Schuluniformen: Lehrerverband skeptisch
publiziert: Mittwoch, 2. Dez 2009 / 16:05 Uhr / aktualisiert: Montag, 7. Dez 2009 / 11:25 Uhr

Zürich - Ob ein Schul-Dresscode ein taugliches Mittel zur Integration von Kindern und gegen Ausgrenzung darstellt, ist nach Ansicht des Dachverbandes der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) fraglich. news.ch sprach mit LCH-Präsident Beat W. Zemp.

«Eine Frage der Tradition»: Beat W. Zemp.
«Eine Frage der Tradition»: Beat W. Zemp.
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news.ch: Herr Zemp, Sie nahmen am 22. Aug. 2007 zur Jugendgewalt wie folgt Stellung:
«Die markante Zunahme gewalttätigen Verhaltens bei Jugendlichen vor allem in den Bereichen Körperverletzung, Drohungen, Vandalismus und Mobbing macht auch der Lehrerschaft arg zu schaffen.»
Könnten Schuluniformen eine disziplinierende oder integrative Wirkung haben?

Beat W. Zemp: Es gibt nur wenige Studien darüber, die zudem zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen. Aus erzieherischer Sicht sind Schuluniformen eine zwiespältige Angelegenheit: Positiv könnten der Ausdruck von Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die Vermeidung von Prahlereien, Hänseleien (Mobbing), sexistischen Kleiderspielen, vielleicht auch der Stolz über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schule angeführt werden. Negativ wären der Dressur-Ansatz, die Erziehung zum gehorsamen Herdentier und die scheinheilige Ausblendung der sozialen Realitäten zu nennen.
Wo lernen denn die Kinder und Jugendlichen mit der Tatsache umzugehen, dass die Eltern ein unterschiedlich gefülltes Portemonnaie haben, die einen eben ihr Geld in Kleider und andere in Bücher oder Ferien investieren? Wo lernen sie mit Andersartigem oder mit Fremdländischen tolerant umzugehen und die Menschen nicht nach ihren Kleidern vorschnell einzuteilen? Man sollte es der Schule aus dieser Perspektive heraus gesehen nicht vorschreiben, diese wichtigen erzieherischen Herausforderungen durch die Einführung von Schuluniformen auszublenden!

news.ch: Würden minderbegüterte Eltern dadurch entlastet werden?

Beat W. Zemp: Eine finanzielle Entlastung gäbe es nur sehr bedingt, weil die Kinder und Jugendlichen ja zusätzlich zu den Schuluniformen auch noch Kleider für die Freizeit und für sportliche Aktivitäten brauchen.

news.ch: Denken Sie, dass die Schulbekleidung Schüler vom Abgleiten in Kriminalität, Alkohol oder Gewalt abhalten oder gegen Übergriffe von aussen schützen könnte?

Beat W. Zemp: Schön wär’s ja. Aber eine Schuluniform, die das alles schafft, ist noch nicht erfunden!

news.ch: Wie hoch schätzen Sie die Kosten einer obligatorischen Schulbekleidung ein?

Beat W. Zemp: Das kommt sehr darauf an, was man unter Schuluniform versteht. Wenn man nur gleichfarbige Oberteile (T-Shirts, Hemden, Blusen oder Pullover) mit einem Schulemblem versieht, ist das natürlich viel billiger als eine vollständige Uniform im Stil einer Kadettenuniform, wie sie japanische Schüler tragen müssen, die deutlich mehr als CHF 500 kostet.

news.ch: Wie hoch sollte Ihrer Ansicht nach der Kostenanteil für die Eltern betragen?

Beat W. Zemp: Darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf, weil Schuluniformen schlecht in ein modernes öffentliches Bildungswesen in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft wie die Schweiz passen.

news.ch: Wäre die Schuluniform überhaupt durchsetzbar?

Beat W. Zemp: Die Diskussion um Schuluniformen flackert alle paar Jahre wieder auf, wird aber in der Schweiz zu Recht nicht ernsthaft geführt. Schuluniformen haben ihre geschichtlichen Wurzeln in widersprüchlichen Kulturen: Einerseits in absolutistischen und militarisierten Gesellschaften und andererseits ab dem 19. Jahrhundert auch als Ausdruck des Chancengleichheits-Ideals. Hinzu kommt da und dort das elitäre Motiv bei Privatschulen, sich durch Kleidung und Abzeichen von Konkurrenzschulen und von „gewöhnlichen“ Volksschulen abzugrenzen.
In der Schweiz haben Schuluniformen keine Tradition und die Akzeptanz ist mehrheitlich nicht vorhanden, auch bei den Schülern nicht. Das hat der gescheiterte Basler Schulversuch mit der Einführung von Schuluniformen bei freiwilligen Versuchsklassen vor drei Jahren gezeigt.

news.ch: Der Lehrerdachverband schrieb am 10. Dez. 2005, dass das Geld in die Pädagogik gesteckt werden soll und nicht in die Garderobe. An welche pädagogischen Massnahmen denken Sie?

Beat W. Zemp: Da gibt es eine ganze Reihe von Massnahmen, die den Kindern und Jugendlichen ganz direkt zu gute kämen. Ich nenne hier nur die Einführung von Schulsozialarbeit und eine bessere Entlastung der Klassenlehrpersonen vom Unterricht, damit diese mehr Zeit für die pädagogische Betreuung der Klasse als Ganzes und für einzelne Schülerinnen und Schüler haben.

news.ch: Hat sich an Ihrer ablehnenden Haltung seither etwas geändert?

Nein. Ich bin immer noch skeptisch gegenüber Schuluniformen an Schweizer Schulen. So lange nicht die behaupteten Vorteile von Schuluniformen (Leistungs- und Motivationssteigerung, Verminderung von Disziplinproblemen) hinreichend belegt sind, habe ich keinen Grund, meine Meinung zu ändern.

news.ch Wurde im LCH über Schuluniformen abgestimmt?

Beat W. Zemp: Ich habe bisher keinen Antrag zur Einführung von Schuluniformen erhalten, weder von Lehrerseite noch von den Schulbehörden. Daher gab es im LCH auch keine Abstimmung.

news.ch: Der Versuch in Basel betraf die Altergruppe 14-15. Ist Ihrer Ansicht nach die Schulbekleidung bis zur 6. Klasse (Alter 12) eher vorstellbar?

Beat W. Zemp: Vorstellbar ist das schon. Ich besuche bei meinen Reisen und Kongressen im Ausland ab und zu auch Primarschulen, an denen Schuluniformen getragen werden und natürlich auch solche ohne Schuluniformen. Das ist aber in erster Linie eine Frage der gesellschaftlichen Tradition und nicht der Pädagogik.

news.ch: Danke für das Gespräch

(Harald Tappeiner/news.ch)

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