss es mir hier erlaubt sein, meine grosse Freude über die alt-Nationalratspräsidentin auszudrücken, denn es gibt selten die Möglichkeit, mit einem Wahlerfolg gleichzeitig die Politik als auch den Mensch dahinter voll beglückwünschen zu können.

Ärger über Kollegen

Die SVP muss medial unter der BDP leiden, das ist köstlich zu beobachten. Zwar ist die BDP nach wie vor eine Minipartei, doch hier schlagen die Medienmechanismen zum erstenmal gegen die SVP. Graubünden als Auftakt war Deutungshoheit für die BDP, was die gewohnte SVP-Dominanz nun auch in den Medien stiller werden lässt. Wie lange das wohl noch dauern wird?

Zum erstenmal ärgere ich mich als Politologin über meine Kollegen ? hat doch lang gedauert, nicht wahr? Der herausragende Analytiker für Radio DRS 1, Werner Seitz, dessen wissenschaftliche Tiefe sämtliche seiner Kollegen überragt, verrennt sich bei den Frauen. Da sind weniger Frauen auf den Listen zu finden, da werden bekannte Frauen aus dem Nationalrat abgewählt, da gleicht der Ständerat immer noch den Vorzimmer einer Bauarbeiterfirma und Werner Seitz meint, dass die Frauen ihre Wahlchancen erhöht haben. Hmm, das ist erklärungsbedürftig, obwohl ich weiss, dass Seitz auf den stetig steigenden Frauenanteil in den bürgerlichen Parteien hinweisen will. Doch solche Beobachtungen verstellen den Blick aufs Ganze und die harte Analyse: Frauen sind bei Wahlen in der Schweiz vor allem erfolgreich, wenn sie in Parteien politisieren können, die den schottischen Humor jedem Blondinenwitz vorziehen. Nur Parteien, die klare Frauenförderung betreiben, weisen einen Frauenanteil im Parlament auf, welcher dem Menschen- und Bürgerstatus der Hälfte dieses Landes wenigstens annähernd entspricht.

SVP kleinlaut

Bern revisited: Amstutz muss wirklich noch einmal antreten. Das kostet seine Partei wieder eine Stange Geld. Die Zersplitterung der bürgerlichen Stimmen hat diesen zweiten Wahlkampf bewirkt, ebenso der Wechsel der Sozialdemokraten von Wyss zu Stöckli. Hans Stöckli hat mit 40 Prozent sehr gut abgeschnitten und der grüne Alec von Graffenried auch achtbare 30 Prozent. Der zweite Wahlgang wird spannend. Viele grüne Stimmen könnten dem BDP-Mann Luginbühl zukommen. So oder so: Der Kanton Bern bleibt bis im November spannend.

Die Partei, die vorgibt, dass echte Schweizer nur sie wählen können, sieht um diese Uhrzeit noch etwas kleinlaut aus. Doch das wird sich mit Bestimmtheit ändern, wenn nicht mehr die grossartigen Ständeratserfolge der Frauen mit Klugheit und Weitsicht gefeiert werden können, sondern sich die Stammtischler in den Nationalrat drängen?.

Noch etwas: Echt. Da gewinnt ein Journalist eines rechtspopulistischen kleinen Wochenblatts in einem rechtspopulistischen rechten Kanton die Wahl ins Parlament und die Medien überschlagen sich. Journalisten sind immer wieder vor allem von sich selber begeistert?

Die Hiobsbotschaften für die FDP überschlagen sich. Einzig im Kanton Zug haben sich die bürgerlichen Parteien mit grosser Kraft durchgesetzt. Der links-grün-alternative Medienstar Jo Lang wurde abgewählt. Nach Jahren einer Zuger Politik mit grünem Punkt, kehrt sie nun dort zurück, wo sie die Restschweiz eh vermutet: Rechtsbürgerlich, stramm und finanzplatzorientiert. Die Zuger Vielfalt muss nicht nur mangels Wohnungsnot, verursacht durch die internationalen und geldstarken Finanzdienstleister umziehen, sie zieht nun auch aus dem Parlament aus. Jo Lang ist wohl auch zum Verhängis geworden, dass er sich weniger in seinem Wahlkanton, sondern mehr und mehr in den Zürcher Medien und in Bern aufgehalten hat. Gerade in kleinen Kantonen wird dies nicht unbedingt locker verziehen. Zudem ist die Linke innerhalb des Kantons Zug oft auch zerstritten, nicht untypisch für Minderheiten, deren Positionen richtig und wichtig sind, deren Personen aber genau mit dieser Kombination nicht umgehen können. Auch viele Linke wählen, wenn vor die Aufgabe gestellt, lieber Macht statt Klugheit.

15.24 Uhr: Bei sämtlichen kantonalen Wahlen haben bisher die Grünliberalen auf Kosten der FDP gewonnen ? nun scheint sich in den Hochrechnungen ein neuer Kostenfaktor abzuzeichnen: Die Grünen. Schon zwei Mandate weniger. Hängt dies nun mit den Listenverbindungen, den Positionen, den Personen oder dem Wahlkampf der Grünen, von dem man eigentlich wenig mitbekommen hat, zusammen?

Spannend sind die Ständeratswahlen, was in die Mediendemokratie passt. Ständeratswahlen sind Persönlichkeitswahlen. Alle Kandidatinnen müssen weit über die eigene Partei ausstrahlen und politisieren können. Der Ständerat wurde seit 1990 immer von der CVP und der FDP dominiert während CVP und FDP im Nationalrat immer mehr verlieren. Die Politik der Schweiz wird also auch in Zukunft stark nicht nur von Personen, Medien und Parteien dominiert werden, sondern von den Institutionen, d.h. dem Zweikammersystem. Wer der protestierenden Jugend in den 1980er Jahren einmal gesagt hätte, sie würden einmal in ihrem Leben noch um die Institution Ständerat froh sein, sie hätten wohl laut herausgelacht. Aber so ändern sich eben die Zeiten.

Ein Antipolitiker wird Politiker

Ach ja: Schaffhausen gab es ja auch noch. Hier keine Änderungen in dem schönen Grenzkanton: Hannes Germann schafft es locker, seinen Ständeratssitz zu halten. Dafür lässt die FDP auch hier Atomfeder?sie verliert und verliert und verliert und der Politgeograf Michael Hermann, der sich sehr weit mit seiner Prognose herausgelehnt hat, darf schon bald eine Flasche Champagner öffnen ? obwohl er wohl eher der Rotweintyp ist.

Thomas Minder, der Antipolitiker ist nun Politiker geworden. Dank seinem Engagement gegen die Atomenergie gelingt es ihm, das links-grüne Lager in Schaffhausen ziemlich platt zu machen, da Minder natürlich die bürgerlichen Wähler an sich binden kann. Die Wahlen heute zeigen immer mehr: Klare Positionen zahlen sich nur aus, wenn sie auch Mittewähler ansprechen. Dies erinnert mich an einen Diskurs am Beispiel der Occupy-Bewegung, der kürzlich auf Facebook geführt wurde. Da monierte ein engagierter Künstler auch, dass Occupy nur erfolgreich sein könne, wenn ?ganz normale? Bürger auch mitdemonstrieren würden. ?Normale Bürger? sind in der Schweiz wohl durchschnittlich Mitte-Rechts-Bürger. Was mich wiederum an mein Diktum erinnert, dass es oft ein grosses Kompliment ist, zu gewissen Kategorien nicht zu gehören oder auf gewissen Listen nie zu stehen?..

Hans im Stöckli hat für den Kanton Bern noch besser gepunktet als dies dem Bieler Stadtpräsidenten eh schon zugetraut wurde. Es kommt zu einem zweiten spannenden Wahlgang.

Frauen punkten im Ständerat

Uuuups, wie unten erwähnt: Es ist gefährlich, zu sehr auf Hochrechnungen abzustellen. Nun ist Verena Diener doch nicht im ersten Wahlgang gewählt. Also werde ich vorsichtiger sein, eigentlich sollte ich dies mittlerweile wissen. Denn für die Hochrechnungen sehr erschwerend hinzu kommen die Listenverbindungen.

Frauen scheinen eher exekutiv- und regierungsfähig als gesetzgebungsmachend zu sein: Im Nationalrat verlieren Frauen um Frauen ihren Sitz, dafür punkten die Frauen für den Ständerat regelmässig an erster Position.

Grünliberale und BDP die Sieger der Nationalratswahlen ? 3 Sitzgewinne ? auf 200 ist das noch nicht grad berauschend, aber eben: Wenn man von Null auf 3 startet, dann reden alle sofort von Wahlsieg.

Martin Bäumle klar und deutlich ? seine mathematischen Geschicke scheinen sich auszuzahlen. Dank Listenverbindungen, hoher Medienpräsenz, einer wichtigen und klaren Position in der Frage der Atomenergie haben die Grünliberalen viele bürgerliche Wählerinnen und Wähler ansprechen können. Das erhöht mit einem Schlag die Wiederwahlchancen von Widmer-Schlumpf und senkt die Wiederwahl eines Schneider-Ammanns. Politischer Leistungsausweis und politische Positionen helfen Widmer-Schlumpf, deren Partei rein rechnerisch nie eine Chance auf einen Bundesratssitz hätte. Doch wie meinte der amerikanische Dichter Walt Whitman? ?Demokratie ist der göttliche Durchschnitt.? Nun ja ? für Atheistinnen wohl eher eine fragwürdige Aussage, doch punkto Durchschnitt und in Bezug auf ein System, das mehr als nur Mehrheit sein sollte, gar nicht so schlecht.

Wieder eine Frau weniger im Nationalrat. Im Kanton Solothurn scheint es die Grüne Brigitte Wyss nicht mehr zu schaffen. Diesmal war es die BDP, welche mit geschickter Listenverbindung die Wyss wahrscheinlich den Kopf gekostet hat.

14.30 Uhr: Listenverbindungen sind nicht nur schwer hochzurechnen, sondern auch für die Wählerin manchmal sehr seltsam zu durchschauen. So unterstützen in einigen Kantonen die Grünliberalen die EVP oder die EDU mit, weil die Grünliberalen in kluger taktischer Wahlsicht, viele und teilweise auch wilde Listenverbindungen eingegangen sind. Was wiederum zeigt: Bei Wahlen geht es zwar auch um Inhalte, doch es geht in erster Linie mal um mathematisches und mächtiges Geschick.

Wiederum eine positive Frauennachricht. Es scheint als ob Karin Keller-Sutter mit grosser Bravour und im ersten Wahlgang den Ständeratssitz erobert hat. Einmal mehr ärgere ich mich darüber, dass die kluge, umsichtige und beliebte Politikerin es nicht in die Regierung geschafft hat. Stellen Sie sich vor: Die Wahl lag zwischen ihr und Schneider-Ammann. Und das Parlament hat tatsächlich Letzteren, der seit seiner Wahl völlig überfordert scheint, das Vertrauen gegeben.

Frauenschwund im Nationalrat

Zeichen für Frauenschwund im Nationalrat, wie von mir prognostiziert: Basel-Stadt verliert seine grüne Nationalrätin. Trotzdem: Fraktionspräsidentin FDP Huber hält ihren Sitz und wir freuen uns auf vier weitere Jahre mit der technokratischsten Frauenstimme weltweit. Schön auch die Einschätzung von Huber an Radio DRS 1: ?Die FDP hat als Partei mit den grössten Vorurteilen zu kämpfen.? Vielleicht ist heute der Tag, an welchem sich zeigt, dass dies eben nicht Vorurteile sind, sondern Fakten.

Peter Keller hätte auf die Frage, wie er sich den Erfolg erklärt, fast noch die Weltwoche erwähnt: ?Es war eine Mischung aus Person, Partei und den vielen Wahlhelferinnen und Wahlhelfer.? Klar doch, wer eine grosse Wochenzeitschrift hinter sich hat?.

14.15 Uhr: Die Gewinne der Grünliberalen gehen auf Kosten der FDP und nicht wie von den Grünen und Sozialdemokratinnen zunächst befürchtet, auf Kosten der linken Sitze. Eine solche Interpretation würde zum Phänomen Stuttgart 21 passen, wo sich auch sehr viele ehemals bürgerliche Wählerinnen und Wähler zu den Grünen hingewandt haben.

Klasse am Newsticker ist, dass die Millionärspartei noch nicht einmal mit irgend einem spektakulären Wahlsieg kommentiert werden musste ? dies anderthalb Stunden nach den ersten Hochrechnungen. Das ist schon mal ein grosser Unterschied zu den Wahlen vor vier Jahren.

Alles andere als flau

Flauer Wahlkampf? Den monieren nur diejenigen, die sich nicht auf Twitter und Facebook oder in den diversen Blogs getummelt haben. Für all die Kräfte und die unzählig vielen Kandidatinnen und Kandidaten war der Sommer/Herbst 2011 alles andere als flau. Soviel zu den eigenen Welten, die ganz spezielle Beobachtungen puschen.

Wenn Journalisten am rechten, äusseren Rand politisieren, ist ihnen ein Mandat fast sicher. Weltwoche-Redaktor Peter Keller erringt für die SVP einen Nationalratssitz im Kanton Nidwalden (ja, wirklich liebe Zürcherinnen und Zürcher, das ist tatsächlich ein Kanton und nicht nur Vorort Eurer schönen Stadt). Dieser Wahlsieg belegt die Kleinräumigkeit der Schweiz, die sich, falls mit Medienmacht verbunden, als unschlagbar erweist. Wer in der Politik schnell Erfolg haben will, versucht sich am besten ausserhalb den Städten und dann von Vorteil eher rechts und konservativ positionierend.

Der Stadt-Land-Unterschied der Wahlerfolge der diversen Parteien wird sich wohl auch 2011 verschärfen. Es gibt eine konservative, rechtspopulistische SVP?Land-Schweiz gegenüber einer offenen, vielfältigen und modernen Urban-Schweiz. Insofern ist es trotz aller Kritik keine schlechte Idee, Geografen Politologie betreiben zu lassen.

13.30 Uhr: Zunächst mal wollen wir auf die Welt schauen, denn die Schweiz ist zwar hier und jetzt der Nabel der Welt, trotzdem, anderswo ticken auch Schweizeruhren.

In Tunesien zum erstenmal freie Wahlen ? der Turnout wird sicher höher als in der Schweiz sein. In Brüssel ist Gipfelstimmung ? die Helikopter kreisen immer wieder über den Cinquantennaire. Und zu guter letzt global: Gestern war Feiertag für 285 indische Mädchen. Sie konnten endlich ihren Namen wechseln. Denn bei Geburt wurden sie alle Nakusa oder Nakushi genannt, was soviel bedeutet wie ?ungewollt?. Mit ihren neuen Namen können sie die weltverbreitete Diskriminierung von Töchtern bekämpfen. Was uns auf die Frauenvertretung in der Politik der Schweiz bringt: Da besteht nämlich die Gefahr, dass zum erstenmal seit Jahren noch weniger Frauen als eh schon unter der Bundeshauskuppel Platz nehmen können.

Ein Wahlauftakt nach meinem Geschmack

Trotzdem: Drei Frauen sind schon vorn. Anita Fetz, Karin Keller-Sutter und Verena Diener. Ein Wahlauftakt nach meinem Geschmack.

Wahlsonntag im Zeichen der Grünliberalen und der SVP? Dies die erste Reaktion zu Ständeratswahlen in Basel und Zürich. Verena Diener schafft es eventuell schon im ersten Wahlgang, weiterhin im Ständerat zu verbleiben. Der Mann aus Herrliberg setzt nach wie vor auf den zweiten Wahlgang, er liegt aber trotzdem auf dem dritten Platz. Felix Gutzwiller will sicher keinen zweiten Wahlgang.

FDP lässt Federn

Die FDP lässt Federn und wie. Im Kanton Graubünden verliert sie an SVP und BDP, im Kanton Aargau schaut sie gegen die Grünliberalen ein. Das Bündnis grünliberal und sozialdemokratisch funktioniert in diesem schönsten aller Naturkantone.

Doch hallo. Kann diese Hochrechnung grad zum Kanton Graubünden stimmen? Andrea Hämmerle, der seit Jahrzehnten nicht mehr antritt, äussert laut und deutlich Zweifel auf Radio DRS. Auch mich beschleicht plötzlich ein Unbehagen. Trotz hohem Vertrauen in Robert Nef vom Hochrechnungszentrum in Zürich, könnte es dieses Jahr mit den Hochrechnungen schiefgehen, wenn die Beteiligung überdurchschnittlich ausfallen sollte. Hätte und Könnte spielen um diese Uhrzeit immer noch eine wichtige Rolle.

 

 

(fkl/news.ch)

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