Sexualität ist weltweit geregelt
publiziert: Sonntag, 20. Dez 2009 / 23:32 Uhr

Bonn - Menschen haben nicht nur in der Biologie, sondern auch in ihrer Lebensweise wesentliche Merkmale, die sie über Kulturen hinweg einen. Das veranschaulicht das Buch «Heimat Mensch - Was uns alle verbindet» von Christoph Antweiler vom Asienzentrum der Universität Bonn, das im Murmann Verlag erschienen ist.

Buch: Überall Ethnozentrismus und Heiratsregeln (Symbolbild)
Buch: Überall Ethnozentrismus und Heiratsregeln (Symbolbild)
«Kultur wird in der öffentlichen Debatte und sogar in vielen Wissenschaften mit Differenz gleichgesetzt. Unterschiede gibt es jedoch nur auf den ersten Blick. Mit etwas Abstand zeigt ein Vergleich wesentliche Gemeinsamkeiten», so der Ethnologe im pressetext-Interview.

Sexualität ist weltweit geregelt

Die rund 7.000 Völker, die unseren Planeten besiedeln, kennzeichnen sich durch grosse Vielfalt. Das zeige sich in allen Lebensbereichen, so Antweiler. «Wen und wie viele Menschen man beispielsweise heiraten darf, welche Riten es dafür gibt und wo das Paar später wohnt, ist weltweit sehr unterschiedlich geregelt. Gemeinsam haben alle Völker, dass sie Regeln für Sexualität besitzen.» Ähnliche Beobachtungen macht der Autor bei Emotionen, Spiel und Sport, Initiationsriten oder Machtstrukturen. Auch sei kein Volk frei von Ethnozentrismus, Fremdenfeindlichkeit oder physischer Gewalt zwischen den Geschlechtern.

Die im Buch gezeigte Universalität von Bedürfnissen und Neigungen widerspricht Mythen, die in der Vergangenheit sehr populär waren. «Noch vor hundert Jahren glaubte man, es gäbe Völker, die in Gewaltlosigkeit und paradiesischen Zuständen leben. Diese glücklichen ,edlen Wilden' - wie auch die ,bösen Wilden' - waren allerdings bloss die Projektion eigener Vorstellungen auf fremde Völker. Zwar sind manche Ethnien gewaltarm, doch sie brauchen ebenfalls Strategien zur Gewaltmeidung», so der Bonner Forscher. Grundlegende Fragen und Probleme seien weltweit gleich, Kulturen würden diese allerdings unterschiedlich gewichten und andere Lösungsmodelle entwickeln.

Kampf gegen die Ethnomythen

Von zwei heute gängigen Denkweisen distanziert sich Antweiler damit besonders. Einerseits sei dies die Betrachtung von Kulturen als voneinander abgeschlossene Systeme und die Suche nach starken Kontrasten. «Wir glauben Schilderungen über andere Völker eher, wenn die Unterschiede extrem sind. Es stimmt jedoch nicht, dass Inuit-Völker hundert Bezeichnungen für Schnee haben, wie Medien oft behaupten.» Dass Völker «ganz anders» seien, klinge zunächst sympathisch, führe jedoch zu Kulturrassismus. «Die neue Rechte der Politik greift ethnologische Forschung subtil auf und stellt Kulturen als ,interessant und fremd' dar, jedoch bloss um so für deren Verbleib im eigenen Territorium zu argumentieren.»

Fragwürdig sei jedoch auch das andere Extrem, bei dem kulturelle Grenzen verleugnet und durch Konzepte wie kulturelle Landschaften und Übergänge ersetzt werden. «Menschen werden auch heute in relativ geschlossenen Kontexten sozialisiert», so Antweiler. Zwar sei die Zahl der Migranten zunehmend im Bewusstsein. «Allerdings migrieren nur drei Prozent der Weltbevölkerung über die Grenzen ihres Landes hinweg. Würde die Vorstellung der Welt als Dorf stimmen, müsste man fragen, warum es keinen gemeinsamen Bürgermeister gibt.»

(zel/pte)

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