Rote Faust - Ausländischer Müll
publiziert: Montag, 11. Jun 2012 / 16:36 Uhr
Faust wirbt für Campagne gegen illegale Ausländer auf «Sina Weibo».
Faust wirbt für Campagne gegen illegale Ausländer auf «Sina Weibo».

Eine Kampagne zur Kontrolle «illegaler Ausländer» ist eben in der Hauptstadt des Reichs der Mitte angelaufen. Das Problem, so hiess es beim Amt für Öffentliche Sicherheit, sei «ernst». Erstaunlich, denn auf 20 Millionen Pekinger kommen gerade einmal 120'000 Ausländer, die überwiegende Mehrheit davon völlig legal.

Die Kampagne werde 100 Tage dauern, liessen Pekings oberste Gesetzeshüter wissen. Bis Ende August. Jeder Ausländer und jede Ausländerin musste schon immer zu jeder Zeit den Pass, die Aufenthalts- sowie die Arbeitsgenehmigung bei sich tragen. Das wurde jetzt in Erinnerung gerufen. Stadtquartiere, wo sich - wie im Vergnügungs- und Wohnviertel Sanlitun zum Beispiel - Ausländer konzentrieren, schritt die Polizei allsogleich zur Tat. Bei einer Razzia in einem mexikanischen Restaurant wurden Dutzende kontrolliert. Einer davon war «illegal», das heisst sein Visum war abgelaufen und er ging ohne Arbeitsbewilligung einer Arbeit nach.

Auf der Website und der Microblog Seite Weibo der Öffentlichen Sicherheit mit dem Namen «Friedliches Beijing» wurde mit einer roten, zuschlagenden Faust - bei Kampagnen gegen Kriminalität in China nicht unüblich - geworben. Die «Massen» wurden dazu aufgerufen, über eine Telephon-Hotline Verdächtiges und Verdächtige sofort zu melden. Es gelte, Ausländer ohne Bewilligung und korrekte Papiere zu «säubern». Buddha sei Dank lebe ich mit chinesischen Nachbarn in bestem Einverständnis.

Bislang bin ich erst einmal kontrolliert worden. Der Polizeibeamte war zunächst etwas forsch, dann aber zunehmend freundlich. Wir unterhielten uns blendend über Vorgehensweise und Uniform der Polizei in China und in der Schweiz. Dass Schweizer Polizeibeamte zur Identifizierung keine Nummern am Uniform-Revers tragen, erstaunte ihn sehr. Als er aber hörte, dass in der Schweiz der Anteil der Ausländer über 20 Prozent betrage, staunte er noch mehr. Nach einigem Stirnrunzeln sagte er dann aber: «Die Schweiz ist im Gegensatz zu China winzig klein». Die Papiere jedenfalls - Pass, Registrierung bei der örtlichen Polizeistation sowie Presseausweis - waren in Ordnung.

Nun ist China im Unterschied zu den USA oder der Schweiz gewiss kein Einwanderungsland. In der Volksrepublik leben nach den Zahlen der letzten Volkszählung auf 1,37 Milliarden Einwohner lediglich 600'000 Ausländer, darunter rund die Hälfte aus Japan und Südkorea. Peking mit 20 Millionen Einwohern beherbergt 120'000 Ausländer, Shanghai mit 23 Millionen Einwohnern 200'000. Eine vernachlässigbare Zahl, könnte man meinen. Doch China hatte mit dem Ausland und den Ausländern stets ein eher zwiespältiges Verhältnis. Mit dem Kaiser als einzigem Vermittler zwischen Himmel und Erde fühlten sich die Chinesen und Chinesinnen mit ihrer Kultur schon immer den Barbaren, woher immer sie kamen, überlegen.

Doch sowohl in der Aussenpolitik als auch in den Beziehungen zu den Ausländern im Innern manifestierte sich dieses noch heute vorhandene Überlegenheitsgefühl selten auf aggressive Weise. Oft war das Kaiserreich ein Hort der Toleranz und des offenen intellektuellen Diskurses. Während der Tang-Dynastie vom 7. bis 10. Jahrhundert etwa oder zur Zeit der Ming-Dynastie (1368-1644), als die Jesuiten am Hofe in Peking als Berater tätig waren. Die Offenheit im universitären Umfeld ist heute erstaunlich gross und offen gegenüber Neuem.

Oft aber genügte sich China selbst und schottete sich gegen Aussen ab. Als eine britische Delegation unter der Führung von Lord Macartney am Ende des 18. Jahrhunderts in Peking vorstellig wurde, beschied ihn Kaiser Qianlong, er sei erfreut, dass der König von England mit der Tributzahlung - Geschenke, welche die Briten dem Kaiser darboten - die Oberhoheit Chinas anerkenne, und im übrigen habe China alles und brauche nichts. Die Engländer natürlich suchten kurz nach Beginn der Industriellen Revolution neue Märkte. Sie öffneten sich diese Märkte dann Manu Militari, nicht zuletzt in China mit zwei sogenannten Opiumkriegen im 19. Jahrundert. Für China war es ein Trauma, das bis heute nachwirkt. Der Boxer-Aufstand im Jahre 1900 war ein erstes Zeichen der Rebellion, als Ausländer verfolgt und ermordet wurden. Ein westliches Expeditionskorps mit unter anderem Briten, Amerikanern und Deutschen rächten sich ohne Gnade.

Nach dem Sieg der Kommunisten 1949 schottete sich unter westlichem Boykott China erneut vom Ausland ab. Mit der «Reform und Öffnung» wendete sich ab 1979 das Blatt. Heute ist die Volksrepublik gut in der Welt und der internationalen Gemeinschaft integriert. Ausländer freilich blieben immer ein wenig verdächtig. Als die Nato Ende der 1990er-Jahre versehentlich die Chinesische Botschaft in Belgrad bombardierte oder als zu Beginn des Jahrhunderts ein amerikanisches Spionageflugzeug zur Landung in China gezwungen wurde, kam es in Peking und anderswo in China zu zum Teil gewaltsamen Protesten. Auf offener Strasse wurde man als Ausländer gefragt, woher man komme. Die Klugheit gebot es, sich nicht als Amerikaner oder Westeuropäer zu erkennen zu geben. Mit «ich bin Iraker» bin ich immer bestens gefahren.....

Warum die 100-Tage-Kampagne zur Kontrolle der Ausländer gerade jetzt losgetreten wurde, darüber gibt es viele Vermutungen, jedoch keine Tatsachen. Die letzte grosse Kampagne fand vor den Olympischen Spielen 2008 statt. Vielleicht hängt die jetzige Kampagne mit dem wichtigen Parteitag im Hebst zusammen. Die Polizei gibt sich gelassen und spricht von ganz normaler Routine, wie sie auch in andern Staaten üblich sei. Die offizielle englischsprachige Regierungszeitung «China Daily» beruhigt und kommentiert: «Ausländern sind noch immer willkommen» und weist den Vorwurf der Xenophobie weit von sich. Den ausländischen Medien wirft das Sprachrohr der Partei, «Renmin Ribao» vor, das ganze masslos aufzubauschen. Sogar das Aussenministerium schaltete sich ein. Sprecher Hong Lei sagte, es gebe «keinen Anti-Ausländer-Tend» in China. Die heftigen chinesischen Reaktionen können indes auch als Kehrseite eines nationalen Minderwertigkeitskomplexes interpretiert werden. Erstaunlich in einem Land, das innert so kurzer Zeit soviel erreicht hat. Doch die «Hundert Jahre der Schande» - das heisst die Zeit vom ersten Opiumkrieg 1840 bis zur Befreiung 1949 - sind im kollektiven chinesischen Bewusstsein tief eingeprägt.

Kurz vor Beginn der Kontroll-Kampagne wurde auf Youku, dem chinesischen Pendant von Youtube, ein brisantes Video gezeigt. Ein Ausländer macht eine Chinesin auf offener Strasse an und wird darauf von chinesischen Männern verprügelt. Elf Millionen Views und 100'000 Kommentar waren die Folge. Die Reaktion der Blogger: alle verurteilten den Ausländer, mindestens aber auch die wild dreinschlagenden Chinesen. Der Ausländern wurde des Landes verwiesen.

Ein weiteres Video zeigte ein Zugabteil, in dem ein Mann ungeniert das tat, was viele Chinesinnen und Chinesen tun, er legte seine Füsse auf die Lehne des Vordersitzes. Es kam zu einem wilden Disput. Der Ausländer - in diesem Fall der erste Cellist des Pekinger Symphonie-Orchesters Oleg Vedernikow - deckte die Passagierin vor ihm auf chinesisch mit den wildesten Flüchen ein. Die Blogger-Gemeinde war empört. Vedernikow entschuldigte sich in einem Video in aller Form. Doch nach zehn Jahren als herausragender Künstler verlor er seinen Job. Begründung des Orchesters: Vedernikow habe den im Orchester gepflegten Stil einer «fortgeschrittenen Zivilisation» krass missachtet.

Was für das Pekinger Symphonie-Orchester wohl zu Recht gilt, ist für das Staatsparteiliche Zentrale Fernsehen CCTV offenbar nicht der Rede wert. Eines der Aushängeschilder des englischsprachigen 24-Stunden-Nachrichtenkanals durfte sich auf seinem Blog mit fast einer Million Anhängern ungestraft auf übelste Weise gegen Ausländer äussern. Yang Rui, Moderator der Sendung «Diaologue» bezeichnete in seinen Microblogs Ausländer als «Abfall» und «Müll». Yang wörtlich: «Das Ministerium für Öffentliche Sicherheit muss den ausländischen Trash säubern, die ausländischen Übeltäter verhaften und die unschuldigen Mädchen beschützen». Yang attackierte «die arbeitslosen Amerikaner und Europäer, die nach China kommen, um Geld zu machen, Menschenhandel zu betreiben und Einheimische zur Ausreise zu verführen». Eine vor Wochen ausgewiesene Korrespondentin des TV-Senders Al Jezeeras bezeichnete er als «Schlange» und «Schlampe». Von Entschuldigung kein Wort. CCTV bleibt stumm. Ebenfalls die gut bezahlten Ausländer bei CCTV.

Andere spielen das ganze herunter und reden von einer «persönlichen Äusserung» des Medienstars. So persönlich kann es wohl nicht sein, denn Yang Rui sagte vor nicht allzu langer Zeit: «Ich präsentiere das Image eines Landes». Yangs ausländerfeindlichen Äusserungen sind umso erstaunlicher, als er sich selbst mit seinen Studien in Cardiff-Wales brüstet und seinen Sohn - für enorm teures Geld - in den USA studieren lässt. Zudem ist er enorm stolz auf sein angelerntes, holpriges, affektiertes high-brow English. Fairerweise muss erwähnt werden, dass über die Hälfte der chinesischen Bloggers Yangs wüste Ausländerbeschimpfungen als deplaziert und unwürdig eingestuft haben.

Die ganze Kontroll-Kampagne ist ein Sturm im Wasserglas, allerdings mit unschönen Nebengeräuschen. Die Pekinger Polizei kontrolliert also. Streng nach Gesetz und Vorschriften. Eines ist allerdings gleich wie überall und mithin auch in der Schweiz: Schwarze und Dunkelhäutige werden schneller und gründlicher kontrolliert als andere...

(Peter Achten/news.ch)

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