Suu Kyi: Nobelpreis und Realpolitik
publiziert: Dienstag, 9. Apr 2013 / 14:49 Uhr
Aung San Suu Kyi: Die Lady ist in den Niederungen der Realpolitik angekommen
Aung San Suu Kyi: Die Lady ist in den Niederungen der Realpolitik angekommen

Die Politik hat Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi eingeholt. Die westlichen Medien, die über zwei Jahrzehnte die burmesische Demokratie-Ikone in den Himmel hoben, setzen nun plötzlich grosse Fragezeichen und lassen sie zum Teil bereits fallen.

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Was normalerweise nur der Boulevard tut - mit dem Publizitätslift nach oben und dann gnadenlos in die Gosse schreiben - ist jetzt im Bezug auf Suu Kyi auch in europäischen und amerikanischen Qualitätszeitungen üblich geworden. In indischen oder chinesischen Zeitungen hingegen wird Aung San Suu Kyi als das wahrgenommen, was sie - kompromissbereit und auf Ausgleich bedacht - geworden ist, eine Politikerin nämlich in den Niederungen des demokratische Alltags. Der Zorn und die enttäuschte Liebe westlicher Experten, Kommentatoren und Journalisten entfachte sich an einem, um nicht zu sagen dem grossen Problem Myanmars, der Haltung der burmesischen Mehrheit zu den Minderheiten. Schon Suu Kyis Vater, Nationalheld und General Aung San, hatte damit zu kämpfen und vor ihm die britischen Kolonialherren.

Die Burmesen machen innerhalb von Myanmar nicht ganz 70 Prozent der Bevölkerung aus. Rund um das Kerngebiet mit der burmesischen Leitkultur gruppieren sich nördlich, östlich und westlich wie ein Kranz die verschiedenen Ethnien, insgesamt 138. Doch die wenigen grossen geben den Ton an, so unter anderem die Shan, Karen, Karenni, Kachin, Hmong, Wa oder Naga. Die britischen Kolonialherren liessen diese Minderheiten weitgehend sich selbst überlassen, sofern sie nicht wirtschaftliche Interessen tangierten. General Aung San handelte mit diesen Ethnien kurz vor der Unabhängigkeit 1947 ein Abkommen aus. Doch der Konflikt brach später da und dort wieder auf, und immer wurden neue Vereinbarungen getroffen. Das war nicht anders unter der Militärdiktatur, doch bei Erfolglosigkeit schlug die Armee gnadenlos zu.

Unter allen burmesischen Regierungen aber wurden die moslemischen Rohingyias im Bundesstaat Rakhine nie in Friedensgespräche oder Vereinbarungen einbezogen. Bis heute sind sie nicht Staatsbürger, dürfen ohne behördliche Genehmigung nicht reisen, nicht mehr als zwei Kinder haben und kein Land oder Haus besitzen. Von den Burmesen werden sie als illegale «bengalische» Einwanderer taxiert. Noch vor den Briten und lange vor den Burmesen lebten sie allerdings im heutigen Grenzgebiet von Bangladesh und Myanmar.

Nach burmesischem Recht - unter der jetzigen Reform genauso gut wie unter der Militärdiktatur - kann nur Staatsbürger werden, wer vor 1823, dem ersten anglo-burmesischen Krieg, in Burma ansässig war. Die Rohingyias allerdings waren schon lange im heutigen Rakhine-Staat zu Hause, denn sie sind die Nachkommen des ehemaligen unabhängigen Reiches von Arakan, das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von Bengalen bis zum heutigen Myanmar reichte.

Die rechtlosen Rohingyias wurden immer wieder brutal verfolgt, ermordet, gequält. Auch von Truppen von General Aung San, als er im II. Weltkrieg noch auf der Seite der Japaner kämpfte. Heute fristen die 800'000 Rohingyias in Myanmar ein klägliches Leben. Viele versuchen zu flüchten. Doch auch Bangladesh, obwohl in Sprache und Religion eng verwandt, will sie nicht aufnehmen. In illegalen Flüchtlingslagern am Rande von Burma und von Bangladesh sind die Rohingyias von der Aussenwelt und internationaler Hilfe abgeschnitten.

Inspiriert von den Gewalttaten gegen die moslemischen Rohingyias in der Rakhine-Hauptstadt Sittwe vom letzten Jahr ist der Konflikt jetzt eskaliert. In der mittelburmesischen Stadt Meiktila, später in drei weiteren Kleinstädten, gingen Buddhisten gegen Moslems vor. Häuser und Moscheen wurden abgefackelt. Mit Knüppeln, Schaufeln, Messern, Hämmern und Schwertern machten Buddhisten Jagd auf Moslems. Mehrere Dutzend Menschen starben. Buddhistische Mönche führten teilweise den Mob an. Jene Mönche notabene, die im Westen wegen der Safran-Revolution gegen die Militärs im Jahre 2007 ob ihrer Friedensliebe, Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe über allen Klee gelobt worden waren. Mönche taten sich jetzt im Konflikt mit den Moslems in Flugblättern und auf dem Internet mit hasserfüllten rassistischen Tiraden hervor. Sie forderten auf zu Mord und Totschlag. Heute ist selbst in der boomenden und weltoffen-toleranten Hafen- und Wirtschaftsmetropole Yangon das Verhältnis zwischen Buddhisten und Moslems extrem angespannt.

Erstaunlich, werden viele denken, ist doch der Anteil der Moslems in Myanmar gerade einmal vier Prozent. Allerdings steckt auch hinter dieser bescheidenen Zahl eine lange, bis in die Kolonialzeit reichende Geschichte. Die Briten nämlich holten im 19. Jahrhundert Hunderttausende von Indern - und dazu gehörten auch jene aus dem heutigen Bangladesh - nach Burma. Dort erhielten die Moslems untere und mittlere Bürokratenjobs, bildeten die Polizei und wurden Landbesitzer im fruchtbaren Irrawady-Delta. In Rangun, dem heutigen Yangon, machten in den 1930er-Jahren die Inder gut die Hälfte der Bevölkerung aus. Unter der Militärdiktatur ab 1962 kam es dann zu verschiedenen Pogromen. Hunderttausende Inder verliessen das Land. Heute versucht der buddhistische Pöbel, das zu vollenden, was in den 1960er-Jahren nicht zu Ende gebracht worden war.

Von den Unruhen sind sowohl die Regierung als auch die von Friedensnobelpreisträgerin geführte oppositionelle Nationale Liga für Demokratie überrascht worden. Eine von Präsident Thein Sein eingesetzte Untersuchungskommission wird bald ihren Bericht über die Unruhen vom letzten Jahr im Rakhine-Bundesstaat veröffentlichen. Zu den jetzigen gewaltsamen Auseinandersetzungen hat sich Präsident Thein Sein in einer Rede im Fernsehen geäussert. Die Regierung werde bei weiteren Zwischenfällen mit der Armee kompromisslos gegen «religiöse Extremisten» und «politische Opportunisten» vorgehen. Er bat das Volk, die Vielfalt der Ethnien im Lande als Stärke zu begreifen. Im übrigen seien die Schwierigkeiten und die Konflikte ein normaler, nicht zu verhindernder Teil des demokratischen Reformprozesses.

Die Demokratie-Ikone und Lieblings-Oppositionelle des Westens, Aung San Suu Kyi, hält sich derzeit zum buddhistisch-moslemischen Konflikt dagegen auffallend zurück. Sie spricht von einer «grossen internationalen Tragödie». Sie wolle die Versöhnung der muslimischen und der buddhistischen Gemeinschaft fördern. Als Grund, dass sie sich nicht näher äussern wolle, gab die Friedensnobelpreisträgerin zur Antwort, dass sowohl die Buddhisten als auch die Moslems Gewalt angewendet hätten.

Für viele im Westen ist eine solche Antwort ungenügend. Deshalb wird sie in Westen jetzt auch und gerade von sogenannten Qualitätszeitungen von Zürich bis New York im Tone der moralischen Überlegenheit demontiert und niedergeschrieben. Doch jene Kommentatoren in den Zentralen und Auslandskorrespondenten, die bis 2011 die Entwicklung in Myanmar von ihren komfortablen Büros in Bangkok oder Singapur aus verfolgt haben, ist vieles der real existierende burmesischen Politik entgangen. Sie haben beispielsweise nicht realisiert, dass Ex-General und Ex-Premier Thein Sein fast unmerklich ab 2009 die Reform-Wende mit der jüngeren Generation der Militärs vorbereitet hat.

Aung San Suu Kyi wiederum musste schmerzlich erfahren, dass die jungen Abtrünnigen der Nationalen Liga für Demokratie trotz ihres Aufrufs zum Boykott bei den Wahlen - im Westen unisono als «Farce» bezeichnet - bescheidene Erfolge erzielen konnten. Suu Kyi hat dann schnell gelernt, stellte sich zu Nachwahlen und sitzt heute im Parlament. Zu Präsident Thein Sein hat sie - horribile dictu! - ein gutes, demokratisches Verhältnis.

Aber ein offenes Wort zum buddhistisch-moslemischen Konflikt im allgemeinen und zu den Rohingyias im besonderen, davor hat sich die «Lady» - wie Suu Kyi noch immer liebevoll genannt wird - bisher gescheut und wird das auch in Zukunft tun. Sie ist Realpolitikerin geworden mit einem wachen Sinn für das, was möglich ist. Sich in Myanmar heute vorbehaltlos für die Rohingyias oder die verfolgten Moslems einzusetzen, käme politischem Selbstmord gleich. Aung San Suu Kyi will schliesslich die Parlamentswahlen von 2015 mit ihrer Nationalen Liga für Demokratie gewinnen.

Traurige Ironie der Geschichte: nur noch die einst so verdammte burmesische Armee steht heute zwischen den verfolgten Moslems und dem rachsüchtigen buddhistischen Mob.

(Peter Achten/news.ch)

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