Erste Medienkonferenz seit dem schweren Unfall
Silvano Beltrametti: Rückkehr in den Sport unvorstellbar
publiziert: Donnerstag, 3. Jan 2002 / 13:37 Uhr / aktualisiert: Freitag, 4. Jan 2002 / 15:22 Uhr

Nottwil - Gefasst, ruhig, eigentlich wie immer, trat Silvano Beltrametti in Nottwil 26 Tage nach seinem schweren Sturz an die Öffentlichkeit und äusserte sich mit ergreifender Sachlichkeit zu seinem Schicksal: «Der liebe Gott hat es so gewollt.»

Silvano Beltramettis Bilder aus der Vergangenheit: Der Bündner wird nie mehr in den Sport zurückkehren.
Silvano Beltramettis Bilder aus der Vergangenheit: Der Bündner wird nie mehr in den Sport zurückkehren.
Über 60 Medienleute hatten sich im Paraplegiker-Zentrum Nottwil versammelt, als der Skirennfahrer von seinem Freund und Manager Giusep Fry im Rollstuhl in die Aula geschoben wurde. Und dann erlebten die Journalisten, Reporter und Fotographen das Gleiche, was zuvor schon seine Familienangehörigen und Freunde beeindruckt hatte: Silvano Beltrametti sprach mit einer Souveränität und Abgeklärtheit über seinen Unfall und die Folgen, als ob es sich um die selbstverständlichste Sache der Welt handeln würde. «Das hätte ich so kurze Zeit nach dem Unfall noch nicht gekonnt», staunte selbst der mehrfache Behindertensportler des Jahres Heinz Frei.

Drei Wochen mit Hochs und Tiefs

Nachdem Chefarzt Dr. Dieter Michel und der Rückenchirurg Dr. Patrick Moulin, die Beltrametti während 5 1/2 Stunden operiert hatten, die medizinischen und therapeutischen Aspekte nochmals erläutert hatten, übernahm Beltrametti das Wort. «Wenn ich euch alle sehe, weckt es Erinnerungen in mir», sagte Beltrametti, der am Vorabend die Intensivstation hatte verlassen können. «24 Stunden im Tag habe ich für den Skisport gelebt. Diese Zeit ist jetzt vorbei. Innerhalb einer Sekunde haben sich alle Träume, Ziele und Visionen in nichts aufgelöst. Drei Wochen mit Hochs und Tiefs liegen hinter mir. Ich bin daran, alles zu verarbeiten. Wichtig ist, dass ich mir neue Ziele setze.»

Er sei ein Kämpfer gewesen, sagte Beltrametti, und er werde weiterhin kämpfen und mit Hilfe seiner Familie und seinen Freunden das neue Leben meistern: «Ich habe das beste Umfeld, das ich mir wünschen kann.» Er dankte seinen Angehörigen, Swiss-Ski-Arzt Dr. Thierry Maitre und Cheftrainer Dieter Bartsch, die in Val d'Isère erste Hilfe geleistet hatten, den Ärzten und Betreuern im Paraplegiker-Zentrum, aber auch den Tausenden von Leuten, die ihm mit Briefen, E-Mails und Geschenken ihre Anteilnahme gezeigt hatten. «Das hat mir Mut gegeben», meinte er, «viele Sachen haben mich aber auch traurig gestimmt.»

Die Frage nach dem Warum

Die Frage nach dem Warum habe er sich selbstverständlich auch gestellt. Den Kantenfehler mit dem linken Ski kann er im Detail erklären. In 500 Abfahrten passiere ihm ein solcher Fehler einmal. «Das ist Schicksal», sagt Beltrametti, «der liebe Gott hat es so gewollt, dass ich diese Aufgabe kriege. Ich akzeptiere sie.» Über allfällige Mängel in den Sicherheitsvorkehrungen wollte er sich nicht äussern: «Darüber mache ich mir bewusst keine Gedanken.»

Vorläufig hält Beltrametti bewusst etwas Distanz zum Abfahrtsrennsport: «Mit dem Herzen bin ich noch bei der Mannschaft. Aber die Rennen sehe ich mir nicht an. Das würde noch zu grossen Schmerz verursachen -- das will ich mir nicht antun.» Slaloms und Riesenslaloms hat er sich mitunter schon angeschaut.

Wie seine neue (berufliche und sportliche) Zukunft aussieht, konnte der gelernte Zimmermann Silvano Beltrametti nach so kurzer Zeit verständlicherweise noch nicht sagen: «Ich möchte einfach ein selbstständiges und schönes Leben führen.» Im Behindertensport sieht er sich weniger: «Ich glaube kaum, dass ich da eine Rolle spielen werde. Das sage ich jetzt, später werde ich vielleicht anders reden.»

«Kleine Siege» mehr wert als Podiumsplätze

Beltrametti will auch kein Vorzeige-Behinderter sein: «Ich habe nicht das Gefühl, dass ich etwas m ü s s t e. Ich will stark für mich sein, nicht für die andern.» Er sei dankbar, dass die Folgen des Unfalls nicht schlimmer seien: «Das Gedächtnis funktioniert, Kopf und Herz sind unverändert geblieben. Ich kann reden, sehen, hören.»

Es gebe schon Momente, in denen ihn Trauer erfasse, «aber ich freue mich an kleinen Siegen. Die bedeuten mir mehr als alle Podiumsplätze bisher.» Er erlebe und geniesse die kleinen Dinge, die ihm vorher völlig banal erschienen seien.

Die nächsten vier bis sechs Monate im Paraplegiker-Zentrum bezeichnete er als «hartes Trainingslager, das härteste, dass ich je hatte.» Er werde immer der gleiche Silvano bleiben, nur werde er nie mehr so schnell über die Abfahrtspisten fahren -- und gehen können. «Wir packens schon.» Mit Betonung auf «wir». Mit diesen Worten beschloss er die Pressekonferenz.

(sk/sda)

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