Öffnung von Internet und Mobilfunk
Suleiman spricht mit Opposition über Verfassungsreform
publiziert: Sonntag, 6. Feb 2011 / 18:50 Uhr / aktualisiert: Sonntag, 6. Feb 2011 / 19:11 Uhr
Der ägyptische Vizepräsident Omar Suleiman.
Der ägyptische Vizepräsident Omar Suleiman.

Kairo - In Ägypten brechen die verhärteten Fronten auf: Nach über eineinhalb Wochen der Demonstrationen und Proteste begannen am Wochenende in Kairo die Verhandlungen über die Zukunft Ägyptens.

10 Meldungen im Zusammenhang
Vizepräsident Omar Suleiman traf sich am Sonntag mit Vertretern der Oppositionskräfte, um über Reformen und mehr Demokratie im Land zu diskutieren.

An den Gesprächen waren nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Mena ausser den Muslimbrüdern auch die liberale Wafd-Partei, die linksgerichtete Partei Tagammu und eine Gruppe beteiligt, welche die seit Tagen protestierenden Demonstranten eingesetzt hatten.

An dem Treffen nahmen unter anderem auch junge Unterstützer des Friedensnobelpreisträgers Mohamed al-Baradei teil. Sie zählen zu den treibenden Kräften hinter den Protesten.

Es war das erste Mal, dass die ägyptische Regierung mit der seit 1954 offiziell verbotenen Muslimbruderschaft offen in Verhandlungen trat.

«Guter Wille aber keine Fortschritte»

Im Anschluss an das Treffen erklärten beide Seiten, man habe sich auf die Einsetzung einer Gruppe geeinigt, die weitere Gespräche vorbereiten solle. Ein Sprecher der Muslimbruderschaft sagte, das Treffen habe guten Willen gezeigt, aber keine substanziellen Fortschritte erbracht.

Die Erklärung der Regierung deutete zugleich an, dass Präsident Husni Mubarak weiter im Amt bleiben solle, um die Reformen umzusetzen. Die Opposition ihrerseits bekräftigte ihre Forderung eines sofortigen Rücktritt von Präsident Husni Mubarak.

Beschränkung der Amtszeit

Gemäss Berichten der Agentur Mena versprach Suleiman bei den Gesprächen Pressefreiheit, die Freilassung festgenommener Demonstranten und die Aufhebung des Ausnahmezustands. Letzteres allerdings erst, wenn es die Sicherheitslage erlaube.

Ausserdem habe er der Einrichtung eines Komitees zugestimmt, das von den Demonstranten geforderte Änderungen an der Verfassung erörtern soll. Bis zur ersten Märzwoche soll es Vorschläge machen, wie beispielsweise eine Beschränkung der Amtszeit des Präsidenten und eine Lockerung der Voraussetzungen für Präsidentschaftskandidaten aussehen könnten.

Weiter versprach die Regierung, die Demonstranten nicht zu schikanieren und Mobilfunk- und Internetdiensten nicht zu stören. Beide Seiten einigten sich auf die Einrichtung von Büros, in denen sich Bürger über politische Verhaftungen beschweren können.

Suleiman kündigte ausserdem eine Aufhebung des Ausnahmezustands an, sobald die Sicherheit dies zulasse. Der seit 1981 geltende Ausnahmezustand hatte es der politischen Führung des Landes jahrzehntelang ermöglicht, die Opposition zu unterdrücken. Demonstrationen waren verboten. Zivilisten wurden von Militärgerichten verurteilt

Christlicher Gottesdienst auf Tahrir-Platz

Die Proteste auf dem Tahrir-Platz gingen aber weiter. Am Sonntag versammelten sich dort erneut rund 10'000 Menschen. Hunderte beteten für die bei den Protesten umgekommenen Demonstranten. An einem anschliessenden christlichen Gottesdienst nahmen Christen und Tausende Muslime gemeinsam teil.

Zentrale Forderung der seit dem 25. Januar anhaltenden Proteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo sowie in anderen ägyptischen Städten ist der sofortige Rücktritt von Präsident Husni Mubarak, der seit fast 30 Jahren an der Macht ist. Mubarak hat dies bisher abgelehnt, angesichts der massiven Demonstrationen gegen sein Regime allerdings politische Reformen versprochen.

Kopten an Protesten beteiligt

Das ägyptische Militär verstärkte unterdessen seine Präsenz auf dem Tahrir-Platz im Zentrum Kairos. Wie Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP berichteten, positionierten sich Soldaten unter anderem auf der nahe gelegenen Brücke des 6. Oktober. Von dort hatten Anhänger Mubaraks in der Wochenmitte regierungskritische Demonstranten angegriffen.

Am Mittag des 13. Tages der Proteste gegen Mubarak wurde auf dem Platz ein christlicher Gottesdienst abgehalten, bei dem auch für die Toten der vergangenen Tage gebetet wurde. An den Protesten hatten sich auch zahlreiche koptische Christen beteiligt.

Seit dem 25. Januar fordern Demonstranten in Massenprotesten den Rücktritt von Staatschef Husni Mubarak. Die Muslimbruderschaft setzt sich für die Einführung des islamischen Rechts, die Scharia, ein. Sie ist die einflussreichste und am besten organisierte Oppositionsgruppe in Ägypten.

Am Mittwoch und Donnerstag hatten sich Regierungsgegner und -anhänger blutige Auseinandersetzungen geliefert, bei denen nach offiziellen Angaben mindestens elf Menschen starben.

Leben in Kairo normalisiert sich

Das Leben in der ägyptischen Hauptstadt normalisierte sich derweil zunehmend. Zahlreiche Geschäfte in der Nähe des Tahrir-Platzes öffneten wieder ihre Pforten, auf den Strassen der Millionenstadt waren zahlreiche Fahrzeuge unterwegs, es kam zu Staus.

Auch die seit dem 27. Januar geschlossenen Banken öffneten wieder. Vor ihren Toren bildeten sich lange Schlagen. Die Banken richteten sich auf chaotische Zustände ein, weil sie angesichts der anhaltenden politischen Krise damit rechneten, dass zahlreiche Kunden ihre Guthaben abheben würden.

(ht/sda)

Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Die politische Instabilität erinnert die Investoren an Risiken in den Emerging Markets.
Kairo - Die instabile Lage im Nahen ... mehr lesen
Kairo/Alexandria - In Ägypten ist ... mehr lesen 3
Demonstranten auf dem Tahrir-Platz am 1. Februar 2011.
Lässt in China Alarmglocken schrillen: Grossdemos im Ausland
Achtens Asien Wenn es im Ausland zu Unruhen, zumal zu breit in der Bevölkerung abgestützten ... mehr lesen
Etschmayer Wir Europäer (und mit uns zusammen auch die USA) haben ein sehr merkwürdiges Verhältnis zu Freiheit und Demokratie. Vor allem ... mehr lesen 1
Realpolitik 1882er-Style: Englische und ägyptische Truppen in der Schlacht von Tel-el-Kebir.
Weitere Artikel im Zusammenhang
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
Den Besuchern wurden neben den Ausstellungen auch Ateliers, Erzählungen und Kalligraphie-Kurse geboten.
Den Besuchern wurden neben den ...
In La Chaux-de-Fonds  La Chaux-de-Fonds - Das Museum für Kulturen des Islam in La Chaux-de-Fonds NE ist am Wochenende eröffnet worden. Den Besuchern wurden neben den Ausstellungen auch zahlreiche Treffen, Ateliers, Erzählungen, Kalligraphie-Kurse und Tanzvorführungen geboten. mehr lesen 
Streitigkeiten über Einreisebedingungen nach Saudi-Arabien  Teheran - Iranische Gläubige werden in diesem Jahr nicht an der muslimischen Pilgerfahrt Hadsch in Mekka teilnehmen. Irans Kulturminister Ali ... mehr lesen   1
Gemäss dem Koran muss jeder Muslim, ob Mann oder Frau, der gesund ist und es sich leisten kann, einmal im Leben an der Wallfahrt zur heiligsten Stätte des Islam in Mekka teilnehmen. (Archivbild)
Papst Franziskus traf Flüchtlingskinder. (Archivbild)
Treffen mit Kindern  Vatikanstadt - Papst Franziskus hat sich mit Flüchtlingskindern getroffen, deren Eltern bei der gefährlichen Überfahrt über das Mittelmeer ums ... mehr lesen  
Mekka-Wallfahrt  Riad - Saudi-Arabien und der Iran sind weiter uneins über die Bedingungen, unter denen Iraner an der diesjährigen Mekka-Pilgerfahrt Hadsch ... mehr lesen  
Die Beziehungen zwischen den beiden rivalisierenden islamischen Ländern sind auf einem Tiefpunkt. (Archivbild)
Titel Forum Teaser
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Fr Sa
Zürich 13°C 30°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter wechselnd bewölkt, Regen
Basel 15°C 31°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter wolkig, aber kaum Regen
St. Gallen 15°C 27°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter wechselnd bewölkt, Regen
Bern 13°C 29°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter wechselnd bewölkt, Regen
Luzern 14°C 29°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig gewitterhaft wechselnd bewölkt, Regen
Genf 13°C 30°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter gewitterhaft
Lugano 18°C 29°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter gewitterhaft
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten