
Die Schweizerische Fachstelle für Informationstechnologien im Bildungswesen empfahl letzte Woche den Schulen, aus Datenschutz- und Kostengründen auf Microsoft als Lieferant von Software zu verzichten. Matthias Stürmer von der «Parlamentarischen Gruppe für Digitale Nachhaltigkeit» erklärte news.ch, warum diese Entscheidung von seiner Gruppe begrüsst wird.
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Inside-IT Bericht zur Reaktion von Microsoft
Die Retourkutsche vom Software-Riesen auf die Anschuldigungen
inside-it.ch
Matthias Stürmer: Das ist ja gerade nicht der Fall. Naja, vielleicht noch bei den Lehrern, aber es sind doch einige Zehntausend Lehrer gesamtschweizerisch. Doch bei den Schülern ist dies natürlich massiv. Von denen sind wohl die wenigsten in einem Telefonbuch eingetragen. Diese Daten werden alle ohne deren Möglichkeit der Einflussnahme gespeichert.
Die genauen Zahlen liegen mir nicht vor. Aber ich gehe mal von einer halben Million Schülern aus, die schweizweit in die Schule gehen und wenn deren Daten nach und nach bei Microsoft gespeichert würden, dann wäre das eine sehr wertvolle Datenbank.
news.ch: Also könnten diese Daten für Vermarktungszwecke verwendet werden?
Matthias Stürmer: Microsoft bestreitet dies. Wir wurden letzte Woche sofort nach unserer Veröffentlichung von Microsoft kontaktiert und uns wurde vorgeworfen, dass sie keineswegs mit den Daten etwas vor hätten. Microsoft wirft uns vor, eine falsche Nutzungsregel referenziert zu haben. Educa hat dies nun abgeklärt und es hat sich gezeigt, dass bei Microsoft selber nicht ganz klar ist, welche Datenschutzerklärung nun wo gilt. Näheres diesbezüglich hat Educa in einem offenen Brief vom 23. März 2010 an Microsoft erläutert.
Wie dem auch sei: ich denke, es ist ein grundsätzliches Anliegen, den schrankenlosen Zugang von Microsoft und auch anderen Firmen zu Schulen zu begrenzen. Und wir halten deren Bestreben fragwürdig, diese Daten als strategischen Kampfplatz anzueignen und so langfristig ihre Pfründe zu sichern. Wieso soll eine amerikanische Firma, die nicht sonderlich für ihre Offenheit bekannt ist, Datenerfassung und -speicherung von Schülern machen, ganz egal, was in den Nutzungsbestimmungen steht?
news.ch: Als Alternative werden Open-Source-Programme Empfohlen. Aber reicht es denn schon, einfach die Programme auszuwechseln? Sollte in den Schulen denn nicht auch generell das User-Verhalten geschult werden, was die eigenen Daten angeht?
Matthias Stürmer: Absolut. Es ist ein integraler Bestandteil im Umgang mit neuen Medien das Bewusstsein zu schärfen, dass man im Internet-Alltag rückverfolgbare Spuren hinterlässt.
Es geht darum, dass man einerseits betreffend Datenverarbeitung und Applikationen eine gewisse Grundsicherheit schafft. Aber das schützt einen noch nicht davor, die eigenen Daten herauszugeben. Und dort bietet educa.ch, der Bildungsserver der Schweiz, eine Möglichkeit Datenspeicherungen an den Schulen vorzunehmen.
Die Daten müssten also die Schulen, beziehungsweise das Bildungsumfeld nicht verlassen und in die Töpfe von Privatfirmen gelangen. Das Ideal wäre eigentlich freie Software und eine schlanke Infrastruktur an den Schulen und die Datenspeicherung auf educa, dem Datenserver für die Schulen, der ja vom Bund und den Kantonen finanziert ist. So wäre die Privatsphäre von Schülern und Lehrern geschützt.
Auch keine Fahrschule für Mercedes oder BMW
news.ch: In den meisten Firmen ist ja kommerzielle Software im Einsatz. Ist es da nicht ein Risiko, wenn Schüler mit Open-Source-Programmen lernen? In Stellenausschreibungen wird ja nach Excel- und Word-Kenntnissen gefragt. OpenOffice.org Calc oder Writer habe ich noch nie gesehen.
Matthias Stürmer: Wenn Sie OpenOffice.org öffnen, hat dies mit Office 2003 eine viel grössere Ähnlichkeit als dieses mit Office 2007 hat. Eigentlich müsste in den Stellenanzeigen die Office-Version angegeben sein. Ernsthaft, es geht darum, generisches Wissen zu vermitteln. Wenn man Auto fahren lernt, ist es ja auch nicht so, dass man nur lernt, die Kupplung eines BMW oder eines Mercedes zu bedienen – man lernt generell ein Auto zu bedienen. In der Schule geht es darum, grundsätzlich das Bedienen eines Textprogrammes im OpenOffice.org Writer oder eines Präsentationsprogrammes in Impress zu erlernen.
Wer das beherrscht, wird nach 20 Minuten Eingewöhnung auch Microsoft Word oder Microsoft Powerpoint ohne Probleme bedienen können. Und diese zwanzig Minuten Eingewöhnungszeit oder mehr sind auch nötig, wenn eine neue Version von Office erscheint.
OpenSource ist beim Bund ein trauriges Thema
news.ch: Sie sind ja von der parlamentarischen Gruppe für digitale Nachhaltigkeit. Wie steht es denn in der Bundesverwaltung um den Einsatz von freier Software?
Matthias Stürmer: Ja, das ist ein trauriges Kapitel. Wir hatten vor zwei Wochen ein parlamentarisches Dinner zu diesem Thema, zu dem wir National- und Ständeräte eingeladen haben. Rund ein Dutzend ist gekommen mit denen wir dann diskutierten. Die zwölf in den vergangenen acht Monaten zum Thema der digitalen Nachhaltigkeit beim Bundesrat eingereichten Vorstösse, die man alle auf unserer Website nachlesen kann, sind alle sozusagen abgeblitzt.
Der Bundesrat sagte, ja, das haben wir schon, das machen wir schon und wir sind ja schon so weit. Und obwohl man anhand internationaler Studien nachweisen kann, dass der Bund zum Thema OpenSource einen riesigen Rückstand hat, findet man dafür praktisch keine offenen Ohren. Immerhin hat uns Herr Marius Redli, Direktor des Bundesamts für Informatik und Telekommunikation BIT, für ein Gespräch im Mai eingeladen.
news.ch: Ist das denn nicht auch eine Kostenfrage?
Matthias Stürmer: Absolut – es werden grosse Beträge ausgegeben, die nicht nötig wären. Unsere neueste Initiative in diesem Zusammenhang ist ein Roundtable, zu dem alle Akteure eingeladen werden – auch Software-Hersteller wie Microsoft, die auf der anderen Seite lobbyieren - um den Status Quo zu betrachten. Weitere Vorstösse einzureichen, wäre ineffizient, die werden ohnehin alle abgelehnt. Wenn die Verwaltung nicht will, will sie nicht. Und zwingen kann man sie kaum. Und wenn man vor das Bundesverwaltungsgericht geht, wird die Sache extrem juristisch und kämpferisch gehandhabt.
Es geht nicht darum, den Bund schlecht zu machen, aber es handelt sich um eine Trägheit der Verwaltung, die nur sehr schwer zu überwinden ist.
Dabei würde es ja auch anders gehen, wie man es auf kantonaler Ebene sieht, wo sich manches bewegt.
Dort gibt es ja schon länger die Open-Source-Pionier-Kantone Waadt, Genf und Solothurn. Zu denen sind in diesem Jahr zwei weitere Kantone hinzu gestossen. Einerseits der Kanton Basel-Stadt, der eine Open- Source-Förderungsstrategie bekannt gegeben hat und andererseits der Kanton Zug, der die gesamte Intranet-Lösung unter einer Open-Source-Lizenz freigegeben hat. Die Kantone sind da ganz eindeutig mutiger, während wir beim Bund oft leider auf taube Ohren stossen.
news.ch: Herr Stürmer, vielen Dank für das Gespräch.
(et/news.ch)
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