Sahaf: Schiiten-Stätte Nadschaf und Kerbala sind bedroht
publiziert: Mittwoch, 2. Apr 2003 / 15:35 Uhr

Bagdad/Bern - Die irakischen Städte Nadschaf und Kerbala sind für die Kriegskoalition wichtige strategische Orte. Für die islamische Welt jedoch sind sie wichtige Heiligtümer. Der irakische Informationsminister Sahaf berichtete in seiner heutigen Pressekonferenz, wie alliierte Streifkräfte die Heiligtümer beschädigten.

Der irakische Informationsminister berichtete in seiner heutigen Pressekonferenz darüber, wie Flugzeuge der alliierten Streitkräfte tief über die schiitischen Heiligtümer fliegen würden.

„Sie machen dies bewusst und absichtlich, sie bedrohen jahrhundertealte Heiligtümer.“ Sahaf weiss, dass er mit solchen Meldungen, die schiitische Mehrheit des Iraks auf die Seite von Präsident Saddam Hussein bringt. Aus Kreisen des US-Militärs wurde zu den Anschuldigungen Sahafs keine Stellung genommen.

In Kerbala und Nadschaf sind die Gebeine von Begründern der schiitischen Glaubensrichtung begraben. In Nadschaf befindet sich das Grabmal des Kalifen Ali, eines Schwiegersohnes von Mohammed. In Kerbala sind der Onkel des Propheten und Hussein, der Sohn Alis und Enkel Mohammeds, begraben.

Wichtige Grabstätten

Für Schiiten ist es deshalb eine besondere Ehre, ihre letzte Ruhe in Nadschaf oder Kerbala zu finden. Die beiden Städte seien wichtig für die "Seele der Verstorbenen", sagt Reinhard Schulze, Professor am Institut für Islamwissenschaften der Universität Bern, gegenüber der Nachrichtenagentur sda.

Sollten die heiligen Bezirke in Kerbala und Nadschaf zerstört werden oder die Kriegskoalition diese besetzen, wäre dies ein "Angriff auf die kollektive Identität der Schiiten", erklärt Professor Schulze. "Für schiitischen Menschen wäre dies ein Grund, sich selbst als angegriffen zu betrachten."

Rund zehn Prozent der 1,3 Milliarden Moslems sind Schiiten. Sie leben vor allem in Irak (rund 65 Prozent der Bevölkerung), in Iran (90 Prozent) und im Libanon (rund 40 Prozent). Auch in Syrien, Afghanistan, Indien und Pakistan sind die Schiiten zahlreich.

Der Iran will mit Saddam nichts zu tun haben

Bis zum Krieg zwischen Iran und Irak von 1980 bis 1988 waren beide Städte wichtige Pilgerstätten auch für Iraner. Zudem spielt Nadschaf eine besondere Rolle in der iranischen Geschichte: Revolutionsführer Ayatollah Khomeini lebte bis 1978 vierzehn Jahre lang in Nadschaf im Exil.

Dort bereitete er den Sturz des Schah-Regimes ein Jahr später vor. Sollte Nadschaf in die Hände der Kriegskoalition fallen, sei dies für die Regierung in Teheran aber kein Grund, Irak zur Seite zu stehen, sagt Schulze. Denn die Iraner wollten keinesfalls mit dem ehemaligen Kriegsgegner Saddam Hussein etwas zu tun haben.

Diese Neutralität könnte die iranische Regierung ins Wanken bringen. Das wäre dann der Fall, wenn Teile der iranischen Bevölkerung von der Regierung den Schutz der Heiligtümer fordern würden.

Die Bevölkerung sei zwar kriegsmüde. Sie wolle die Reformen im Lande voran bringen und wehre sich gegen eine neue Militarisierung in ihrer Heimat. Es wäre aber möglich, dass sich militante politische Gruppen als Kriegspartei in Iran formieren könnten.

Demos sind ein „Nein“ zum Krieg

Unabhängig hiervon sind laut Schulze die Demonstrationen in Iran nicht als Unterstützung für das Regime in Bagdad zu verstehen, sondern als Nein zum Krieg und als Nein zu einer Invasion westlicher Staaten in einem arabischen Land.

Auch die Haltung der Regierung Irans könne sich ändern, falls nach einem Sturz Saddam Husseins der Krieg in Irak weitergehe, warnt Islamwissenschafter Schulze. Denn dann sei eine Parteinahme für Irak nicht mehr gleich einer Parteinahme für Saddam Hussein.

(Daniela Karst/sda)

 
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