«Sonne des Ostens» bewegt sich doch
publiziert: Dienstag, 24. Jul 2012 / 11:17 Uhr
Koreanische Propaganda: Noch immer kommt die Armee zuerst.
Koreanische Propaganda: Noch immer kommt die Armee zuerst.

Diplomaten, Politiker und Journalisten wissen es: Nordkorea ist immer für eine Überraschung gut. Doch so viele Breaking News wie in den vergangenen Wochen gab es schon lange nicht mehr. Was nur geht hinter dem Vorhang der nordkoreanischen Macht vor sich? Gesicherte Antworten für den Einsiedler-Staat gibt es nicht, plausible Annahmen jedoch sehr wohl.

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Als Mitte der Woche die Zentrale Nordkoreanische Nachrichten-Agentur «in Kürze eine wichtige Meldung» ankündigte, gingen in Soeul, Washington, Tokio, aber auch in Peking und Moskau alle Alarmglocken los. Denn nur zwei Tage zuvor war einer der engsten Berater des «Grossen Führers» und neue Machthabers Kim Jong-un all seiner hohen Partei- und Militärämter enthoben worden. «Wegen Krankheit» wie es offiziell hiess. Das aber wird von niemandem ausserhalb und wohl auch innerhalb Nordkoreas für bare Münze genommen. Der 69 Jahre alte Ri Zong-ho war nämlich nicht irgendwer.

Seit seinen Jugendjahren mit dem im Dezember verstorbenen «Geliebten Führer» Kim Jong-il befreundet, war er Vizemarschall und - noch wichtiger - eines von fünf Mitgliedern des allmächtigen Präsidiums des Politbüros der Koreanischen Arbeiterpartei. Zusammen mit Kim Kyong-hui, Schwester von Kim Jong-il und deren Mann, Vize-Marschall Chang Song-taek galt Ri für den noch nicht einmal 30-jährigen Machthaber Kim Jong-un als die «Macht hinter dem Vorhang».

Was wenigen der Nordkorea-Deuter aufgefallen ist, ist der diskrete aber unaufhaltsame Aufstieg von Vize-Marschall Choe Ryong-hae. Bereits am 15. April - dem 100. Geburtstag von Staatengründer, Halbgott und Grossvater des jüngsten Kim, Kim Il-sung - sass bei den Feierlichkeiten nicht der jetzt Abgehalfterte Ri neben Kim Jong-un, sondern eben der 60jährige Choe. Er ist Mitglied im Präsidium des Politbüros und einer von zwei Vize-Vorsitzenden der Militärkommission. Zudem versteht er sich, so ist in Pjöngjian zu hören, sehr gut mit Vize-Marschall Zhang aus dem innersten Kreis um den jungen Machthaber Kim.

Kaum hatte die offizielle Nachrichtenagentur die «wichtige Meldung» angekündigt, reagierten die asiatischen Märkte und insbesondere die südkoreanische Börse hyper-nervös. Nicht lange. Breaking News war nämlich, dass Kim Jong-un jetzt auch noch zum Marschall befördert worden ist. Keine zwei Jahre, nachdem ihn sein Vater, bereits tot krank, dem koreanischen Volk und der Welt ertmals präsentierte, zum Vier-Stern-General beförderte sowie in hohe Parteiämter hob. Jetzt steht der «Grosse Führer» in jungen Jahren schon auf der obersten Stufe der Macht: Vorsitzender der Koreanischen Arbeiterpartei, Oberkommandierender der Armee, Vorsitzender der Militärkommission der Partei, Vorsitzender der staatlichen Militärkommission. Und jetzt ist der «Junge General» und «Grosse Nachfolger» auch noch Marschall. Weiter nach oben geht es nicht mehr. Zu Lebzeiten jedenfalls. Erst nach dem Tod sind weitere Hierarchie-Stufen möglich. Kim Jong-uns 1994 verstorbener Grossvater Kim Il-sung wurde zum «Präsidenten in alle Ewigkeit» sowie zum «Gross-Marschall» ernannt und der im Dezember verstorbene Vater Kim Jong-il erlangte kürzlich den Titel eines «Generalissimo».

Das Auf und Ab im Machtgefüge des Einsiedlerstaates lässt viele Schlüsse zu. Diplomaten, Nordkorea-Experten aller Schattierungen und natürlich Journalisten versuchen sich einen Reim auf die Personalverschiebungen in Pjöngjang zu machen. Mit unterschiedlichem Ergebnis und mehr oder weniger überzeugenden Analysen. Eines jedoch ist sicher: der junge Kim Jong-un, jahrelang incognito auch in der Schweiz eingeschult, bringt im Vergleich zu seinem stets ernsten und schweigsamen Vater Kim Jong-il einen neuen Stil ins dröge Propaganda-Umfeld Nordkoreas. Durchaus möglich, dass der junge Mann dabei ganz persönlich seine Hand im Spiel hat.

Bereits zwei Mal wandte er sich in Reden ans Volk, etwas, was sein Vater nie getan hätte. Auch er besucht natürlich Fabriken, Kolchosen, Schulen, Spitäler, Kindergärten und Kasernen. Doch ungleich seinem Vater gibt er sich locker, lacht zuweilen, herzt da ein Baby und umarmt dort einen Arbeiter oder eine Arbeiterin. Auch er erteilt Lektionen, greift aber hin und wieder selbst zu und scheut sich auch nicht, Arbeiter zu massregeln, weil sie nicht genügend dem «Volke dienen». Arbeiter und Arbeiterinnen einer Sockenfabrik etwa ermunterte er, Design und Farbe im «internationalen Modetrend» zu produzieren.

Am Fernsehen war Kim junior neulich an einem Fest mit 20'000 Kindern zu sehen. Micky Maus, Minnie Maus, Schneewittchen, Dumbo und andere Disney-Figuren traten auf, aus den überdimensionalen Lautsprechern plärrte Rock-Musik und Frank Sinatra, Töne des Klassenfeindes also. Die Moranbong Band spielte nordkoreanischen Rock, eine Formation, die vom jungen Kim persönlich mitbegründet worden sein soll. Eine junge, hübsche in Schwarz gekleidete Frau stand lächelnd neben ihm. Die Frau wurde später von assortierten Pundits als berühmte nordkoreanische Sängerin, als Schwester, Geliebte oder gar Frau von Kim Jong-un identifiziert.

Am Fernsehen war auch zu sehen, dass die Rocksäume der Frauen kürzer und die Absätze der Schuhe schon fast High-Heels waren. Und schliesslich: Kim lädt seinen Spielgefährten aus Kindertagen nach Pjöngjang ein, den japanischen Sushi-Koch Fujimoto.

Auch auf unteren Hierarchie-Stufen bewegt sich einiges, obwohl das den meisten internationalen Beobachtern meist entgeht. Gut ausgebildete Nordkoreaner und Nordkoreanerinen rücken im mittleren Kader der Ministerien nach oben. Jüngere Wirtschaftsfachleute reisen um den Globus. Funktionäre reisen ins Ausland, um - wie der «Grosse Führer» Kim erläutert - «sich zu informieren. Sie sollen lernen, was sie wissen müssen». Mit China und Russland sind, wieder einmal, Sonderwirtschaftszonen angedacht und in fortgeschrittenem Stadium der Planung. In Pjöngjang bildet sich die Wirtschaftselite weiter durch hochkarätige Referenten aus dem Ausland, unter anderem auch aus der Schweiz.

Nordkorea ist zwar nach wie vor ziemlich isoliert. Doch nicht mehr so abgeschottet wie früher. Weil Kim Jong-il und auch Sohn Kim Jong-un Techno-Begeisterte sind (bzw. waren), gibt es - dank ägyptischer Initiative - ein Mobil-Telephon-Netz mit rund einer Million Nutzern sowie ein Intranet für die privilegierten oberen Zehntausend. Auch Klassenfeind Micky Maus ist nicht erst seit der Kinderveranstaltung im ganzen Land bekannt und beliebt. Auf den aus China importierten Schulranzen prangen nicht selten Micky und Minnie. Im übrigen wurde Disneys Zeichentrickfilm «Lion King» zum Teil in Pjöngjang produziert.

Zehntausende von Nordkoreaner und Nordkoreanrinnen arbeiten im Ausland, in Russland und China zumal, aber auch in Fabriken in der Mongolei, in Kambodscha oder Vietnam. Mit andern Worten, Informationen träufeln ins Land, und die nordkoreanische Propaganda kann den Genossinnen und Genossen nicht mehr wie noch vor einigen Jahren weismachen, das Südkorea ein bitterarmes Land sei. Mehr Information hat freilich, wie die Geschichte zeigt, noch nie zu Revolutionen geführt, nicht einmal in Osteuropa oder der DDR, die privilegierten Zugang zum Westen hatten. Nordkorea ist keine Ausnahme.

Dennoch: ist in Nordkorea eine milde Kulturrevolution im Gang? Hat die Partei die bewaffneten Streitkräfte in den Senkel gestellt? Entpuppt sich der im Westen oft als grosser Kindskopf gezeichnete Kim Jong-un als Grosser Diktator wie Grossvater Kim Il-sung, dem er zum Verwechseln ähnlich sieht und sein grosses Vorbild ist? Oder versucht der jüngste Spross der Dynastie gar über beide hinauszuwachsen? Und wenn ja: in welcher Richtung? «Wohlstand für alle», wie bereits Vater Kim Jong-il fürs laufende Jahr versprochen hatte? Oder etwas bescheidener: weniger oder gar keinen Hunger mehr fürs breite Volk?

Chinesische Pundits behalten kühlen Kopf. Zhang Langiu, Experte an der Parteischule der KP in Peking sagt, es gebe kaum Anzeichen, dass Nordkorea sich von der Songung-Doktrin - «Das Militär zuerst» - distanziere. Immerhin hat Nordkorea mit 1,2 Millionen Mann und 4,7 Millionen Mann Reserve eine der grössten Armeen der Welt. Ein Drittel des gesamten Staats-Haushaltes wird für die Streitkräfte ausgegeben. Dies inmitten einer anhaltenden Nahrungsmittel-Knappheit mit verbreiteter Unterernährung und einer desolaten Wirtschaft. Devisen erwirtschaftet sich Nordkorea vor allem mit Export von Bodenschätzen, vornehmlich nach China, sowie mit Waffenhandel und der Produktion von qualitativ hochstehendem Falschgeld. Im übrigen kann mit Geld in Nordkorea alles gekauft werden oder anders ausgedrückt, Militärs und Parteikader sind bis tief hinunter in die Provinz hochkarätig korrupt.

Die Ernennung Kims zum Marschall interpretiert Zhang Langiu als «Sicherung der Stabilität» und als Anzeichen dafür, dass Kim nach sieben Monaten an der Macht die Zügel fest im Griff hat. Su Hao wiederum, Sozial-Wissenschafter an der Pekinger Universität für Auswärtiges, denkt, dass Kim wohl politische und wirtschaftliche Reformen vorbereite, indem er konservativen Offizieren, die mit der «Militär zuerst»-Doktrin gut gefahren sind, weniger Spielraum lasse. Wirtschaftliche Reformen sind tatsächlich mit den horrend hohen Ausgaben für die Armee nicht vereinbar. «Turbulenzen», meint Parteilehrer Zhang, «sind auch in Zukunft nicht auszuschliessen, vieles hängt von der politischen Weisheit Kim Jong-uns ab, die Macht zu halten und zu mehren».

Nur eines kann heute mit Sicherheit festgestellt werden: Nordkorea wird seinen Weg ohne Einmischung von Aussen gehen. Der selbstdeklarierte Atomstaat wird seine vermeintliche oder tatsächlich existierende Atombombe als Trumpfkarte für internationale Verhandlungen mit Sicherheit nicht aus der Hand geben. Für die Grossmächte USA, China, Russland und Japan sowie auch Südkorea andrerseits ist Nordkorea als Pufferstaat unverzichtbar. Niemand ist an einer Änderung des Status Quo wirklich interessiert. Pekinger Gespräche über das nordkoreanische Atomprogramm hin oder her.

Für Kim Jong-un und die nordkoreanische Führung stellt sich die Frage ganz anders. Wie weit kann man wirtschaftliche Reformen treiben, ohne die politische Macht zu verlieren? In China ist das dem grossen Revolutionär und Reformer Deng Xiao-ping einst meisterhaft gelungen. Voraussetzung: jene, welche die Reform durchführen müssen vom Unterfangen überzeugt sein, sie müssen - dies vor allem - überdurchschnittlich am Erfolg beteiligt und bereit sein, jede politische Dissonanz im Keim zu ersticken, wenn nötig mit Gewalt.

Ob der «Junge General» und mit ihm die «Macht hinter dem Vorhang» sich durchsetzen kann, bleibt vorerst eine offene Frage. Immerhin: die «Sonne des Ostens» bewegt sich doch.

(Peter Achten/news.ch)

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