Schweizer Scouts schlagen AlarmDie frühen 80er Jahrgänge der Schweizer Eishockey-Junioren waren herausragend und wurden weltweit gerühmt. Die Jahrgänge 84 bis 86 wurden als gut eingestuft. Aber die Scouts schlagen Alarm: Ab jetzt kommt eine Zäsur!
(Von Joel Wüthrich Working Press Basel/Montreal/ eishockey.ch)
Der Schweizer NHL-Scout Thomas Roost von der Central Scouting Europe ist besorgt: Die 87er und 88er Jahrgänge würden kaum mehr so stark sein wie diejenigen zuvor.
Roost: «Meine Beobachtungen unseres 86er Jahrganges, aber auch ein Blick auf die 87er und 88er Jahrgänge zeigen mir, dass vor allem bei den 86ern die individuelle Klasse fehlt. Zudem haben andere Nationen wie Weissrussland, Deutschland, Lettland und die Ukraine, alles direkte Gegner um den Ligaerhalt in den kommenden Jahren, viel versprechende Nachwuchsprogramme gestartet. Mittelfristig werden diese Nationen an unsere Klasse herankommen. Wir müssen gewappnet sein.»
Die «Warnung» von Thomas Roost und anderen intensiven Beobachtern der Juniorenszene wurde bisher nur bedingt wahrgenommen. Noch immer wirken die positiven Aspekte nach. Die Erfolge der letzten Jahre sind nach wie vor im Kopf. Und das, obwohl die Alarmzeichen sportlich deutlich sind wie nie zuvor. Die mässigen Jahrgänge der nahen Zukunft werden für das Schweizer Eishockey eine massive Zäsur ergeben, wenn nicht schnell reagiert wird.
Fehlende individuelle Klasse
Thomas Roost: «Die Thesen, die über unser Juniorenhockey in Umlauf gebracht werden, lassen uns glauben, dass unsere Junioren im Alter von 18-20 Jahren gegenüber der ausländischen Konkurrenz deutlich an Boden verlieren. Wir gewinnen nach wie vor die Spiele gegen die auf dem Papier schwächsten Mannschaften (Weissrussland und Deutschland) und dies mehr oder weniger problemlos, obwohl der Druck immer sehr gross war!»
«Gegen die Slowaken können wir mithalten. Es gilt allerdings zu bedenken, dass vor allem bei den Slowaken (und teilweise auch bei den Tschechen) bereits im Alter von 17 Jahren viele Jungtalente in Nordamerika spielen, die jeweils nicht zur U18-WM abgestellt werden (Playoffs in den Major Junior Hockey-Leagues).»
«Zur U20-WM werden jeweils sämtliche Spieler freigestellt (ausser diejenigen die bereits in der NHL tätig sind). Das bedeutet, dass die Spiele auf U18-Niveau nicht immer genau die Leistungsverhältnisse widerspiegeln, weil bei den gegnerischen Mannschaften (speziell Slowakei und teilweise auch Tschechien) oft ein paar sehr gute Spieler fehlen. Dies gilt auch für Testspiele während der Saison der U20-Mannschaft gegen eben diese Teams (fehlende Nordamerikaner).»
«Alles in allem: Ich sehe alles andere als eine Verschlechterung unserer Jungs im Alter zwischen 18-20 Jahren. Hingegen stimmt es nachdenklich, was in den Altersklassen zwischen 20 und 25 Jahren und speziell in den Jahrgängen 1986 bis 1988 unterhalb der 18er geschieht. In dieser Zeitspanne scheinen wir tatsächlich an Boden zu verlieren.»
Nicht blenden lassen...
Thomas Roost ist überzeugt, dass auch bei den U18-, U19- und U20-Junioren nicht das Niveau herrscht, welches uns einzelne erzielte Resultate vortäuschen. Die Einzelspieler in den Ländern Kanada, Russland, USA, Tschechien, Finnland, Schweden und Slowakei sind im Durchschnitt noch gut erkennbar.
Selbst Deutschland hat in den Jahrgängen 80-83 mit Goc, Ehrhoff und Seidenberg bessere Einzelspieler produziert als die Schweiz, was auch für den relativen Erfolg der deutschen Nationalmannschaft mitverantwortlich ist.
«Uns fehlen», so Roost, «die sehr guten Einzelspieler, denn unsere Erfolge bei den Junioren sind in erster Linie auf hervorragendes taktisches Verhalten und Mannschaftsspiel zurückzuführen. In Sachen Taktik und Disziplin sind unsere Juniorenauswahlmannschaften Weltklasse.»
Russland: Individuell überlegen
Die Russen hingegen spielen teilweise erstaunlich undiszipliniert und arrogant, dass sie sich oft selbst um den Erfolg bringen. Individuell sind sie aber derart überlegen, dass sie selbst so die meisten Spiele gewinnen.
Im Alter nach zwanzig lernen sie dann oft auch das taktische Feinverhalten und auch Disziplin, so dass dann der Unterschied zu uns noch deutlicher zum Tragen kommt. Ähnliche Entwicklungen sehe ich vorab auch bei sehr jungen Spielern nordamerikanischer Mannschaften, die oft durch spieltaktisches Nichtwissen/Nichtwollen oder eindimensionales Spiel auffallen, welches sie aber im Verlaufe der Karriere durch Erfahrung locker aufholen.
Individuelle Klasse und Talent lassen sich aber nach 20 Jahren nicht mehr so gut entwickeln. Dies könnte eine Erklärung sein für die sich öffnende Schere im Alter von 20-25 Jahren. «Wir müssen versuchen, » so Roost weiter, «noch bessere Einzelspieler zu produzieren, das heisst in den Trainings noch mehr mit spieltechnischen Drills arbeiten und im Spiel unsere Schmetterlinge fliegen lassen.»
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