Streit um den CO₂-Kuchen
publiziert: Dienstag, 14. Aug 2012 / 08:45 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 14. Aug 2012 / 22:50 Uhr

Die Menschheit kann sich nur eine bestimmte Menge an CO₂-Emissionen erlauben, wenn sie das 2°C-Ziel erreichen will. Aber wer hat wie viel des «Kuchens» zu gut? Diese Frage interpretieren verschiedene Staaten unterschiedlich. Ein Bericht von INFRAS und der ETH Zürich beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Interpretationen einer fairen Verteilung sowie ihren Auswirkungen aufs Klima.

1 Meldung im Zusammenhang
Weiterführende Links zur Meldung:

Blogbeitrag «Wie viel ist zu viel?»
Blogbeitrag von Prof. Reto Knutti zur Frage, wie viel CO2 die Menschheit übers nächste Jahrhundert noch ausstossen darf.
klimablog.ethz.ch

ETH Life zum 2°C-Ziel
ETH Life-Artikel «Wie das «2°C-Ziel» erreicht werden kann»
ethlife.ethz.ch

Annex I-Länder
Aktuelle Liste aller Annex I-Länder.
unfccc.int

Studie zur Lastenverteilung
Studie «Emission Pathways to reach 2°C target. Model results and analysis» von ETH Zürich und Infras.
iac.ethz.ch

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Die internationale Staatengemeinschaft hat sich darauf geeinigt, dass die globale Erwärmung 2°C nicht überschreiten soll. Mit dieser Vorgabe können wir Klimaforscher berechnen, wie viel CO₂ die Menschheit über das nächste Jahrhundert noch ausstossen darf (mehr dazu unter «weiterführende Links»).

Gemeinsame Verantwortung für das globale Problem

Die Berechnung dieser CO₂-Gesamtmenge ist eine rein wissenschaftliche Aufgabenstellung. Dabei ist es dem Klima egal, wann und wo das CO₂ ausgestossen wird. Eine Frage der Politik und Fairness ist, wer wie viel von dieser Menge ausstossen darf - wir nennen dies «Lastenverteilung». Das Problem der Lastenverteilung erinnert an Szenen im Kindergarten. Die Kinder müssen sich einen Kuchen «gerecht» teilen, genauso wie sich die Staatengemeinschaft die Menge CO₂ aufteilen muss, die maximal ausgestossen werden darf, um das 2°C-Ziel zu erreichen. Doch ist die Aufgabe beim CO₂-Kuchen um ein vielfaches schwieriger:

  • Alle wollen vom Kuchen. Auch diejenigen, die schon früher gekommen sind und schon die Hälfte des Kuchens «gegessen» haben.
  • Der Kuchen muss für 100 Jahre reichen.
  • Es gibt keine Lehrerin, die entscheidet, wie eine faire Verteilung aussieht.

In der Klimapolitik hat sich die internationale Staatengemeinschaft darauf geeinigt, dass für die Lastenverteilung («burden sharing») die sogenannte «Common but Differentiated Responsibility» gelten soll. Das heisst, alle Länder müssen die Verantwortung gemeinsam übernehmen. Der Anteil jedes Landes hängt jedoch ab von seinen finanziellen und technologischen Möglichkeiten sowie seinen heutigen und vergangenen CO₂-Emissionen. Wie man diese Kriterien im Detail berücksichtigt, darüber scheiden sich die Geister.

Was ist fair?

Zusammen mit INFRAS haben wir im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (BAFU) eine Studie gemacht. Dabei haben wir drei verschiedene Vorschläge zur Lastenverteilung untersucht, mit denen das 2°C-Ziel erreicht werden kann. Zusätzlich haben wir ein Szenario angeschaut, in dem keine Massnahmen zum Klimaschutz unternommen werden. Im Detail:

  • Vorschlag 1: Indischer Vorschlag («Indian Proposal», IND-PRO). Die «teilnehmenden» Länder reduzieren ihre Emissionen so stark, dass gemeinsam ein 2°C-Ziel erreicht werden kann. Als «teilnehmende» Länder gelten zu Beginn die Annex I-Länder. Jedes «nicht teilnehmende» Land wird zu einem «teilnehmenden» Land, wenn seine CO₂-Emissionen pro Kopf grösser werden als die durchschnittlichen Emissionen der bereits «teilnehmenden» Länder oder wenn das Land eine bestimmte Schwelle des Pro-Kopf-Einkommens (BIP) erreicht.
  • Vorschlag 2: gleiche totale Emissionen pro Kopf («Cumulative per Capita», CPC). Jedes Land hat das Recht auf die gleichen totalen Pro-Kopf-Emissionen von 1990 bis 2100. Die Verteilung der Emissionen über die Zeit nach 2010 ist nicht vorgeschrieben und liegt in der Verantwortung der Länder (in der Figur durch eine Spline-Funktion illustriert).
  • Vorschlag 3: notwendigkeit und Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen («Responsibility Capacity Indicator», RCI). Der Anteil eines Landes an der gesamten Emissionsreduktion wird bestimmt durch einen sogenannten RCI-Indikator. Dieser berücksichtigt zu 75% die Pro-Kopf-Emissionen der vorherigen 10 Jahre (die historische Verantwortung) und zu 25% das erwartete Bruttoinlandprodukt pro Kopf (die Möglichkeit, einen Beitrag zu leisten).
  • Keine Intervention zum Klimaschutz («Business as usual», BAU): Annahme, dass keine Massnahmen zum Klimaschutz unternommen werden.

Die totalen erlaubten Emissionen für Annex I Länder sind für Vorschlag 1 («Indian Proposal») und Vorschlag 3 («RCI-Indikator») ähnlich. Der Vorschlag 2 («Gleiche totale Emissionen pro Kopf») hingegen erlaubt den Annex I-Ländern fast keine Emissionen mehr, weil sie ihren Anteil seit 1990 schon verbraucht haben. Eine Reduktion der Emissionen auf null ist aber nicht sofort möglich. Der Ausweg wären «negative Emissionen» was bedeutet, dass irgendwann nach 2050 die Einlagerung von CO₂ im Erdreich (Sequestrierung) plus die CO₂-Kompensation im Ausland die Inland-Emissionen übersteigen müssten.

Trotz der Unterschiede der verschiedenen Vorschläge gibt es Aussagen, die für alle Vorschläge gelten: Die Emissionen Westeuropas müssen bis 2050 mindestens 80% tiefer liegen als heute. Im Vorschlag 2 («Gleiche totale Emissionen pro Kopf») müssen sie sogar um über 100% reduziert werden. Bei allen Vorschlägen ist das Fazit für die Schweiz und für viele andere Staaten: Will man das 2°C-Ziel erreichen, müssen die CO₂-Emissionen schnell und drastisch reduziert werden.

Streit um den Kuchen

Doch erinnern wir uns an den Vergleich mit dem Kuchen: Einige sind früher gekommen als andere und haben schon die Hälfte des Kuchens «gegessen». Trotzdem wollen sie mehr, obwohl sie jetzt eigentlich hungern müssten. Der Kuchen muss für 100 Jahre reichen. Und es gibt keine Lehrerin, die entscheidet, wie eine faire Verteilung aussieht. Das sind Hauptgründe dafür, warum die Klimaverhandlungen seit längerem stocken.

(Prof. Reto Knutti/ETH-Zukunftsblog)

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