Strassenstrich: Sexboxen gefordert
publiziert: Montag, 13. Sep 2010 / 11:32 Uhr / aktualisiert: Sonntag, 30. Jan 2011 / 13:02 Uhr

Der Strassenstrich am Zürcher Sihlquai existiert seit mindestens zwanzig Jahren. Neuerdings bewegt die ungewöhnlich starke Zunahme von Prostituierten aus Osteuropa die Gemüter im angrenzenden Quartier.

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Zur Eindämmung der ausufernden Situation werden unter anderem auch unkonventionelle Massnahmen gefordert. Ebenso für negative Schlagzeilen sorgen Zwangsprostitution und Fälle von Gewalt gegen Sexarbeiterinnen.

«Wir befürworten Verrichtungsboxen», sagte etwa Christina Stücheli, Sprecherin des Stadtzürcher Sozialdepartements und begründet dies vor allem mit Sicherheitsüberlegungen. «Im Auto ist eine Prostituierte dem Freier vollständig ausgeliefert.» Deswegen sind die Verrichtungsboxen architektonisch so gebaut, dass die Prostituierte auf dem Beifahrersitz aussteigen kann, nicht aber der Freier. Ihm ist dort ein Ausstieg links mittels konstruierter Mauer verwehrt.

Demnächst wird eine städtische Delegation mit Stadtrat Daniel Leupi nach Köln reisen, das solche Boxen eingerichtet hat, um sich dort mit den Verantwortlichen auszutauschen.

Staatliche Bordelle kaum machbar

Die Einrichtung staatlicher Bordelle sieht Christina Stücheli dagegen als kaum machbar. Dafür bräuchte es umfangreiche gesetzliche Änderungen. Die frühere Sozialvorsteherin Monika Stocker hatte vor einigen Jahren die Einrichtung staatlicher Bordelle vorgeschlagen. Es sei damals vor allem darum gegangen, die Gefährdung der Sicherheit anschaffender Frauen zu thematisieren, sagte die Sprecherin des Sozialdepartements.

Klar ist, dass Sexboxen als Massnahmen gegen die in jüngster Zeit auswuchernde Strassenprostitution kaum genügen. Klagen wegen vielen anschaffenden Frauen wurden nicht nur am Sihlquai sondern auch im Niederdorf laut. Um die Sache in den Griff zu kriegen, kündigte die Stadtregierung ein Massnahmenpaket an. Unter anderem sollen die städtischen Strichzonen neu definiert werden.

Kein Verbot der Strassenprostitution

Dass die Strassenprostitution ganz verboten werden soll, wie es der «Tages-Anzeiger» berichtete, wies das Polizeidepartement zurück. Dies sei nicht beabsichtigt und rechtlich aufgrund eines Entscheids des Bundesgerichts nicht machbar, sagte Mediensprecher Reto Casanova.

Der Anstieg des Strassenstrichs ist insbesondere auf den Zustrom vieler Roma-Frauen aus Ungarn zurückzuführen, die sich auf die Personenfreizügigkeit berufen können. Für Selbstständigerwerbende aus den neuen EU-Ländern gilt eine Meldepflicht. Sie dürfen maximal 90 Tage in der Schweiz arbeiten.

Die anschaffenden Frauen müssen angeben, in welcher Strichzone oder in welchem Etablissement sie arbeiten. Für die Meldebestätigung gelte das Mindestalter 18, erklärte Irene Tschopp, Sprecherin des Amts für Wirtschaft des Kantons Zürich. Das Mittragen der entsprechenden Meldebestätigung wird gemäss Formular „empfohlen“.

Da es sich nur um eine Meldepflicht und nicht um eine Bewilligungspflicht handelt, können keine Auflagen, zum Beispiel an die Aids-Prävention, gemacht werden.

Ungarinnen an der Spitze

Gemäss der kantonalen Statistik zeigte sich Anfang 2010 eine Häufung der Anmeldungen von «Masseusen», wobei die Ungarinnen an der Spitze liegen. Im Januar meldeten sich 64 Frauen für die Tätigkeit im Strassenstrich an, davon waren 59 Ungarinnen.

Weit höher lag die Zahl der «Masseusen» im Clubbereich, insgesamt 416 Personen, davon 88 Ungarinnen. Die Zahl flacht danach wieder ab. Die Zahlen im Bereich Strassenstrich bewegen sich bis August zwischen 30 und 40 Anmeldungen. Dass die tatsächliche Anzahl der am Strich anschaffenden Frauen weitaus höher ist, bestätigt auch die Stadtpolizei.

«Häufiger ohne Anmeldung»

«Wir treffen in jüngster Zeit häufiger unangemeldete Prostituierte an», bestätigt Stapo-Sprecher Marco Cortesi. Tendenz steigend. Sie werden aufgefordert, sich zu melden, ansonsten verzeigt. Die Bussen würden allerdings selten beglichen. «Meist sind die Betreffenden dann schon wieder an einem anderen Ort», erklärte Cortesi weiter.

Als Alternative zum Strassenstrich am Sihlquai hat Anwalt Valentin Landmann zum Beispiel die legale Fensterprostitution vorgeschlagen. Ebenso schlug Landmann den Schlachthof in der Nähe des Letzigrund-Quarties vor, um den Prostituierten Absteigen zur Verfügung stellen zu können.

Die Umwandlung des Schlachthofs in ein halbwegs kontrolliertes Bordell hält dagegen Rolf Vieli aus Gründen der Stadtentwicklung für ungeeignet. Vieli ist Leiter der städtischen Projektgruppe «Rotlicht», die den Stadtrat berät. Dieser will das Massnahmenpaket in absehbarer Zeit vorstellen. Eben dann, wenn die städtische Delegation aus Deutschland zurückgekehrt ist.

 

(Harald Tappeiner/news.ch)

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