«Schön einfach»: Hightech ohne Gebrauchsanweisung
publiziert: Samstag, 3. Nov 2007 / 20:50 Uhr / aktualisiert: Samstag, 3. Nov 2007 / 21:14 Uhr

«Laptops oder Handys, die sich selbst erklären, sind möglich», sagt Annette Geiger, die Professorin für Mode und Ästhetik an der Technischen Universität Darmstadt (TUD).

Annette Geiger träumt von Hightech-Geräten ohne Gebrauchsanweisung. Um das zu erreichen, empfiehlt sie den Ingenieuren, mehr Wert auf das Aussehen ihrer Produkte zu legen. «Ein Gerät, das die Nutzer schön finden, ist meist auch leicht bedienbar», weiss die 39 Jahre alte Expertin für Ästhetik im Alltagsleben.

Es gibt nur eine Hand voll Professoren an deutschen Hochschulen, die sich mit der Schönheit des Alltäglichen beschäftigen. Hier gebe es enormen Nachholbedarf, meint Geiger. «Die Hochschulen hinken der Gesellschaft weit hinterher.» Die 39-Jährige ist überzeugt: «Die Deutschen denken so viel über Ästhetik nach wie noch nie.»

Das spiegele sich in den Medien wider: Journalisten hätten vor Jahren über die Haarfarbe von Ex-Kanzler Gerhard Schröder spekuliert und heute versuchten sie zu ermitteln, welcher Coiffeur für Angela Merkels Frisur verantwortlich ist. Die Menschen redeten über wegretuschierte Speckringe von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy auf einem Foto oder fragten sich, ob ein Politiker mit randloser Brille selbst konturlos ist. Geiger findet das gut.

Warnung vor ästhetischer Inszenierung

Gleichzeitig warnt Geiger, die Kunsthistorikerin sowie Kultur- und Kommunikationswissenschaftlerin ist: «Wenn man sie nicht reflektiert, können ästhetische Inszenierungen gefährlich werden.» Denn Politiker versuchten gerne, die Wähler zu beeinflussen, indem sie ihre Körper wirkungsvoll in Szene setzen.

Als Beispiel führt sie den russischen Präsidenten Wladimir Putin an: Sein nackter Oberkörper sollte zeigen, dass er ein starker Mann ist. «Hier in Deutschland hat kein Journalist ein gutes Haar an dieser Show gelassen», sagt Geiger, die im April an die TUD berufen wurde.

«Wir im Westen finden das lächerlich.» Nicht nur gegenüber der Politik, sondern quer durch alle Lebensbereiche hätten die Deutschen ihre Sensoren für Ästhetik in den letzten 30 Jahren enorm geschärft. «Das geht vom Dekor des Toilettenpapiers bis zur inszenierten Architektur.»

Menschen interessieren sich mehr für Gestaltung

Früher hätten sich die Menschen nicht für die Gestaltung ihrer Stadt interessiert, sagt Geiger. «Heute können Pläne wie der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses verbale Barrikadenkämpfe auslösen.»

Auch im Berufsleben habe sich viel verändert. «Wie sich ein Arbeitnehmer kleidet, interessiert heute viele Chefs mehr als beispielsweise seine sexuelle Ausrichtung», sagt Geiger. «Was den Lebensstil angeht, sind die Deutschen liberaler geworden.»

Dresscodes an der Uni

Kleiderordnungen hingegen seien manchmal sehr einengend. Frauen in Führungspositionen beispielsweise trügen meist Hosenanzüge und Perlenketten. Geiger selbst hat sich für Jeans und einen schlichten schwarzen Pulli entschieden. «Ich geniesse die Freiheit an der Universität, sich zu kleiden wie man will.»

Die Professorin ist sich aber bewusst, dass auch universitäre Fachgemeinschaften eigene Dresscodes entwickeln: Viele männliche Informatik-Studenten zum Beispiel trügen einen Pferdeschwanz. Solchen Originale bereichern den Alltag, findet Geiger. Denn: «Je mehr ein Mensch einem bestimmten Typus entspricht, desto schöner finden wir ihn.»

Botschaften von Punks und Bankern

Die ästhetische Selbstinszenierung eines Menschen ziele nicht nur auf die eigene Schönheit. Vielmehr senden der Punk oder der Banker mit ihrem Aussehen Botschaften an ihre Umwelt: «Ästhetik und Kommunikation sind ein und dasselbe.»

Dieses Prinzip will Geiger auch in ihren Vorlesungen an der TUD beherzigen. Sie unterrichtet angehende Berufsschullehrer für Körperpflege. «Gute Pädagogik setzt ästhetische Mittel ein», sagt die Professorin.

Wenn eine Lehrkraft anschauliche Metaphern benutze, werde der Unterricht schöner und gleichzeitig verständlicher. Möglicherweise werden die Darmstädter Studenten nur drei Jahre lang Geigers Vorlesungen lauschen können. Die vom Kosmetikkonzern Wella gestiftete Professur ist vorerst befristet.

Doch solange steht die Vorlesung über Alltagsästhetik allen Studenten der TU Darmstadt offen. «Es kommen auch Informatiker», sagt Geiger. Vielleicht lernen sie dort wie Laptops schöner werden.

(von Marie-Anne Winter, dpa /teltarif.ch)

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