So hat noch nie einer dem Publikum zugewinkt
publiziert: Samstag, 16. Aug 2008 / 20:40 Uhr

Viele glaubten zu träumen: Da wandte sich doch tatsächlich der neue 100-m-Olympiasieger weit vor dem Ziel dem Publikum zu, lief die letzten 20 Meter nur noch aus - und siegte überlegen in Weltrekordzeit. Das Unglaubliche vollführte Usain Bolt, der 1,96 m grosse Jamaikaner.

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Fünf Tage vor seinem 22. Geburtstag krönte sich Bolt endgültig zum schnellsten Mann der Welt. Im Vogelnest von Peking gewann er vor 91'000 tobenden Zuschauern die olympische Goldmedaille in 9,69 Sekunden überlegen. Damit unterbot er seinen eigenen, erst Anfang Juni in New York aufgestellten Weltrekord um drei Hundertstel.

Silber eroberte Richard Thompson aus Trinidad und Tobago in 9,89, Bronze holte Walter Dix (USA) in 9,91. Ex-Weltrekordler Asafa Powell (Jam), der ewige Verlierer bei Grossanlässen, wurde in 9,95 nur Fünfter. Sechs Konkurrenten blieben unter zehn Sekunden.

«Ich spürte, dass ich den Weltrekord in den Beinen hatte, aber ich bin nur hergekommen, um zu gewinnen, und das habe ich getan», erklärte Bolt. «Erst auf der Ehrenrunde habe ich gemerkt, dass ich Weltrekord gelaufen war. Jetzt werde ich mich auf die weiteren Einsätze (200 m und 4x100 m, Red.) konzentrieren und versuchen, das Double zu schaffen.»

Erstmals 100-m-Gold nach Jamaika

Erstmals ging damit das begehrte 100-m-Olympiagold der Männer nach Jamaika, zur traditionellen Läufer-Nation, die in den letzten Jahren und Monaten immer mehr erstarkt ist.

Der erwartete Dreikampf zwischen Bolt, Powell und Gay war schon vorher geplatzt. Der amerikanische Doppel-Weltmeister Tyson Gay schied in den Halbfinals als Fünfter seiner Serie in 10,05 aus.

Gay hatte sich vor sechs Wochen bei den US-Trials in Eugene am linken Oberschenkel verletzt und hat seither keinen Wettkampf mehr bestreiten können. Offensichtlich ist er auf die Olympischen Spiele hin nicht mehr rechtzeitig in Form gekommen. «Die Verletzung hat mich im Training zurückgeworfen, soll aber keine Entschuldigung sein», sagte Gay nach seinem Ausscheiden. Er habe «alles versucht».

9,50 sind für Bolt möglich

Der Mann aus Arkansas hatte unmittelbar vor der Verletzung die 100-m-Fabelzeit von 9,68 erzielt, allerdings bei 4,1 m/s Rückenwind -- zu viel für eine Rekordanerkennung. Diese 9,68 hätte Bolt in Peking locker unterbieten können, und zwar regulär. Im Moment des 100-m-Finals um 22.30 Uhr Ortszeit herrschte Windstille.

Auch der «fehlende Rückenwind» zeigt auf, dass Bolts Möglichkeiten enorm sind. Ausserdem wies er die zweitschlechteste Reaktionszeit auf. Ein Rennen, voll ins Ziel durchgezogen, mit Windunterstützung von gegen zwei Metern pro Sekunde, könnte ihn auf eine Zeit um 9,50 bringen!

Das lässt beinahe erschauern und erinnert - bei aller Bewunderung - an die Überlegenheit der früh verstorbenen und von Dopinggerüchten umrankten Florence Griffith-Joyner, die seit 1988 als Inhaberin des unantastbar scheinenden Frauen-Weltrekords über 100 m mit 10,49 geführt wird.

Bei den Männern schreitet die 100-m-Weltrekordentwicklung voran. Vor 40 Jahren unterbot Jim Hines (USA) mit 9,95 erstmals die Zehn-Sekunden-Grenze, 1999 blieb Maurice Greene (USA) mit 9,79 zum ersten Mal unter der Marke von 9,8, jetzt sind die 9,7 gefallen.

Bolt schon lange Wunderkind des Sprints

Usain Bolt gilt schon lange als Wunderkind des Sprints. Mit 15 Jahren wurde er Junioren-Weltmeister über 200 m und lief den vier Jahre älteren Konkurrenten davon, mit 17 absolvierte er die halbe Bahnrunde als erster Junior unter 20 Sekunden.

Seine Beschleunigung am Start, zuvor die Schwäche Bolts, ist auf diese Saison hin merklich verbessert. «Zweieinhalb Monate harte Arbeit und eine Konzentration auf den ersten 30 m» seien im Hinblick auf die Olympischen Spiele notwendig gewesen, um eine Verbesserung für die 100 m zu erreichen, erklärte Bolt, der aber nach wie vor die 200-m-Distanz als Lieblingsstrecke bezeichnet.

Bolt dazu: «Bedeutender ist der 100-m-Rekord, denn die Leute wollen den schnellsten Mann der Welt sehen. Aber wichtiger ist für mich der 200-m-Weltrekord. Diese Disziplin ist mein Lebensinhalt.» Den 200-m-Weltrekord hält Michael Johnson (USA) seit 1996 (Olympia in Atlanta) mit sagenhaften 19,32.

Das Drama des Asafa Powell

Ex-Weltrekordler Asafa Powell war in den letzten Wochen vor Olympia der einzige des favorisierten Trios, der seine aufsteigende Form an Wettkämpfen demonstrierte. In Stockholm besiegte er Bolt um eine Hundertstelsekunde. Und Ende Juli notierte er seine Saisonbestzeit in Monte Carlo mit 9,82. Powell ist auch der einzige Sprinter, der fünf Mal regulär unter 9,80 gestoppt worden ist.

Aber Powell ist an jedem grossen Titel vorbeigesprintet. Wenn die Konkurrenz ihn forderte, verlor der Jamaikaner seine Lockerheit. Vergangenes Jahr in Osaka siegte Tyson Gay in 9,85 vor Derrick Atkins (Bahamas, 9,91). Mit 9,96 auf Platz 3 landete der eindeutige Titelfavorit Powell, damals Weltrekord-Inhaber. Bei den WM 2005 war er verletzt, Olympia 2004 in Athen beendete er als Fünfter, bei den WM 2003 wurde er wegen Fehlstarts in den Viertelfinals disqualifiziert.

«Ich habe Gay in meinem Nacken gespürt und war dann in Panik geraten», sagte Blitzstarter Powell nach der verlorenen Schlacht 2007 in Osaka. In Peking erklärte er: «Ich fühlte mich gut an diesem Abend, aber die Beine machten nicht, was ich wollte. Ich konnte nicht beschleunigen und bin enttäuscht.» Bolt sei für ihn der grösste Sprinter aller Zeiten.

(Peter A. Frei/Si)

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