Stefan Voss
Russisches Märchen: Finanzkrise überwunden?
publiziert: Montag, 18. Aug 2003 / 10:01 Uhr

Moskau - Fünf Jahre nach der schweren Finanzkrise in Russland ist die Konjunktur wieder so stabil wie noch nie. Experten warnen aber davor, in den kommenden Monaten in Russland anzulegen: Die anstehenden Präsidentschaftswahlen versprechen Unruhe.

Der russische Märchenonkel: Präsident Putin bei seiner Neujahransprache 2003.
Der russische Märchenonkel: Präsident Putin bei seiner Neujahransprache 2003.
Der russische Präsident ist derzeit hinsichtlich der russischen Wirtschaft so selbstbewusst, sich er sich öffentlich einen derben Scherz auf Kosten der Investoren erlaubt.

Im Ton eines Märchenonkels machte sich Wladimir Putin über die Angst ausländischer Geldgeber vor dem unberechenbaren Markt Russland lustig.

"Wie auch immer der Wolf sich kleidet, er wird nie eine Grossmutter und frisst am Ende doch das Rotkäppchen", scherzte Putin Mitte der Woche bei einem Treffen mit Industriellen in Moskau.

Investoren nicht mehr wehrlos

Doch so wehrlos wie Rotkäppchen im finsteren Wald fühlen sich Investoren im heuten Russland längst nicht mehr. Am 17. August 1998 hatte die russische Regierung die Bedienung ihrer Schulden ausgesetzt und den stark unter Druck stehenden Rubel zur Abwertung freigegeben.

Seitdem hat sich die russische Wirtschaft von den grössten Rückschlägen erholt und verzeichnet deutliche Zuwachsraten.

Zwar ist der erste Schub als Folge hoher Ölpreise und realer Rubelabwertung abgeschwächt, doch hat sich die russische Wirtschaft auf ein beachtliches Wachstum von knapp 5 Prozent pro Jahr eingependelt.

Börsenaufschwung

Der Staatshaushalt verzeichnet Überschüsse, die Inflationsrate blieb im Rahmen. Die Handelsüberschüsse sind weiterhin beachtlich.

Sie belaufen sich in diesem Jahr in den Leistungsbilanzen auf etwa 5 bis 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, schätzen westliche Experten.

Der russische Aktienmarkt beeindruckt nach dem tiefen Fall 1998 mit konstanten Kurssteigerungen im zweistelligen Bereich. Westliche Börsenexperten sehen aber derzeit fürs erste das Ende der Fahnenstange erreicht.

Schwieriger Wahlkampf

Die kommenden Monaten versprechen - nicht zuletzt wegen dem anstehenden russischen Wahlkampf - weniger rosig zu werden. Investoren sollten in der zweiten Jahreshälfte ihr Geld nicht unbedingt in Russland anlegen, rät Credit Suisse First Boston in einer Analyse von Ende Juli.

Als wesentliche Gründe nennen die Experten zu erwartende Gewinnmitnahmen nach den deutlichen Kursanstiegen in der jüngsten Vergangenheit.

Zudem drohe durch die bevorstehenden Parlaments- und Präsidentenwahlen eine Verwässerung der Reformpolitik, was zu Unsicherheiten am Markt führe.

Dass der um eine Annäherung an den Westen und weitere Reformen bemühte Präsident Putin im kommenden März wiedergewählt wird, steht derzeit ausser Frage.

Unruhe wegen Fall Yukos

Jüngste Schritte der Justiz gegen den mächtigen Ölkonzern Yukos sorgen für Unruhe in Wirtschaftskreisen. Nicht wenige Experten in Russland fürchten, dass der Kreml Wahlkampf auf Kosten des unbequemen Yukos-Vorstandschef Michail Chodorkowski betreibt.

Horrorszenarien wie im August 1998 mit Zahlungsunfähigkeit von Staat und Banken schliessen Wirtschaftsexperten im Moment aus.

"Im Verlauf des nächsten Jahres ist eine Zahlungsunfähigkeit in unserem Land unmöglich. Russland hat jetzt nicht so enorme Verpflichtungen, die es nicht bedienen kann", urteilt Sergej Aleksaschenko, Vize- Generaldirektor der Finanzholding Interros. Die Auslandsverschuldung ist den vergangenen Jahren deutlich gesunken.

Nur die halbe Miete

Mit dem Amtsantritt Putins hat sich das Tempo der Reformen im Land deutlich beschleunigt. Doch nach Ansicht von Experten ist das nur die halbe Miete.

Von entscheidender Bedeutung sei, ob die Steuergesetze, Banken- und Bodenreformen oder Gesetze zum Schutz von Unternehmen bei staatlichen Kontrollen auch in die Tat umgesetzt werden.

Bei allen wirtschaftlichen Verbesserungen klagen vor allem ausländische Investoren weiterhin über fehlende Rechtssicherheit sowie eine willkürliche Zoll- und Steuerpolitik im Land.

(bsk/dpa)

 
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