Schönheitsklinik in Rio behandelt Mittellose gratis
publiziert: Dienstag, 9. Dez 2008 / 07:28 Uhr

Rio de Janeiro - Nirgendwo ist der Wunsch nach dem perfekten Körper grösser als in Brasilien. Jetzt bekommen auch die Ärmsten von Rio de Janeiro die Chance, ihrer Schönheit künstlich nachzuhelfen.

Die Klinik bildet Spezialisten für Schönheitschirurgie aus und die Armen der Slums profitieren davon. Bild: Favela in Rio.
Die Klinik bildet Spezialisten für Schönheitschirurgie aus und die Armen der Slums profitieren davon. Bild: Favela in Rio.
Hunderte Slumbewohner, fast ausschliesslich Frauen, stehen seit Wochen täglich Schlange vor der Klinik der Brasilianischen Gesellschaft für kosmetische Chirurgie (SBME) - in der Hoffnung, kostenlos behandelt zu werden.

«Ich bin schon seit gestern Abend um elf Uhr hier und habe auf dem Trottoir geschlafen, um eine der ersten Nummern zu ziehen», sagt Vander Rodrigues. Der 28-Jährige Transvestit ist eigentlich Coiffeur, doch wie viele, die mit ihm warten, hat er keine Arbeit.

Arm zu sein ist die Bedingung, um für Botox-Spritzen oder eine Cellulite-Behandlung nicht bezahlen zu müssen. Die Ärzte in der SBME-Klinik kümmern sich nur um diejenigen, weniger als 500 Real (250 Franken) im Monat verdienen. Insgesamt 1800 Patienten wurden im November für die kostenlose Behandlung ausgewählt.

Er träume schon lange davon, sich lästige Härchen im Gesicht und einige Krampfadern entfernen zu lassen, sagt Vander. «Bisher verschwende ich verrückt viel Zeit mit Pinzette und Vergrösserungsspiegel.»

Zettel Nummer 15

Vander trägt eine Jeansjacke zu seinem geblümten Minirock und hält sich an seinem Handtäschchen fest. Schliesslich bekommt er einen Zettel mit der Nummer 15 ausgehändigt. Der werde ihn «glücklicher» machen, ist sich Vander sicher.

Auch Ana Lucia Cortes hat die Nacht über vor der Klinik ausgeharrt. Dabei habe sie nur der Zufall hierher geführt, erzählt die 46-jährige Putzfrau. Am Tag zuvor sei sie im Gericht gewesen, um ihre Scheidung einzuleiten.

«Jetzt, da Sie sich scheiden lassen, sollten Sie sich auch in die Schlange stellen, um schöner zu werden», habe ihr die Pförtnerin im Gericht geraten. Ana Lucia befolgte den Rat und verbrachte die Nacht im Freien auf einer Zeitung sitzend.

Nur kleinere Eingriffe

Am Morgen wird sie mit einem Zettel mit der Nummer 24 belohnt. Ana Lucia will ihre Orangenhaut loswerden und sich eventuell den Bauch straffen lassen.

Zunächst bekommen Vander und Ana Lucia mit ihren Nummern nur ein Beratungsgespräch, in dem ihnen erklärt wird, dass nur kleinere Eingriffe, nicht aber etwa Brustvergrösserungen, kostenlos angeboten werden.

Anschliessend werden die beiden von einem Psychologen befragt. Dann endlich erhalten sie den Termin für ihre Verschönerung: Am 16. März nehmen sich die Ärzte für den Arbeitslosen und die Putzfrau Zeit.

Studenten im Einsatz

Die Schönheitschirurgen wehren sich gegen Vorwürfe, sie würden die mittellosen Patienten als Versuchskaninchen für neue Behandlungen missbrauchen. Der Leiter des Forschungszentrums der SBME, Nelson Rosas, räumt jedoch ein, dass die Armen von angehenden plastischen Chirurgen behandelt werden.

Die Klinik «bildet Spezialisten für Schönheitschirurgie aus und die Armen profitieren davon», sagt der Arzt. Das sei ein «menschenfreundliches Engagement».

Das sieht auch die 38-jährige Denise Vieira so und freut sich über ihr frisch geglättetes Gesicht: «Früher hatte ich beim Lachen schreckliche Krähenfüsse rund um meine Augen. Nach vier Sitzungen mit Botox-Spritzen ist es schon viel besser geworden.»

(Claire de Oliveira/afp)

 
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