Serbiens historisches Erbe verkümmert
publiziert: Freitag, 3. Okt 2008 / 09:17 Uhr / aktualisiert: Freitag, 3. Okt 2008 / 09:39 Uhr

Belgrad - Der frühere serbische Premier Vojislav Kostunica ist überzeugt, dass seine Landsleute «zu den ältesten Völkern Europas zählen». Manche erklären, die Serben hätten im Mittelalter schon «mit goldenen Gabeln gegessen».

Ein Kloster in Belgrad: «Das historische Erbe werde missachtet.»
Ein Kloster in Belgrad: «Das historische Erbe werde missachtet.»
Die «erste liberale Verfassung in Europa» stammt nach Ansicht einiger «Wissenschaftler» ebenfalls aus dieser Balkanregion. Kurzum: Viele Serben sehen sich seit alters her kulturell als auserwähltes Volk in einer Sonderrolle.

Doch im krassen Kontrast zum tagtäglich in den Medien formulierten Stolz auf die Vergangenheit wird das greifbare historische Erbe seit langem missachtet. Das Nationalmuseum in der Hauptstadt Belgrad ist seit dem 1. Juni 2003 geschlossen.

«Grössenwahnsinnig und überteuert»

Die geplante Renovierung des klassizistischen Gebäudes im Zentrum kommt nicht so richtig in Gang. «Das ist ein vollständiger Fehlschlag», sagt die im Museum beschäftigte Historikerin Ljubica Miljkovic. «Alles ist grössenwahnsinnig und überteuert ausgedacht», doch bemerkenswerte Baufortschritte sind nicht bekannt.

Das wichtigste Museum des Landes macht dafür von Zeit zu Zeit mit angeblichen oder echten Skandalen auf sich aufmerksam. Hinter vorgehaltener Hand wird erzählt, wertvolle Exponate seien aus den Beständen des Nationalmuseums verschwunden.

Vor einem Jahr waren rund 300'000 Serben wirklich hinters Licht geführt worden: Aus dem Depot des Nationalmuseums wurde statt des jahrzehntelang nicht mehr gezeigten Originals des berühmten Miroslav-Evangeliums aus dem 12. Jahrhundert eine im Jahr 2000 hergestellte Fotokopie ausgestellt.

Nationalbibliothek geschlossen

Diesen Skandal um das «erste Denkmal der serbischen Schriftsprache» erklärte die Nationalbibliothek als Aussteller mit nicht näher bezeichneten «Missverständnissen». Etwa zur gleichen Zeit schloss diese wichtigste Bibliothek ihre Pforten für Besucher.

Nachdem jahrelang die wertvollen Bestände von eindringendem Regenwasser beschädigt worden waren, sollte eine grundlegende Renovierung Abhilfe schaffen. Der 1. Juli diesen Jahres ist als ursprünglicher Termin für die Wiedereröffnung verstrichen.

Auch das neue Datum im Februar wird nicht eingehalten werden können, wie die Zeitung «Blic» berichtete. Die täglich rund 1000 Nutzer müssen sich weiter gedulden, weil wegen bürokratischer Hürden und Geldmangel kein Ende der Arbeiten abzusehen sei.

Auch Kunstmuseum geschlossen

Dem Museum für Zeitgenössische Kunst geht es nicht besser. Das Anfang der 70er Jahre am Ufer des Save-Flusses erbaute Gebäude erlebte seine schwerste Periode in den letzten 15 Jahren.

Viele Räume blieben leer, was mit den Kunstwerken geschah, war nicht klar. Die wenigen Ausstellungsräume zeigten sich in erbärmlichem Zustand. Seit langem ist das Museum wegen Renovierung geschlossen. Ein Ende des kulturellen Niedergangs ist nach Ansicht mancher Kritiker selbst theoretisch nicht abzusehen.

«Unsere historische Wissenschaft ist autistisch, in sich geschlossen und sprachlos», meint der Historiker Predrag Markovic. Die Serben seien wohl das einzige europäische Volk ohne nationale Enzyklopädie oder eine kleine Geschichte des Landes, die man Ausländern präsentieren könnte.

(Thomas Brey/dpa)

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