Sensationsgier der Medien ist grenzenlos
publiziert: Samstag, 10. Mai 2008 / 19:14 Uhr / aktualisiert: Samstag, 10. Mai 2008 / 20:00 Uhr

Amstetten - Der Missbrauchsfall von Amstetten hat eine breite Diskussion über Ethik und Selbstkontrolle innerhalb der Medienbranche entfacht. Die Würde des Menschen und sein Privatleben müssten besser geschützt werden.

«Die Zielgruppe der Boulevard-Kunden wird zunehmend grösser», so Vitouch. (Symbolbild)
«Die Zielgruppe der Boulevard-Kunden wird zunehmend grösser», so Vitouch. (Symbolbild)
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Es könne nicht sein, dass Medienvertreter auf der Suche nach einer Sensationsgeschichte ihren Ethik-Kodex einfach über Board werfen, so die Vorwürfe. «Auf der Suche nach einer möglichen Sensation sind den Medien heute oft alle Mittel Recht.

Ein selbstkritischer Zugang ist immer seltener vorhanden», stellt Peter Vitouch, Medienpsychologe und Professor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien http://www.univie.ac.at/Publizistik , im Gespräch mit pressetext fest. Die Medien hätten zwar den Auftrag «durchleuchtend» zu wirken, die Persönlichkeitsrechte der Opfer müssten aber zu jeder Zeit geschützt werden.

Beinharte Konkurrenz

«Wir haben es hier mit einer professionellen Verfremdung des Journalismus zu tun», erklärt Vitouch. Die beinharte Konkurrenz am Mediensektor habe in Verbindung mit einer generell zu beobachtenden Entwicklung zur Ellenbogengesellschaft die Selbstkritik der Medien zunehmend aufgeweicht.

Natürlich spiele auch der finanzielle Aspekt in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle. «Bei derartigen Geschichten geht es auch immer um eine Menge Geld. Dies führt dazu, dass die Gier der Medien, über die vermeintliche Sensation als Erster zu berichten, stärker wird», meint Vitouch.

Immer mehr Boulevard

Die österreichische Medienbranche dürfe sich auf eine derartige Vorgehensweise gar nicht erst einlassen. «Wir müssen sehr aufmerksam sein und aufpassen, dass wir nicht auf ähnliche Verhältnisse zusteuern, wie sie bereits in Grossbritannien vorherrschen», warnt Vitouch.

Gestützt werde diese Entwicklung zudem von einer steigenden Nachfrage am Boulevard-Sektor. «Die Zielgruppe der Boulevard-Kunden wird im Medienbereich zunehmend grösser. Folglich gewinnt auch die thematische Bedienung dieser Gruppe für die Medien immer mehr an Bedeutung», erläutert Vitouch.

Die grundlegend wichtige Abwägung zwischen der Freiheit der Medien und dem Schutz der Privatsphäre werde da nur allzu oft in den Hintergrund gedrängt. Ein Journalist habe sich einmal in diesem Zusammenhang damit gerechtfertigt, dass es nichts Ethischeres gebe als über die Wahrheit zu berichten, schildert Vitouch.

«Zeit ist reif»

«In meinen Augen ist das eine vollkommen verfehlte Argumentation. Diese Art der Wahrheit hat in der Öffentlichkeit einfach nichts verloren», betont der Medienpsychologe.

Im Zuge der aktuellen Diskussion werden die Rufe nach einem eigenen Kontrollorgan für derartige Angelegenheiten zunehmend stärker.

«Die Zeit ist mehr als reif für die Gründung eines neuen Presserates zur Selbstkontrolle der Medien. Vielleicht gelingt unter dem Eindruck einer verantwortungslosen Ausschlachtung des Amstettner Schicksalsdramas durch einzelne Massenmedien nach jahrelangem, fruchtlosem Geplänkel der Durchbruch», zitiert das Branchenportal medianet den Sprecher der Initiative «Qualität im Journalismus», Engelbert Washietl.

«Presserat wünschenswert»

«Die Installation eines Presserats wäre sicherlich wünschenswert», meint auch Hannes Schopf vom Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ). Dieser stelle aber nur eine mögliche Form der Selbstkontrolle dar und weise zudem einen kleinen Schönheitsfehler auf.

«Der Presserat kann solche Vorfälle nicht verhindern, da seine Kontrolle erst im Nachhinein wirksam wird», erklärt Schopf. Darum sei es wichtig, dass die Selbstkontrolle bereits in den Redaktionen selbst verankert ist. «Dort müssen die Entscheidungen entsprechend dem Ehrenkodex der Presse und den medienrechtlichen Bestimmungen gefällt werden», so Schopf.

Letztere werfen allerdings einige grosse Fragezeichen auf, wie das umstrittene Urteil zur Veröffentlichung von Paparazzi-Fotos von Natascha Kampusch zeigt.

«Das Urteil ist meiner Meinung nach nicht einzusehen», meint auch Vitouch. «Man muss schon sehen, dass eine derartige Entscheidung bis zu einem gewissen Grad auch von subjektiver Auslegung im jeweiligen Fall geprägt ist», so Vitouch.

(tri/pte)

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