Sara tanzt: Vom Hören und Überhören
publiziert: Dienstag, 19. Aug 2003 / 07:19 Uhr

Bern - Erwin Kochs erster Roman "Sara tanzt" erzählt die Geschichte einer unmöglichen Liebe zu Zeiten einer maroden Militärdiktatur. Mitläufer Frits liebt die Gefangene Sara und landet selbst im Gefängnis.

Erwin Kochs 'Sara Tanzt'.
Erwin Kochs 'Sara Tanzt'.
"Ich war Cellist im Innenministerium, der Rest ging mich nichts an", erzählt Frits. Er überhörte, überspielte, bis Sara in sein Leben tanzt. Sara wird während der Militärdiktatur als unwichtiges Mitglied der "Unterzone Ost" gefangen genommen.

Frits, kleiner Beamter der brutalen Herrscher, übertönt ihre Schreie mit seinem Cello und verhilft ihr schliesslich, als die Diktatur schon am Ende ist, in die Freiheit. Erst als er unter der neuen Regierung selbst ins Gefängnis kommt, lernt er wirklich zu hören.

Seltsam unberührt

Frits verkörpert Feigheit und Konformismus; ein Mensch, der es nicht schafft, sich zu emanzipieren. Die Geschichte von seiner Liebe zu Sara fesselt.

Doch so wie er selbst seltsam unberührt bleibt durch das Geschehen in Saras Gefängnis, bleibt der Leser seltsam unberührt von Saras Leiden.

Es ist deshalb nicht wirklich die Geschichte von Sara, die ans Bett gekettet wird und summt und spricht, um zu überleben. Ihre Pein - Folter, Vergewaltigung - wird nur angedeutet.

Vaters Bub

Es ist in Wirklichkeit die Geschichte des Ich-Erzählers Frits, "verkannt für etwas, was richtig war, gelobt für etwas, das falsch war."

Ein Cellist, der keine Karriere macht, sein Leben lang Vaters Bub bleibt und dank diesem, Oberst der Artillerie, eine Anstellung beim Innenministerium erhält.

Frits füllt Karteikarten der Gefangenen aus und vernichtet sie, sobald diese umgebracht worden sind. Doch erst Sara, deren Summen er als Musiker entschlüsseln soll, lässt ihn sein Tun hinterfragen und ihn aus seiner sorgfältig zurecht gelegten, distanzierten Alltagsroutine ausbrechen.

Frits schafft es, Sara zur Freiheit zu verhelfen, doch wird er zuletzt von dieser selbst verraten. Sie wird Zeugin seiner Taten und Beweis für die Unumkehrbarkeit der Geschichte.

Virtuoser Sprachkünstler

Koch spielt, wie man es aus seinen Reportagen kennt, meisterhaft mit der Sprache, entdeckt Gesichter in Betonblasen, kreiert aus einem Sprachen-Potpourri Kinderlieder und Strassennamen, um die Herkunft der wahren Geschichte zu verwischen.

Er spiegelt die Gegenwart an der Zukunft und umgekehrt, und springt leichtfüssig darin hin und her.

Ebenso virtuos legt er Saras Geschichte in den Mund des Ich-Erzählers, aus dessen Sicht wir ihre Gefangennahme erfahren, ihre immer noch existierende Liebe zum ermordeten Mann und zu den gemeinsamen Kindern. Indem Koch diese Perspektive wählt, setzt er dem Mitgefühl der Leserschaft eine klare Grenze. Sara tanzt - aber ohne uns.

Erwin Koch, Sara tanzt. Nagel & Kimche 2003. 176 Seiten, Fr. 31.20.

(Corinne Dobler, Quelle: sfd)

 
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