Stressfalle Arbeitsplatz erhöht Suizidrisiko
publiziert: Sonntag, 22. Jun 2008 / 22:17 Uhr / aktualisiert: Sonntag, 22. Jun 2008 / 22:44 Uhr

Paris/Dublin/Kröning - Permanenter Stress am Arbeitsplatz kann in Einzelfällen bis zum Selbstmord führen. Erhebungen des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen in Deutschland zufolge klagt mittlerweile fast jeder dritte Arbeitnehmer über Stress am Arbeitsplatz.

«Die Leugnung durch die Unternehmen sei häufig gängige Praxis.»
«Die Leugnung durch die Unternehmen sei häufig gängige Praxis.»
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Die Folgen äussern sich nicht nur darin, dass 31 Prozent aller Fehltage auf zu grosse berufliche psychische Belastungen zurückzuführen sind.

Da Angestellte in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und dem drohenden sozialen Abstieg zunehmend vor einer Fülle von Aufgaben im Berufsleben stehen, hat sich Experten zufolge nicht nur das Arbeitstempo, sondern auch der psychische Druck erhöht.

Krankmacher Nummer eins

Erst unlängst wurde bekannt, dass sich vier Mitarbeiter des französischen Telekommunikationskonzerns France Télécom binnen weniger Wochen das Leben genommen haben. Diese stehen unter anderem mit Neuordnungen im Zusammenhang, weil sich dadurch die Arbeitsbedingungen verschlechtert hätten, berichtet die «Süddeutsche Zeitung» unter Berufung auf die Gewerkschaft Sud-PTT.

«Stress ist in der heutigen Arbeitswelt weltweit der Krankmacher Nummer eins. Schliesslich nimmt der Zeit- und der damit verbundene Termindruck unaufhörlich zu», sagt Psychologe und Stressexperte Gerd Wenninger.

Selbstmord nach Beförderung

Ähnlich gelagerte Selbstmordfälle in französischen Grossunternehmen traten auch bei französischen Automobilherstellern auf. So hatten sich 2006 sechs Angestellte von PSA Peugeot-Citroën das Leben genommen, während es bei Konkurrenten Renault drei Beschäftigte waren.

Im Fall PSA nannte der Verstorbene im Abschiedsbrief kaum zu bewältigenden Stress am Arbeitsplatz nach dessen Beförderung. Laut der Gewerkschaft FT-Est habe ein anderer Mitarbeiter im Mai dieses Jahres Selbstmord begangen, nachdem dieser schlecht mit einer neuen Technik am Arbeitsplatz zurechtgekommen sei.

Nach Tod schwer nachweisbar

Aber auch bei den französischen Energiekonzernen EDF und Areva sowie dem Caterer Sodhexo traten in der Vergangenheit Suizide der Angestellten am Arbeitsplatz auf. «Diese Beispiele zeigen auf drastische Weise, dass es in den seltensten Fällen nur private Probleme sind, die dafür verantwortlich sind», so Wenninger.

Da sich Stress jedoch nur schwer im Nachhinein nachweisen lässt, sei die «Leugnung direkter Zusammenhänge durch die Unternehmen häufig gängige Praxis». Kaum verwunderlich für den Insider, wenn grosse Konzerne als Begründung stets persönliche Probleme oder eine Vielzahl anderer Ursachen anführen.

Stress durch neue Technologien

Angesichts dieser dramatischen Zuspitzung von empfundenen Arbeitsbedingungen fordern Mediziner wie Gewerkschaftler, dass sich moderne Management-Methoden ihrer möglichen Folgen auf die Angestellten bewusst werden müssen.

Abgesehen davon, dass weniger Mitarbeiter immer mehr und oft parallel leisten müssen, werden in der Diskussion vor allem Stressmomente durch neue Technologien, Informations- und Kommunikationsformen angeführt. Demnach seien Arbeitnehmer durch Handyklingeln oder E-Mails permanent alarmiert, was die Anspannung und eigene Leistungserwartung nur noch steigere.

Google steuert gegen

Einem Bericht des Europamagazins «cafebabel.com» nach versucht der weltgrösste Internet-Konzern Google dem Problem offensiv zu begegnen. In den USA wurden gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen, die Unternehmen dazu verpflichten, die durch Stress am Arbeitsplatz entstandenen Kosten zu berücksichtigen. So bietet Google Spiel- und Sporthallen oder Ruheräume an.

Trotz dieser längst noch nicht zum Standard gewordenen Verbesserungen reisst die Kritik nicht ab. «Wenn dadurch Stress abgebaut werden kann, aber zeitgleich bestimmte Bereiche des Lebens mehr und mehr mit dem Beruflichen verschmelzen, ist dies nur bedingt von Vorteil», gibt Wenninger zu bedenken.

So würden diese neu geschaffenen Arbeitsbeziehungen der Firma einen immer grösseren Stellenwert im eigenen Leben einräumen, wodurch sogar negative Folgen auf die sozialen Beziehungen drohen könnten.

(tri/pte)

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