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Schweizer mit Limiten und Chancen
publiziert: Donnerstag, 26. Jan 2006 / 00:30 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 26. Jan 2006 / 01:26 Uhr

Innerhalb von vier Tagen bietet sich dem Schweizer Handball-Nationalteam auf prominentem Podium die Chance zur Imagepflege. Schlüssig ist derzeit aber nicht zu beurteilen, ob die SHV-Auswahl an der Euro im eigenen Land das Ziel «Hauptrunde» erreicht.

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Das EM-Warm-up gegen Portugal brachte keine neuen Erkenntnisse. Das vergleichsweise unerfahrene Team von Arno Ehret stoppte gegen die international unerheblichen Portugiesen aber wenigstens die Serie der Niederlagen.

Wo der Gastgeber im Vergleich zur Konkurrenz aus Slowenien, Polen und der Ukraine exakt einzuordnen ist, wird in der Zeit bis zum Sonntag in St. Gallen zu klären sein. Im Sinne aller Beteiligten wäre es, wenn die Schweizer die heikle erste Phase des Turniers überstehen würden.

In ihrer Vierer-Gruppe müssen die SHV-Vertreter zumindest eine Equipe verdrängen. Programmgemäss genügt wie vor zwei Jahren in Slowenien ein Erfolg gegen die Ukraine zum Vorstoss ins Glück.

Die Osteuropäer scheinen sich in Reichweite zu bewegen; zumal die frühere Sowjet-Republik seit geraumer Zeit stagniert hat. Gleiches werfen die Kritiker hingegen auch Ehrets Ensemble vor. Seit der letzten kontinentalen Meisterschaft verlor der diesjährige EM-Veranstalter 24 von 33 Tests.

Verwaiste «Königsposition»

Die Bilanz wirft Fragen auf und ist nicht immer nachvollziehbar, aber zumindest erklärbar. Seit Jahren gilt die eminent wichtige rechte Aufbauerposition als verwaist.

Drei Dekaden lang brillierten Max Schär und Martin Rubin auf dieser so genannten «Königsposition», vorübergehend schloss Patrick Rohr die Lücke, bis er sich verletzte und einen Job im Flugcockpit vorzog. Fortan standen nur noch Notlösungen zur Verfügung. Ein Linkshänder von internationalem Format blieb bis heute unauffindbar.

«Es ist für einen Rechtshänder schwierig auf dieser Position», nahm Ehret die Probables Martin Engeler und Ruedi Joder nach den zuletzt ungenügenden Vorstellungen in Zug sowie Volketswil prophylaktisch in Schutz.

Der Deutsche ist ein meisterhafter Psychologe. Seit dem Jahrtausendwechsel coacht er die Mannschaft, zum dritten Mal betreut Ehret sie an einer EM-Endrunde. Keiner weiss besser, wer zu welchem Zeitpunkt an die Grenzen der Belastbarkeit stösst. Deshalb hält er sich mit öffentlicher Kritik zurück.

Spielmacher mit Potenzial

Zum Hauptthema wurde im Vorfeld des wichtigsten Handball-Events in der Schweiz seit 20 Jahren die Besetzung der Mittelposition erklärt. Captain Robbie Kostadinovich musste im November einen Teilabriss der Achillessehne operativ beheben lassen.

Seit jenem Eingriff zeichnete sich ab, dass der 22-jährige Andy Schmid die schwierige Rolle des Regisseurs zu übernehmen hat. Als Alternative zum (noch) leichtgewichtigen, aber smarten GC-Spielmacher stünde im Bedarfsfalls der erst kürzlich erstmals nominierte Benjamin Echaud bereit. Das Duo besitzt Potenzial.

Fehlende Konstanz

Gegen die mindestens gleich hoch wie die favorisierten Polen eingeschätzten Slowenen ist eine Parforceleistung der Schweizer erforderlich. Massgebliches müsste im Prinzip Thomas Gautschi beitragen -- in allen drei Partien, vor allem beim Abschluss gegen die Ukraine.

Dem 2,02-m-Mann von Santander (Sp) attestieren die Fachleute durchaus die Klasse, gegen grossgewachsene Deckungen aus 10 bis 12 m Distanz Tore zu markieren. Eine Qualität, die bei realistischer Betrachtung momentan keinem anderen Schweizer Aufbauer zuzubilligen ist.

Gautschis Problem mit der Konstanz passt aber zum Bild der offenbar unvermeidlichen Formschwankungen der Landesauswahl. In der jüngeren Vergangenheit glitten den Schweizern immer wieder ohne Not Vorteile aus den Händen.

Aber, das sei nicht unerwähnt, mussten sich die Schweizer mit Ausnahme des WM-Playoffs gegen die Griechen (Sommer 2004) in letzter Zeit nie vorwerfen lassen, im entscheidenden Moment nicht bereit gewesen zu sein. Darauf lässt sich aufbauen. Und das St. Galler Publikum wird zweifelsfrei für einen günstigen Rahmen sorgen.

Höhenflug erwünscht

«Der Funke muss und wird zünden. Und wenn die Emotionen stimmen, sind wir nicht chancenlos», kündigte Shooter Gautschi an. Die Mannschaft hat die Haltung der vielen Skeptiker wahrgenommen. Gautschi entging nicht, «dass uns nicht gerade viel zugetraut wird».

Branchenübergreifend existieren allerdings genügend Beispiele von Schweizer Sportlern, die für den Start eines Höhenflugs vorzugsweise den Schattenplatz des Aussenseiters wählten. Vermutlich ist der spärlich gewährte Kredit das geringste Problem Ehrets.

Von Bedeutung dürfte auch sein, ob die Schweizer ihre Fortschritte im Abwehrverhalten bestätigen können. Eine zentrale Rolle spielt desbezüglich Iwan Ursic, der in Abwesenheit von Kostadinovich kompletteste Handballer der Schweizer Selektion. Am gereiften Nordhorner Professional können sich die anderen Mitglieder orientieren.

Kapitale Faktoren werden die Quote Ursics am Kreis und die Effizienz der Flügelzange Manuel Liniger/Marco Kurth sein. Und im Tor muss Antoine Ebinger den Fortschritt der letzten beiden Jahren nachweisen -- möglichst jeweils mit einer zweitstelligen Zahl Paraden.

«Ein Exploit liegt drin»

Die Stammsechs der Schweizer wird im entscheidenden Moment die Grenzen überschreiten müssen, um erfolgreich zu sein. Marc Baumgartner, im Zenit 1993 die Galionsfigur der Nationalmannschaft und während Jahren ein Star in der Bundesliga, kennt das Team und die Situation im Detail: «Wir gehörten 1993 zu den Top 10 der Welt, die jetzige Mannschaft sicher nicht. Sie muss sich viel erarbeiten. Die tiefe Erwartungshaltung ist nicht ganz unberechtigt.»

Die meisten Spieler hätten keinen konstanten Leistungsausweis, das sei nicht wegzudiskutieren. «Es wäre nicht ratsam, von Beginn weg nur an das Ukraine-Spiel zu denken. Gelingt es dem Team, mit Slowenien und Polen 40 Minuten lang mitzuhalten und eine gute Figur abzugeben, ist vieles möglich. Ein Exploit liegt jedenfalls drin», denkt TV-Experte «Boumi».

(von Sven Schoch/Si)

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