Nicht alle Studien veröffentlicht
Tamiflu: Wirksamkeit bei Pandemie umstritten
publiziert: Dienstag, 25. Jun 2013 / 16:14 Uhr
Mit Tamiflu hat Roche einen Haufen Geld verdient.
Mit Tamiflu hat Roche einen Haufen Geld verdient.

London - Um die Wirksamkeit des Grippemedikaments Tamiflu ist eine heftige Diskussion entbrannt. Obwohl das Präparat häufig die erste Wahl bei der Bekämpfung einer Pandemie ist, regen sich Zweifel.

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Ein brisantes Thema, denn die USA, Grossbritannien und andere Länder haben grosse Lagervorräte angelegt, um für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein. Die Kosten dafür haben sich allein in Grossbritannien auf 522 Mio. Pfund summiert. Experten beklagen indes das Fehlen von wichtigen Studienergebnissen, die die Wirksamkeit belegen, berichtet der New Scientist.

Wirklich besser als Billig-Mittel?

Laut Fiona Godlee, der Herausgeberin des British Medical Journal (BMJ) ist Tamiflu nie direkt zum Beispiel mit Paracetamol oder einem Whisky verglichen worden. «Daher bleiben Zweifel an der Wirksamkeit dieses Medikaments», so Godlee. Diese Argumente hat Godlee vergangene Woche einem britischen Parlamentsausschuss präsentiert. Da nicht alle Studien zu diesem Medikament veröffentlicht worden sind, bestünden ernste Zweifel, ob Tamiflu wirksamer ist als ein billigeres Produkt.

Jonathan Van-Tam von der University of Nottingham hat keine derartigen Zweifel. Er hat die Daten von 168'000 Personen aus 37 Ländern gesammelt, die 2009 während der Pandemie wegen H1N1 mit Schweinegrippe ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Rund 15'000 der Patienten starben an den Folgen der Erkrankung. Van-Tam unterstreicht, dass jene Menschen, die Tamiflu innerhalb von zwei Tagen nach der Erkrankung erhielten, über eine nur halb so hohe Wahrscheinlichkeit verfügten zu sterben als jene, die das Medikament zu spät oder gar nicht erhielten.

Einnahmezeitpunkt entscheidend

Weitere Analysen sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Tamiflu auch die Sterbezahlen bei Erkrankungen mit H5N1-Vogelgrippe verringern kann. 2009 sind in den Ländern weniger Menschen gestorben, die über einen grossen Vorrat an diesem Medikament verfügten. Laut Peter Openshaw vom Imperial College London hat damals eine von zehn Personen dieses Medikament eingenommen. Eine Studie sehr schwerer Fälle zeigt laut dem Wissenschaftler jedoch, dass nur sehr wenige der Betroffenen das Medikament vor dem Spitalsaufenthalt erhielten. «Wir glauben, dass die Patienten das Medikament einfach nicht rechtzeitig bekommen haben», so Openshaw.

Bei diesen Studien handelt es ich jedoch nicht um randomisierte kontrollierte Studien, die heute als Goldstandard gelten. Bei diesen Studien erhalten die Teilnehmer entweder das wirkliche Medikament oder ein Blindpräparat. Tom Jefferson von der Cochrane Collaboration hat 2012 nur die vollständig randomisiert kontrollierten Studien untersucht. Es zeigte sich, dass das Medikament die Länge der Erkrankung verringerte, aber keinen Einfluss auf die Schwere hatte. Die Centers for Disease Control and Prevention argumentieren in einer der selten vorkommenden Widerlegungen, dass es sich bei diesen Studien um ansonsten gesunde Menschen mit einer meist leichten Wintergrippe gehandelt habe und nicht um ältere Menschen, die das Mittel am dringendsten benötigten.

Es gibt jedoch keine randomisierte kontrollierte Studien mit Menschen, die von einer Grippepandemie betroffen sind. Pandemiesche Viren vermehren sich länger in den Lungen und führen zu einer tödlichen Lungenentzündung. Tamiflu blockiert die Vermehrung und so erklären sich auch die Ergebnisse der Studie von Van-Tam. Seit 2009 führen Cochrane und das BMJ eine Kampagne gegen die Tamiflu-Einlagerung für den Fall einer Grippepandemie.

 

 

(fest/pte)

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