Sex, Blut, Gewalt und Tod
publiziert: Montag, 27. Nov 2006 / 19:16 Uhr

Basel - Calixto Bieito hat am Sonntagabend am Theater Basel Verdis «Don Carlos» zur Premiere gebracht.

Er geht dabei buchstäblich über Leichen. Solisten, Chöre und Orchester wurden bejubelt, das Regieteam massiv ausgebuht.

Wenn der katalanische Regisseur inszeniert, sind Proteste vorprogrammiert. Der Unwillen des Publikums entlud sich schon vor der Pause. Unter lautstarken Beschimpfungen begab sich ein Teil der Besucher vorzeitig nach Hause.

Den Exodus hatte Bieito provoziert, indem er nach dem dritten Akt einen im Libretto nicht vorgesehenen Text endlos zitieren lässt. Zum Schluss der Oper hielten sich die Buhs dann in Grenzen, obschon Sperma und Blut auch nach der Pause reichlich fliessen.

Expliziter Sex

Dass Provokatives zu erwarten war, machte schon der Hinweis des Theaters deutlich, dass die Aufführung unter 16 Jahren nicht zu empfehlen sei. Viel nackte Haut, expliziter Sex, aber auch Perversion, Vergewaltigung, Folter und Mord werden dem Publikum zugemutet.

Bieito verlegt das Geschehen am spanischen Königshof Mitte des 16. Jahrhunderts ins Heute. Die Bühne zeigt einen öffentlichen Raum, der ein TV-Studio sein könnte, aber dem Bahnhof Atocha in Madrid nachempfunden ist, in dem im März 2004 bei einem Anschlag 200 Menschen getötet wurden.

Auf in der Station verteilten Monitoren werden Bilder der schrecklichen Ereignisse eingeblendet, und am Schluss der Oper jagt sich Carlos, der bisher dem Morden auf der Bühne bloss teilnahmslos zugeschaut hat, mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft.

Wie Schweine hingemetzelt

Gefühle der Liebe, in Schillers Stück «Don Karlos», der Vorlage der Oper, beschrieben, und in Verdis Musik deutlich gemacht, gibt es bei Bieito nicht. Seine Figuren sind allesamt egozentrische Sex- und Macht-geile Individuen.

Das macht er etwa deutlich, wenn der König zu seiner grossen Arie («Sie hat mich nie geliebt») mit der Königin, einer Kindfrau mit Puppe, brutal kopuliert und sich dann von seiner Geliebten verwöhnen lässt. Aber auch die Königin mag's hart: Sie hat ihren Orgasmus, wenn sie der Nebenbuhlerin die Augen aussticht.

Höhepunkt jeder «Don Carlos»-Inszenierung ist die grosse Autodafé-Szene, die öffentliche Ketzerverbrennung der spanischen Inquisition. Sie wird bei Bieito zu einer Reality-Show mit Publikum, in der die Verurteilten nackt ausgezogen, wie Schweine hingemetzelt und dann als Leichen liegen gelassen werden.

Musikalisch hochstehend

Bei so viel provokantem szenischem Aktionismus drohen die Leistungen der Auftretenden in den Hintergrund zu geraten. Dabei glänzt Basel mit einer künstlerisch hochstehenden Produktion.

Mardi Byers als Königin und besonders die in Basel bestens bekannte Leandra Overmann als nymphomanische Geliebte des Königs glänzen mit expressivem Schöngesang, der selbst in unmöglichen Stellungen noch gut zu hören ist. Stefan Kocan als König ist ein Gewinn für das neue Ensemble; sein Bass strömt sicher und kräftig auch im grössten Tohuwabohu.

Marian Pop als Posa wusste ebenfalls gut zu gefallen, während der Einspringer Keith Ikaia-Purdy mit der Titelrolle nicht immer zurecht kam.

Der grösste Applaus galt den untadelig singenden Chören, während Balazs Kocsar am Pult des Sinfonieorchesters Basel mit einigen Koordinationsschwierigkeiten zu kämpfen hatte. So oder so wird der Basler «Don Carlos» vor allem als szenische Provokation in Erinnerung bleiben.

(von Beat Glur, SFD/sda)

 
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