Der «Geliebte Führer» ist nicht mehr. Wie «geliebt» er tatsächlich wurde, das wird wie bei allem andern, was Nordkorea betrifft, niemand ausserhalb des hermetisch von der Aussenwelt abgeschotteten Landes je erfahren.
Kim Jong-il plagten schon in den vergangenen Jahren schwere gesundheitliche Probleme. 2008 soll er einen Schlaganfall erlitten haben. Zudem habe er an Bluthochdruck, Diabetes und Nierenproblemen gelitten. Genau weiss das freilich niemand, denn wie alles um Kim Jong-il war und ist Staatsgeheimnis. Der «geliebte Führer» starb deshalb nicht einen gewöhnlichen Tod, sondern segnete das Zeitliche, wie es sich für den besorgten Landesvater gehört, an «Überarbeitung».
Der Personenkult um Kim den Jüngeren wurde bereits vom Vater der Nation Kim Il-sung begründet. Kim der Ältere tat sich unter sowjetischem Schutz als Vorkämpfer gegen die japanische Kolonisation (1905-1945) hervor. So soll denn dessen Sohn Kim Jong-il auf dem legendären Paektu-Berg im Norden der koreanischen Halbinsel am 16. Februar geboren worden sein. Während der Geburt soll ein Stern, so lernen es alle Nordkoreaner bereits in der Schule, und ein doppelter Regenbogen den Himmel illuminiert haben. Die Wirklichkeit war, wie sowjetische Historiker behaupten, sehr viel prosaischer. Nach dieser Version soll Kim Jong-il im sowjetischen Chabarowsk geboren worden sein. Vater Kim Il-sung jedenfalls liess seinen Sohn zwei Jahrzehnte lang die parteiliche Stufenleiter Schritt für Schritt emporklettern. Beim Tod Kim Il-sungs 1994 war Sohn Kim Jong-il bereit, in die Fuststapfen seines Vaters zu treten.
Während Kim Il-sung nach seinem Tod zum «Präsidenten in alle Ewigkeit» ernannt wurde, festigte der Sohn seine Macht, ja dehnte sie aus. Allerdings war er nicht der Verrückte, Halbwahnsinnige, wie ihn die westlichen Medien darzustellen beliebten. Er handelt durchaus rational und zielgerichtet. Gewiss, er liebte Cognac, schweren Bordeaux, Pizza, blonde europäische Frauen und Hollywood-Filme, Aber das war's dann schon. Kim Jong-il war ein knallharter Diktator und hielt zuletzt 23 Millionen Nordkoreaner und Nordkoreanerinnen in Geiselhaft. Die grosse Hungersnot 1996-1999 kostete über eine Million Menschen das Leben. Die Wirtschaft liegt heute am Boden, und rund sechs Millionen Menschen leiden Hunger oder sind unterernährt. Verschiedene Reform-Versuche scheiterten kläglich, weil Kim Jong-il und die Führungsriege ihre Privilegien sicher wollten. Nordkorea ist ein schlafender wirtschaftlicher Riese. Bodenschätze und eine gut ausgebildete Bevölkerung wären die Grundlage. Nicht vergessen werden darf, dass Nordkorea noch lange nach dem Ende des Koreakrieges (1950-53) Südkorea bis Ende der sechziger Jahre wirtschaftlich überlegen war.
Nordkorea wird oft als stalinistischer Staat apostrophiert. Sicher, das ist nicht ganz falsch, aber eben nur halbrichtig. Nordkorea nämlich ist zuvörderst als konfunzianischer Staat zu interpretieren. Nicht von ungefähr wurden kuerzlich im vertraulichen Gespräch im Aussenministerium in Pjöngjang die Unruhen in Syrien als durchaus gerechtfertigt gedeutet. Konfuzius und sein später Schüler Menzius nämlich lehrten, dass Aufbegehren gegen unmoralische Herrscher gerechtfertigt sei. Kim Jong-il, der «Geliebte Führer», fällt selbstverständlich unter die Kategorie der moralisch korrekten und fürs Volk wohlwollenden Führer.
Wie geht es weiter? Kim Jong-il hat vorgesorgt, wenn auch spät, indem er seinen jüngsten Sohn Kim Jong-un als Nachfolger kurzfristig aufgebaut hat. Ueber den in Nordkorea als «Junger General» bekannte Kim sind wenige Fakten gesichert. Nicht einmal das genaue Alter ist publik. 27, 28 oder 29 Jahre? Im Ausland weiss es niemand. Auch sein Werdegang ist obskur. Er soll, unter anderem Namen, einmal zwei Jahre lang in Köniz-Liebefeld (Kanton Bern) eine internationale Schule besucht haben. Auch das ist nicht bestätigt, immerhin aber möglich. Im letzten Jahr hat die Aussenwelt endlich den jungen Kim zu sehen bekommen, immer in Begleitung seiner Vaters Kim Jong-il. Aufgefallen ist Kim Jong-uns Ähnlichkeit mit Grossvater Kim Il-sung. Südkoreanische Experten spekulierten deshalb über einen chirurgischen Eingriff, um mit der Ähnlichkeit die Legitimität der Kim-Dynastie zu untermauern.
Der Tod Kim Jong-ils beschäftigt nicht ohne Grund auch die internationale Gemeinschaft in hohem Masse. China ist aus strategischen Gründen am Status Quo, also einem Pufferstaat, interessiert. Bei einem Kollaps fürchtet Peking auch eine Flüchtlingswelle gigantischen Ausmasses. Auch Südkorea ist an einer Implosion Nordkoreas nicht interessiert. Ungleich etwa Deutschland sind die Grössenverhältnisse auf der koreanischen Halbinsel total verschieden. Südkorea (46 Mio Einwohner) könnte sich eine abrupte Wiedervereinigung mit Nordkorea (23 Mio Einwohner) schlicht nicht leisten. Auch die USA sind seit der Administration Obama wieder mehrheitlich für Dialog, wenn auch der Einsiedlerstaat noch nicht ganz von der amerikanischen «Achse des Bösen» gestrichen ist. Am meisten Sorge macht sich derzeit Japan. Das nordkoreanische Atomprogramm ist für die Insel eine grosse Gefahr. Die Pekinger Sechser-Gespräche wurden 2008 von Pjöngjang unterbunden. Derzeit sind Bemühungen, vor allem von Seiten Pekings und Washingtons, im Gange, diese diplomatischen Gespräche wieder aufzunehmen. Kim Jong-il war ein Meister der Diplomatie. An den Pekinger Sechser-Gesprächen mit den Grossmächten hat er alles versprochen, kaum etwas gehalten und immer alles - unter anderem Nahrungsmittelhilfe - bekommen.
Wie Nachfolger Kim Jong-un mit Hilfe seiner Familie und den Mächtigen im Militär und Sicherheitsapparat Nordkoreas Zukunft gestalten wird, ist nicht vorhersehbar. Spätestens im nächsten April wird man vermutlich mehr wissen. Dann nämlich jährt sich zum hundertsten Mal der Geburtstag von Kim Il-sung, dem nordkoreanischen Halbgott. Es wird ein Riesenfest. Bis zu diesem Zeitpunkt hat bereits der jetzt verstorbene Kim Jong-il ein prosperierende Land und eine aufstrebende Grossmacht versprochen.
(Peter Achten/news.ch)
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