Wimbledon
Schreckensmoment, Sieg und Hoffnung
publiziert: Montag, 2. Jul 2012 / 18:08 Uhr / aktualisiert: Montag, 2. Jul 2012 / 22:54 Uhr
Roger Federer.
Roger Federer.

Kurz nach 13 Uhr Ortszeit sah Roger Federer in Wimbledon wegen eines blockierten Rückens seine Felle davonschwimmen. Am Abend stand der bald 31-jährige Basler aber als grosser Gewinner des Tages da.

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Roger FedererRoger Federer
Roger Federer gewann seinen Achtelfinal gegen Xavier Malisse in 2:13 Stunden Spielzeit mit 7:6 (7:5), 6:1, 4:6, 6:3. In den Viertelfinals trifft er frühestens am Mittwoch auf Michail Juschni, die Nummer 33 der Welt. Gegen den Russen hat der Basler alle bisherigen Direktbegegnungen gewonnen (13) und erst drei Sätze (von 42) abgegeben. Mit Ausnahme von Novak Djokovic, der ebenfalls im überdachten Centre Court spielen durfte, sieht sich Federers gesamte übrige Konkurrenz in nerven- und kräfteraubenden Hängepartien verstrickt. Mitfavoriten wie Andy Murray, Jo-Wilfried Tsonga, Juan Martin Del Potro oder David Ferrer müssen mindestens zwei Tage hintereinander spielen, sofern das Wetter das überhaupt zulässt. Denn die Prognosen für die nächsten Tage versprechen nicht mehr Tennis als am Montag. Und alle können nicht auf dem Centre Court spielen.

Und Federers Rücken? "Dem geht es schon wieder viel besser", gab der Schweizer Entwarnung. "Ehrlich gesagt habe ich keine Bedenken für die nächste Runde. Ich bin fast überzeugt, dass ich bis Mittwoch wieder zu 100 Prozent fit sein werde. Diese Rückenbeschwerden verschwinden so schnell wie sie kommen."

"Ich war geschockt."

Im Achtelfinal gegen Xavier Malisse bereiteten diese Rückenprobleme Federer aber Schreckensmomente. Federer: "Ich war geschockt. Mir war klar, jetzt habe ich ein Problem. Wenn am Anfang eines Best-of-5-Spiels der Rücken blockiert, da läuten die Alarmglocken." Beim Stand von 4:3 verliess Federer nach 26 Minuten den Centre Court, um sich vom Physiotherapeuten im Pflegeraum helfen zu lassen. Nach dem achteinhalb-minütigen Unterbruch wirkte Federer noch lethargischer als vorher. Eine Viertelstunde nach der kurzen Pause akzentuierten sich die Probleme, als Xavier Malisse im dritten Anlauf (nach 1:1 und 2:2) und mit dem vierten Breakball der Aufschlagdurchbruch zum 6:5 gelang. Federer unterliefen in diesem elften Game vier Eigenfehler.

Doch innerhalb von zehn Minuten kippte das Spiel. Malisse verspielte die Vorgabe. Federer spielte in der Schlussphase des ersten Satzes noch nicht wesentlich besser, er konzentrierte sich einzig darauf, Fehler zu vermeiden. Malisse machte alle Fehler selber: drei im zwölften Spiel zum Re-Break (6:6), vier im Tiebreak. Malisse verlor nach dem Break zum 6:5 im Schnellverfahren elf der folgenden 13 Punkte. Malisse spielte in dieser Phase so schlecht, dass sich Federer am Ende beim Belgier für den ersten Satz entschuldigte. Federer: "Es war nicht so, dass ich etwas dafür konnte. Aber ich weiss, wie schwierig es ist, gegen einen Gegner spielen zu müssen, der nicht völlig fit ist."

Erster Satzgewinn der Schlüssel zum Sieg

Der Gewinn des ersten Satzes erwies sich für Federer als Schlüssel zum Sieg. Malisse verlor den Mut und in bloss 23 Minuten auch den zweiten Satz. Und als der Belgier sich im dritten Satz wieder Vorteile erspielte (6:4), durfte Federer dank der klaren Führung ruhig bleiben. Im vierten Satz, in welchem Malisse nochmals mit einem Break 2:0 vorne lag, drehte Federer am Ende auf. Federer riskierte wieder mehr, vor allem beim Aufschlag, weil er realisierte, dass sich sein Rücken nicht mehr so schlecht anfühlte. Die Wärmecrème und die Schmerzmittel, welche Federer während des ersten Satzes verabreicht bekommen hatte, wirkten so, wie sie wirken sollen.

Und wie geht es nun weiter? Niemand kann das besser beurteilen als Roger Federer selber, denn "genau diese Art Probleme tauchten schon mehr als einmal auf". Auch in Wimbledon blockierte sich sein Rücken schon: vor neun Jahren, ebenfalls in den Achtelfinals, damals gegen Feliciano Lopez. Federer besiegte Lopez trotzdem in drei Sätzen und gewann sechs Tage später sein erstes Wimbledon-Turnier. In dieser Saison streikte Federers Rücken in der ersten Januarwoche in Doha, wo es ebenso kalt war wie dieser Tage in Wimbledon und Federer stets am Abend antreten musste. In Doha erklärte Federer vor dem Halbfinal gegen Jo-Wilfried Tsonga Forfait. "Aber an diesem Turnier musste ich jeden Tag spielen und alles stand im Zeichen des Australian Open", relativiert Federer dieses Forfait.

Favorit gegen Juschni

Wenn der Rücken mitspielt, steigt Federer als haushoher Favorit in den Viertelfinal gegen Michail Juschni (ATP 33), der sich mit 6:3, 5:7, 6:4, 6:7 (6:8), 7:5 in 4:16 Stunden gegen Denis Istomin durchsetzte. Federer führt gegen Juschni in den Direktbegegnungen mit 13:0 Siegen und 39:3 Sätzen. In der jüngeren Vergangenheit gab es auch Duelle auf Rasen: vor zwei Wochen in Halle gewann Federer gegen Juschni im Halbfinal 6:1, 6:4; vor einem Jahr setzte sich der Schweizer in Wimbledon in den Achtelfinals mit 6:7, 6:3, 6:3, 6:3 durch.

Derweil bei den Männern erst drei Viertelfinalisten feststehen, brachten die Frauen vor dem Regen ihre Partien über die Runden. Es setzte Überraschungen ab: Maria Scharapowa, die Gewinnerin des French Open, wird nach Wimbledon als Nummer 1 der Welt wieder abdanken müssen. Die Russin verlor die Neuauflage des letztjährigen Halbfinals gegen Sabine Lisicki mit 4:6, 3:6. Lisicki hat in Wimbledon nun dreimal in vier Jahren die Roland-Garros-Siegerin "abserviert" (Swetlana Kusnezowa, Li Na, Scharapowa). Viktoria Asarenka, die auf dem Centre Court Ana Ivanovic zum Weinen brachte (6:1, 6:0), dürfte die Nummer 1 von Scharapowa übernehmen, Chancen darf sich aber auch noch die Polin Agniezka Radwanska ausrechnen, die allerdings Wimbledon gewinnen müsste.

Mindestens eine deutsche Spielerin wird die Halbfinals erreichen, denn Sabine Lisicki trifft im Viertelfinal auf Angelique Kerber. Kerber deklassierte Kim Clijsters mit 6:1, 6:1 und verdarb der Belgierin, die nach dem US Open zurücktreten wird, den Abschied aus Wimbledon. Clijsters fand im Rasen-Mekka nie ihr Glück; die besten Ergebnisse erzielte sie 2003 und 2006 (Niederlagen in den Halbfinals).

RufusTheHawk wieder da

Wieder aufgetaucht ist übrigens der Harrisfalke (oder amerikanischer Habicht) Rufus, der letzte Woche in Wimbledon aus einem Auto heraus gestohlen worden ist. Der etwas andere Wimbledon-Star wurde offenbar von seinem Dieb in die Freiheit entlassen; am Sonntag kehrte Rufus dann nach Wimbledon in die gewohnte Umgebung zurück. Zuerst verlautete, dass ein Vogel, der auf die Beschreibung von "Rufus The Hawk" passt, aufgetaucht und in ein Tierspital eingeliefert worden ist. Wenig später bestätigten die Besitzer überglücklich, dass sie Rufus wohlbehalten zurückerhalten hätten. Rufus wird in Wimbledon frühestens Ende Woche wieder die Tauben verscheuchen, denn nach drei Tagen in der Freiheit muss das Haustier erst wieder zu Kräften kommen. Die Tauben setzen sich nun während Rufus' Abwesenheit selber ausser Gefecht: am Montag flog eine in das Centre-Court-Dach; die herunterflatternden Federn sorgten für eine Unterbrechung der Partie Asarenka - Ivanovic.

Resultate:
Wimbledon. The Championships. Grand-Slam-Turnier (23,90 Mio Franken/Rasen). Männer, Achtelfinals: Roger Federer (Sz/3) s. Xavier Malisse (Be) 7:6 (7:1), 6:1, 4:6, 6:3. Novak Djokovic (Ser/1) s. Viktor Troicki (Ser) 6:3, 6:1, 6:3. Michail Juschni (Russ/26) s. Denis Istomin (Usb) 6:3, 5:7, 6:4, 6:7 (5:7), 7:5. - Viertelfinal-Tableau: Djokovic (1) - Gasquet (18)/F.Mayer (31), Federer (3) - Juschni (26); Ferrer (7)/Del Potro (9) - Cilic (16)/Murray (4), Tsonga (5)/Fish (10) - Baker/Kohlschreiber (27). - Hängepartien: Andy Murray (Gb/4) - Marin Cilic (Kro/16) 7:5, 3:1. Mardy Fish (USA/10) - Jo-Wilfried Tsonga (Fr/5) 6:4, 1:1. Florian Mayer (De/31) - Richard Gasquet (Fr/18) 6:3, 2:1.

Frauen, Achtelfinals: Sabine Lisicki (De/15) s. Maria Scharapowa (Russ/1) 6:4, 6:3. Viktoria Asarenka (WRuss/2) s. Ana Ivanovic (Ser/14) 6:1, 6:0. Agnieszka Radwanska (Pol/3) s. Camila Giorgi (It) 6:2, 6:3. Petra Kvitova (Tsch/4) s. Francesca Schiavone (It/24) 4:6, 7:5, 6:1. Serena Williams (USA/6) s. Jaroslawa Schwedowa (Kas) 6:1, 2:6, 7:5. Angelique Kerber (De/8) s. Kim Clijsters (Be) 6:1, 6:1. Maria Kirilenko (Russ/17) s. Peng Shuai (China/30) 6:1, 6:7 (6:8), 6:3. Tamira Paszek (Ö) s. Roberta Vinci (It/21) 6:2, 6:2. - Viertelfinal-Tableau: Lisicki (15) - Kerber (8), A.Radwanska (3) - Kirilenko (17); S.Williams (6) - Kvitova (4), Paszek - Asarenka (2).

(fest/Si)

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