«Stipendienwesen ist unfair»
publiziert: Freitag, 27. Jul 2007 / 08:56 Uhr / aktualisiert: Freitag, 27. Jul 2007 / 10:04 Uhr

Der Verband der Schweizer Studierenden kämpft für eine Harmonisierung der staatlichen Studienunterstützung. Doch die Zeit arbeitet gegen ihn.

Viele Studierende müssen mit einem knappem Budget auskommen.
Viele Studierende müssen mit einem knappem Budget auskommen.
«Das Schweizer Stipendienwesen unfair – und ungenügend ausgebaut», sagt Deborah Ummel, Co-Präsidentin des Verbandes der Schweizer Studierendenschaften. Stipendien sollen auch Studierenden mit finanzschwachen Eltern ermöglichen, ein Studium zu durchzuführen.

Das Schweizer Stipendiensystem ist im Vergleich mit anderen europäischen Ländern jedoch schwach ausgebaut. Gerade mal 16% der Studierenden beziehen staatliche Studienunterstützung, durchschnittlich machen Stipendien nur 5% des Studi-Budgets aus.

Kantone zahlen unterschiedlich

Zudem liegt das Stipendienwesen weitgehend in der Kompetenz der Kantone. Was dazu führt, dass in den Leistungen der einzelnen Kantone deutliche Unterschiede zutage treten. Während im Jahr 2005 Zürich seinen Stipendianten durchschnittlich rund 4500 Franken pro Semester ausbezahlte, waren es in Neuenburg gerade mal rund 2000 Franken. Zudem werden die Gelder von Kanton zu Kanton nach unterschiedlichen Kriterien ausgeteilt.

Bund zieht sich zurück

Beim Studierendenverband steht die Stipendienharmonisierung auf Bundesebene deshalb ganz oben auf der politischen Agenda. Am 8. Februar dieses Jahres veranstaltete der VSS eine Tagung zum Thema, am 30. Mai lancierte er einen nationalen Aktionstag. Und das ist dringend nötig - denn die momentane Entwicklung läuft entgegen den Vorstellungen des VSS.

Bisher unterstützte der Bund die kantonalen Stipendienwesen. Im neuen Finanzausgleich, der nächstes Jahr in Kraft treten soll, ist keine Zweckbindung der Bundesgelder an die Kantone mehr vorgesehen – sie können das Geld so verwenden, wie sie es wollen.

Leere Versprechungen

«Mit dem schrittweisen Rückzug des Bundes aus dem Stipendienwesen haben wir Angst, dass immer weniger finanzielle Unterstützung für immer mehr Studierende zur Verfügung steht», sagt Ummel. «Von den Kantonen erwarten wir nicht allzu viel Hilfe» Viele Kantonsregierungen würden zwar die Wichtigkeit von Bildungsausgaben betonen – im politischen Alltag würden dann aber oft andere Prioritäten gesetzt und Stipendienbudgets gekürzt.

So habe sich aufgrund der ständig steigenden Studierendenzahlen und den stagnierenden oder sinkenden Budgets für Studierendenunterstützung die Stipendiensituation verschlechtert. Versprechungen von Politikern, wieder vermehrt in Bildung und damit auch in Stipendien investieren zu wollen, steht Ummel kritisch gegenüber. «Vor dem Wahlkampf will fast kein Politiker in der Bildung sparen. Nachher sieht es meist etwas anders aus.»

Gegen Darlehen und Bologna

Eine weitere Tendenz, die dem VSS nicht behagt, besteht darin, dass Kantone vermehrt Stipendien durch Darlehen ersetzen, die nach dem Studium zurückbezahlt werden müssen. «Damit starten unterstützungsbedürftige Studierende mit einem Schuldenberg ins Erwerbsleben», sagt Ummel. Auch die Umstellung auf die Bologna-Studienordnung bereitet dem VSS Kopfzerbrechen. Die Verschulung der Studiengänge verlangt von Seiten der Studierenden ein höheres Engagement für die Universitäten.

Werkstudenten, welche keine Unterstützung aus dem Elternhaus beziehen (können), haben es schwerer. Zudem ortet der VSS einen Widerspruch in der Zielsetzung der Bolognareform und den Weg, dieses Ziel zu erreichen: «Der politische Wille, die Maximalstudiendauer zu verkürzen, führt also dadurch, dass ein Grossteil der Studierenden neben dem Studium arbeitet und nicht die erforderlichen 100% in das Studium investieren kann, in die gegenteilige Richtung, nämlich zu einer Verlängerung des Studiums bis zum Erreichen eines Diploms», befürchtet der VSS in der Broschüre zum Thema Stipendien.

Diskussion entfachen

Einen Silberstreifen am Horizont, aber noch kein Grund zum Optimismus stellen für den VSS die Bemühungen der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK dar. Diese wollen wenigstens einige Standard festzulegen, die in allen kantonalen Stipendienwesen gelten sollen. «Der Vorschlag des EDK zu einheitlichen Kategorien wird nicht viel verändern.

Hierbei geht es nur darum, einige Minimumstandards festzulegen. Von Harmonisierung kann keinen Rede sein.» Deborah Ummel hofft jedoch, dass sich mit dem Vorschlag der EDK eine Diskussion um das schweizerische Stipendienwesen entfacht, in der die Studierendenvertretung ihre Position einbringen kann.

Literatur: Frei, Willy, Stipendien-Handbuch. Weg zur Ausbildungsfinanzierung, Zürich: Verlag pro juventute, 1995, (2. Auflage 1998), ISBN 3-7152-0278-5.

(Von Joel Bedetti)

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