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Secondoslang: ­Sprachphänomen oder Modetrend?
publiziert: Freitag, 16. Jul 2004 / 08:57 Uhr / aktualisiert: Freitag, 16. Jul 2004 / 09:23 Uhr

Als die Zürcher Jugend 1980 auf die Strasse ging, forderte sie lautstark: "Nieder mit den Alpen ­ Freie Sicht aufs Mittelmeer". Gut zwanzig Jahre später wird dieses Postulat auf spezielle Art umgesetzt.

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Jugendliche wollen sich von der Elterngeneration auch mit einem Sprachstil abgrenzen.
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Die Alpen stehen zwar noch, doch die urbane Jugendkultur pulsiert in einer mediterranen Buntheit, die selbst auf das Sprachverhalten abfärbt. Nicht nur Zürcher Schulkinder, auch seriöse, durch und durch schweizerische Studentinnen und smarte helvetische Jungbanker sprechen Secondoslang, adaptieren den charmanten Sprechmix ihrer südländischen Kolleginnen und Kollegen, übernehmen Wörter und Redewendungen, vor allem aber Tonalität und verdrehte Satzstellungen. Wer dieses Phänomen entschlüsseln will, fragt am besten bei Akteuren und Betroffenen nach.

"Ich spreche einfach so"

Die "Pumpstation" am Zürcher Uto-Quai ist eine beliebte Open-Air-Beiz der multikulturellen Stadtszene. Mit Blick auf das Seebecken lassen sich würzige Happen und coole Drinks geniessen, serviert von aufgestellten Hobbykellnern aus aller Welt.

Gustavo Pelaez sitzt zum ersten Mal hier und ist sofort angetan von der lebendigen Stimmung. Pelaez (28) geniesst einen besonderen Status: als Radiomoderator hat er sich zu einer Art "Kultsecondo" emporgetalkt. Seine von spanischem Akzent geprägte "Zürischnurre" war zuerst auf Radio 105, dann beim DRS-Jugendsender Virus zu hören. Bis Anfang 2004 moderierte er auf Hitradio Z (heute: Energy) seine eigene Abendshow; seit Ende März ist er bei Zürichs exotischstem Musiksender Radio Tropic zu hören.

"Zu Beginn meinten viele, ich mache das extra", sagt Pelaez zu seinem Akzent. "Aber das stimmt nicht, ich spreche einfach so. Das ist mein Züritütsch, bei dem eben die spanische Herkunft durchschimmert."

Und Pelaez zeigt sich stolz, dem grauen Zürich damit etwas Farbe verleihen zu können, was beim Publikum grösstenteils sehr gut ankomme. Pelaez, der sich am Mikrofon "Latino Gustavo" nennt, begeistert vor allem Kids und Teenies, die den südlichen Tonfall in ihre Umgangssprache integrieren.

Secondo steht für Coolness

Daniel Steiner, Oberstufenlehrer in Thalwil, das zur Zürcher Agglomeration zählt, kennt dieses Phänomen. "Die Kultivierung des übertriebenen 'Secondoslangs', der auf dem Pausenplatz, nicht aber im Schulzimmer zu hören ist, dient schlicht der Coolness. Jugendliche wollen nicht wie Erwachsene sprechen. Ein gemeinsamer Slang ist viel cooler und hat etwas Verbindendes."

Für den Lehrer ist dieser Slang folglich nichts anderes als eine Modeerscheinung. Sprache und Slang "Latino Gustavo" teilt diese Einschätzung. "Ja, secondeln ist cool. Aber es ist ein künstlicher Slang, der aus verschiedenen Spachen, Dialekten und Akzenten zusammengesetzt wird", sagt er und schnappt mit den Händen die unsichtbaren Sprachfetzen aus der Luft. Ich aber spreche meine spanisch gefärbte Secondosprache und würde nie 'voll krass' sagen oder 'ja Mann', wie das beim Slang zu hören ist."

Bei Virus habe er ein hartes Sprachtraining absolviert. "Wir Südländer sagen oft 'ss' statt 'z'", erklärt er. "Wenn ich schnell spreche, kann es passieren, dass das Z bei 'Züri' eher wie ein scharfes S klingt." Die "echte" Secondosprache sei von solch akzentbedingten Tonalitäten und Betonungsfehlern geprägt. Pelaez redet sich ins Feuer, bringt weitere Beispiele und weist beim Sprechen auf besondere Wortstellungen oder "falsche" Betonungen hin. Und er erklärt, wie das Mischen der beiden Sprachen funktioniert.

"Oft fällt mir ein Wort oder eine Redewendung zuerst in Spanisch ein, dann switche ich eben. Aber für die Secondosprache gibt es keine Regeln", fasst er zusammen. "Und deshalb kann unser Akzent und unsere Mischsprache gar kein direktes Vorbild für den trendy Secondoslang sein."

Spielerischer Umgang mit "dem Fremden"

Gleicher Meinung ist Natalie Avanzino. Die 33-jährige Geschichtsstudentin ist italienisch-schweizerische Doppelbürgerin, engagiert sich im "Netzwerk Secondo" und war Spitzenkandidatin der Liste "Secon@s plus" bei den Nationalratswahlen 2003. Avanzino gibt zu: "Manchmal benutze ich im Scherz selbst Redewendungen dieses Slangs. Doch mit uns Zweitgeneratiönlern hat dieser Trend nichts zu tun."

Wenn Secondos unter sich sind ­ etwa beim Verfolgen der Fussball-EM vor dem Fernseher, klingt das beispielsweise so: "Pass uuf, vo hine chunt eine ­ via la palla!" Und: "Ma dai, chasch nöd ufpasse?" Spontan entstehende Mischsätze, deren Struktur und Intonation von Nichtsecondos und ihrem Slang allerhöchstens imtiert werden können.

Der Zürcher Philosophieprofessor Georg Kohler stellte schon vor zwei Jahren eine "Mediterranisierung" der Schweiz fest, mit der er auffällige Änderungen im Verhalten von Herrn und Frau Schweizer erklärt (Facts, 31.12.2002). Natalie Avanzino lässt diese These gelten, was Kulinarik oder fernwehbedingte Freizeitgestaltung betrifft. "Der Pizzaboom ist aber schon 20 Jahre alt", sagt sie lakonisch. Und die aktuelle Secondoslang-Mode ist für sie einfach eine spielerische Art, mit dem "Fremden" umzugehen, weshalb sie sich darüber auch nicht ärgert.

Im Gegenteil, beim Netzwerk Secondo setzt sie sich nebst politischen Forderungen für die Verbesserung des Images von Secondos und Secondas ein. Entstanden ist das Netzwerk nach der verheerenden Nachdemo zum 1. Mai 2002, als Zürichs Polizeivorsteherin Esther Maurer pauschalisierend auch Secondos als Unruhestifter ausmachte. Netzwerk wie "Second@s"-Wahlliste lassen sich in einen europaweiten Trend einordnen: Immer mehr junge Imigrantinnen oder Secondos melden sich zu Wort. Und dies nicht nur auf politischer, sondern auch kultureller Ebene.

Zum wichtigen Sprachrohr ist dabei Musik, konkret Hip-Hop, geworden. Und hier macht Daniel Steiner eine mögliche Wechselwirkung zwischen Secondobewegung und Jugendkultur aus. "Die Jugendlichen orientieren sich heute stark an der Hip-Hop-Kultur, so auch in der Sprache. Im Hip-Hop ist eine coole Ausdrucksweise als kollektiver Code von zentraler Bedeutung, was Auswirkungen auf den Secondoslang haben könnte."

Für Kabarettisten ein gefundenes Fressen

Eine weitere Nährquelle sieht Steiner in der grassierenden Comedy-Welle am Fernsehen. Die Frage stellt sich hierbei aber, ob Kabarettisten wie die deutschen Blödel"türken" Erkan und Stefan den Slang aufgenommen oder erst populär gemacht haben. Für Mike Müller trifft ganz klar ersteres zu: "Dialekte und Slangs sind immer interessant fürs Kabarett."

Der Solothurner Schauspieler gilt spätestens seit seinen Auftritten in "Viktors Spätprogramm" als beliebter Sprachimitator. Das Kabarett lebe von Typisierungen und Klischees, die sich sprachlich sehr einfach und schnell darstellen lassen, erklärt Müller. Die Sprache der Secondos sei besonders dankbar, weil sie nebst besonderer Melodie und Vokalfärbung falsche Satzstellungen, Fallfehler oder unübliche Präpositionen aufweise. Doch auch für Müller, der die Secondosprache parodiert, also überspitzt, ist klar: Der Secondoslang ist eine Trenderscheinung.

Dies sei auch dadurch erkennbar, dass Kids, Jugendliche und Trendsurfer ungeachtet ihrer Herkunft den selben Slang sprechen. "Die Jugendsprache ändert sich ja alle paar Jahre. Nun ist eben Scondoslang angesagt." Für Natalie Avanzino bedeutet die Vereinnahmung von Secondosprache und auch -slang durch Kabarett und Comedy einen Bruch. "Die Jugendlichen werden sich bald davon abwenden, denn wenn die 'Etablierten' und 'Alten' ihren Slang sprechen, hat dieser seine Coolness verloren."

Ende bereits in Sicht?

Hat der Secondoslang seinen Höhepunkt also bereits überschritten? Eine Frage, die Gustavo Pelaez nachdenklich stimmt. "Das könnte gut sein." Kurz nach der Umwandlung von "Hitradio Z" in "Energy" Ende letzten Jahres flatterte ihm nämlich die Kündigung auf den Tisch. Offizielle Begründung: sein Moderationsstil und die Figur "Latino Gustavo" seien nicht mehr gefragt.

Pelaez schliesst daraus, dass auch der Secondoslang an Coolness verloren hat. Wohl sei er nach Bekanntwerden der Kündigung in Fanmails fast ertrunken, erzählt er. Doch der Sender hielt an der Trennung fest, und auch andere Stationen zeigten kein Interesse am einstmals umworbenen Moderator. Pelaez nimmts gelassen: "Bei Radio Tropic bin ich wieder ein normaler Moderator, der nicht auf die Sonderrolle des Secondos reduziert wird."

Darunter habe er zwar nie gelitten, doch: "Ein Vorbild für die Kids wollte ich nie sein, geschweige denn schuld daran, dass sie einen derart seltsamen Slang sprechen." Was zur Frage führt, ob und welche Folgen die Adaptierung der Secondosprache auf das Sprachverhalten von Kindern und Jugendlichen haben wird. Daniel Steiner hat beobachtet, dass seine Schüler und Schülerinnen vermehrt "Fehler" begehen, die ansonsten bei Leuten zu hören sind, die gebrochen Deutsch oder Schweizerdeutsch sprechen.

"Sie sagen etwa 'Haare schnide' statt 'Haar schnide' oder verwenden die Pluralform 'Chinde' statt 'Chind'", nennt er als Beispiele, führt diese Erscheinungen aber eher auf die allgemeine Vermischung verschiedener Sprachen und Dialekte. "Viel auffälliger ist die Rolle des Englischen", gibt er zu bedenken, "und die nachhaltige Anpassung der Mundart an die Standardsprache."

Immerhin wird das Phänomen des Secondoslangs, so weiss er, im neuen Lehrmittel "Sprachwelt Deutsch" thematisiert. Die Kunst des Switchens Über dem Zürcher Seebecken haben sich dunkle Wolken zusammengezogen. Auf die Tische der "Pumpstation" platschen erste Regentropfen, und ein Kellner mit dichten Rastalocken trägt die Stühle zusammen. Er könne nicht ausschliessen, sagt Gustavo Pelaez zum Schluss, dass die Modeerscheinung des Secondoslangs Spuren hinterlässt.

"Wie alle Sprachspielereien birgt auch dieser Slang die Gefahr, dass er chronisch wird und man sich Mühe geben muss, wieder normal zu sprechen. Andererseits", er beginnt zu lachen, "wer ganz klar switchen kann ­ wie wir Secondos ­, profitiert davon." Das Springen zwischen verschiedenen Idiomen sei nämlich ein gutes Hirntraining und trage zur Wendigkeit des sprachlichen Ausdrucks bei. Der entthronte "Kultsecondo" hat seinen Stolz noch längst nicht verloren.

(Frank von Niederhäusern/sda)

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