«Stromlücke existiert in den Köpfen»
publiziert: Freitag, 9. Mrz 2007 / 06:26 Uhr / aktualisiert: Sonntag, 22. Mai 2011 / 13:39 Uhr

Zürich – Der WWF setzt ganz auf Energieeffizienz und hält den Bau von Grosskraftwerken für unnötig. Mit der angekündigten Klimainitiative soll zudem ein konkretes Klimaschutzziel für das Jahr 2020 in der Verfassung festgeschrieben werden. news.ch sprach mit dem WWF-Geschäftsführer Hans-Peter Fricker.

18 Meldungen im Zusammenhang
Herr Fricker, der WWF hat sich gegen den Bau von Gaskraftwerken sowie von neuen AKWS zur Schliessung der prognostizierten Stromlücke ausgesprochen. Welche Konzepte schlagen Sie vor und auf welche Grundlagen stützen sich Ihre Berechnungen?

Fricker: Der WWF setzt ganz auf Energieeffizienz und auf die erneuerbaren Energien. Wenn wir beim Verbrauch Strom sparen statt wie heute verschwenden, können wir, selbst bei weiter steigendem Lebensstandard, bis 2025 ca. 15% Strom einsparen. Dies z.B. mit wesentlich wirksameren Elektrogeräten im Haushalt und in der Industrie, mit einem Verbot neuer strombetriebener Heizungen und mit der massiven Reduktion des Stand-by-Verlustes z.B. bei Fernsehapparaten, was technisch ohne weiteres möglich ist. Eine Stromlücke muss es also nicht geben, sie existiert im Moment einfach in den Köpfen.

Die Schweiz produziert 60 Prozent ihres Stroms aus Wasserkraft. Wie viel des Strombedarfs könnten die erneuerbaren Energien abdecken, von welchen Zahlen gehen Sie aus?

Fricker: Schon heute decken die sogenannten neuen erneuerbaren Energien wie Sonnenenergie, Biomasse, Wind, Kehrichtverbrennung u.a. 5% unseres gesamten Energiebedarfs ab. Bei Holz und Biogas haben wir im eigenen Land ein riesiges, noch nicht genutztes Potential. Windenergie können wir sehr gut aus dem Ausland importieren. Mindestens eine Verdreifachung dieses Anteils ist keine zu optimistische Rechnung. Es ist jedoch richtig: Kurzfristig liegt das grösste Potenzial in der Steigerung der Energieeffizienz.

SP, Grüne und Umweltverbände haben für den Frühling eine Klimainitiative angekündigt. Worum geht es und wird sich der WWF daran beteiligen?

Fricker: Der WWF Schweiz hat sogar die Koordinationsarbeit für diese Initiative übernommen und lädt auch die bürgerlichen Parteien und Organisationen zum Mitmachen ein. Es soll ein konkretes Klimaschutzziel für das Jahr 2020 in die Bundesverfassung geschrieben werden.

Fünf Arten von erneuerbaren Energien: Solarenergie, Windenergie, Geothermie/Wärmepumpen, Biomasse und Wasserkraft: Gibt es solche, die der WWF bevorzugt oder Vorbehalte anbringt?

Fricker: Alle haben Vor- und Nachteile. Wir setzen nicht auf eine Energieart, schliessen aber auch keine aus. Die nötige Wirkung erzeugen diese Energien in ihrer Kombination bzw. in ihrer Gesamtheit.

Gibt es aus Sicht des WWF Vorbehalte gegen Meeres-Windfarmen vor der Küste, wie sie zum Teil von Vogelschützern vorgebracht werden?

Fricker: Es kommt ganz auf die Wahl der genauen Standorte an. Wo sich traditionell grosse Vogelscharen bewegen, sollen sicher keine Windfarmen errichtet werden. Auch dort, wo wertvolle Kaltwasser-Riffe tangiert werden, sollen sicher keine Beton-Pfeiler in den Boden gerammt werden. Daneben gibt es aber genügend natur-verträgliche Standortmöglichkeiten.

Wenn der zusätzliche Energiebedarf durch Energieeffizienz und erneuerbare Energien abgedeckt würde, heisst das aber auch, dass man auf die bestehenden AKWs verzichten kann. Halten Sie langfristig ein Ausstiegsszenario für denkbar?

Fricker: Ja, absolut. Es kommt auf unseren politischen Willen bzw. auf die Wahl unserer Energiearten an.

Klimapolitik: Der WWF ist sehr engagiert in der Klimapolitik und in der nachhaltigen Holzbewirtschaftung zum Schutz der Regenwälder. Wie beurteilen Sie die Förderung von Biotreibstoffen wie Ethanol etwa in Brasilien oder in den USA?

Fricker: Ethanol ist ebenfalls eine Energieart unter vielen. Es gibt gerade in Ländern wie Brasilien und USA grosse Flächen, wo dessen Anbau sinnvoll ist. Dieser darf aber nicht zulasten der Regenwälder oder der Nahrungsmittelproduktion der einheimischen Bevölkerung gehen. Es ist hier vor Ort die richtige Balance zwischen verschiedenen Ansprüchen zu finden.

Jüngst hat BKW-Chef Rohrbach in einem NZZ-Interview gesagt, es werde 2040 nicht einfach das Licht ausgehen, obwohl das andere Vertreter der Strombranche jeweils implizit behauptet hatten. Immerhin sprach Herr Rohrbach noch von steigenden Preisen und Übertragungslücken, die auftreten könnten. Kann man den Vertretern der Strombranche diese Argumente angesichts der Liberalisierung des Strommarktes überhaupt noch abnehmen?

Fricker: Liberalisierungen drücken die Preise normalerweise nach unten. Wenn anderseits ein Gut knapp wird, gehen die Preise nach oben. Eine Preis-Steigerung beim Strom wird die Bevölkerung dafür motivieren, mit dem Strom sparsamer umzugehen. Dies kann man z.B. in Japan bereits beobachten. Insofern gebe ich Herrn Rohrbach Recht. Deshalb ist es volkswirtschaftlich sinnvoll, die Strompreise schon heute durch eine haushaltsneutrale Lenkungsabgabe anzuheben und damit den unnötigen Verbrauch zu drosseln. Damit können allenfalls negative Auswirkungen von künftig höheren Marktpreisen gedämpft werden.

Der WWF, wie man ihn früher kannte, hat sich vor allem für den Schutz bedrohter Tierarten engagiert. Nun ist er auch ein wichtiger Player im Klimaschutz und in der Energiepolitik geworden. Gibt es Stimmen, die eine Rückkehr des WWF zu den „ursprünglichen Zielen“ fordern?

Fricker: Solche Stimmen gibt es vereinzelt. Und zu diesen ist zu sagen, dass wir den Schutz bedrohter Tierarten ja keineswegs aus unseren Programmen gekippt haben. Wir haben ihn aber durch die Klimaarbeit ergänzt. Denn wenn das Klima nicht mehr stimmt, gehen weltweit eine Unmenge von Lebensräumen, die für die Tiere essentiell sind verloren. Deshalb sehen die meisten unserer Mitglieder ein: Wer Tier- und Pflanzenarten an ihren heutigen Standorten schützen will, muss sehr viel zum Klimaschutz beitragen.

Herr Fricker, Sie gelten als bürgerlicher Mensch, der schon in seiner Jugend der FDP angehört hat. Nun vertreten Sie beim Umweltschutz eine andere Haltung als die bürgerlichen Parteien. Ist das für Sie ein Widerspruch, ist das Überzeugung oder hat das vor allem etwas mit dem Beruf zu tun?

Fricker: Ich bin nach wie vor Mitglied der FDP und bin mit grünen Anliegen darin auch keineswegs allein. Offizielle Positionen einer Partei werden durch Mehrheitsbeschlüsse festgelegt, und da denken FDP und ich tatsächlich nicht immer gleich. Die FDP hat in den 70er und 80er Jahren den Umweltschutz in der Schweiz ganz wesentlich gefördert. Da es hier um die natürlichen Ressourcen geht, auf die wir als biologische Wesen existentiell angewiesen sind, hoffe ich, dass dies auch in der Zukunft wieder der Fall sein wird. Grün sein und generell eine liberale politische Haltung haben widerspricht sich nicht.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

(Harald Tappeiner/news.ch)

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