Tausch von Menschenleben gegen Mercedes
publiziert: Mittwoch, 13. Jul 2011 / 09:38 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 13. Jul 2011 / 10:19 Uhr
Der Diktator und sein Opfer: Jorge Videla und Elisabeth Käsemann
Der Diktator und sein Opfer: Jorge Videla und Elisabeth Käsemann

1985 sah ich, blutjung, die «Offizielle Geschichte» von Luis Puenzo und Joaquin Calatayud. Das war zum erstenmal, dass ich vom sogenannten «schmutzigen Krieg» in Argentinien erfuhr.

2 Meldungen im Zusammenhang
Weiterführende Links zur Meldung:

Biographie von Elisabeth Käsemann
Der Wikipedia-Artikel über das deutsche Opfer der Argentinischen Schergen
wikipedia.org

Hintergrundbericht zum Fall Käsemann
Die Deutsche Welle zum Prozess gegen die Käsemann-Mörder
dw-world.de

Spiegel-Online zum Prozess
Ein weiterer Artikel zum «Vesubio»-Prozess
spiegel.de

Seitdem sehe ich das kapitalistische Wirtschaftssystem und meine von mir verehrten, tollen «Amis» (schliesslich hat mein Amerikajahr mein Leben enorm positiv verändert) mit völlig anderen Augen. Klar doch. Die Generation über mir hatte schon Vietnam. Trotzdem. Ich erinnere mich genau. Ich war unter Schock.

Der Film beschreibt in eindrücklicher Weise eine Familiengeschichte, in welcher die Mutter über die Herkunft ihres heiss geliebten Adoptivkindes informiert wird. Voller Entsetzen muss sie realisieren, dass ihr Ehemann das von ihr so ersehnte Baby nicht nur gestohlen, sondern regelrecht aus dessen leiblichen Mutter herausgefoltert hatte. Für die vom Westen konsequent unterstützte Militärdiktatur Argentiniens unter Junta-Chef Jorge Videla war dies «Business as usual». Die jungen, politisch lästigen, engagierten, intellektuellen Mütter wurden gefoltert und nachdem die Kinder brutal aus ihrem Leib geschnitten worden waren, wurden sie irgendwo verscharrt. Es ist nicht nur ein dunkles Kapitel in Argentiniens Geschichte, sondern diese junge Geschichte bleibt eine einzige, blutige Wunde, die ihren Schmerz bis weit nach Europa hinein trägt.

Bis heute bleiben immer noch 30'000 Menschen verschwunden. Der argentinische Staatsterror, von den westlichen Regierungen wie den USA, Deutschland und Grossbritannien unterstützt, vom damaligen Papst spirituell und ideologisch gefördert, vernichtete eine ganze Generation intelligenter, menschlich engagierter und politisch aktiver Menschen. Menschen wie Sie und ich wurden verschleppt, grausam gequält, brutal ermordet und entsorgt. Bis heute bleiben diese Verbrechen, wie viele andere der militär-autoritären Rechten, ungesühnt. Während die Akte dieser politisch klar rechts zu verortenden Täter in Chile und Argentininien immer noch aktuell sind, werden sie hierzulande oft vergessen oder beschönigt. Dies hat diese Tage geändert. Zum ersten mal beteiligt sich Deutschland als Nebenklägerin im Prozess gegen die Folterer von «El Vesubio». Es geht um die engagierte Deutsche Elisabeth Käsemann, die 1977 von den argentinischen Schergen gefoltert und umgebracht wurde.

Die junge, mutige Elisabeth arbeitete in den 1970er Jahren als Sozialarbeiterin in den Slums von Buenos Aires. Allein dieses soziale Engagement genügte den argentinischen Rechtskonservativen im Schutz der Militärdiktatur und im Schutz des dreckigen Kalten Krieges, die Deutsche als «Subversive» zu entführen, zu foltern und schliesslich zu erschiessen. Seit dem 8. März 1977 war klar, dass Elisabeth von den grausamsten Schergen, die sich gerne von der nationalsozialistischen Folterherrschaft inspirieren liessen, entführt worden war. Käsemann landete beim Sadisten Pedro Duran Saenz, der bekannt dafür war, dass er all dem entsprach, was einen Menschen zur verabscheuungswürdigsten Kreatur auf diesem Planeten macht. Ein widerlicher Mann, der 76jährig werden durfte. Er verstarb während des Prozesses vor ein paar Wochen an einem Herzversagen.

In diesen Tagen werden also die Schlächter von «El Vesubio», dem Folterlager der rechtskonservativen Militärdiktatur Argentiniens, verurteilt werden. Recht so. Noch besser wäre, wenn der Prozess dazu führt, dass unsere westlichen Regierungen, die auswärtigen Ämter, die Mittäter eines Systems, das die Wirtschaftsbeziehungen immer höher als die Einhaltung des Rechtstaates und der Demokratie einstuft, endlich zur Rechenschaft gezogen würden. Die damalige unterlassene Hilfestellung durch die deutsche Regierung, das Verschlampen, die dreckige Komplizenschaft zwischen Auswärtigem Amt und Militärdiktatur, kommentierte der bekannte evangelische Theologe und Vater der ermoderten Elisabeth Käsermann damals verzweifelt: «Ein verkaufter Mercedes wiegt zweifellos mehr als ein Menschenleben.»

Das deutsche auswärtige Amt weiss um diese beschämende Geschichte. Nun tritt Deutschland endlich als Nebenklägerin in diesem wichtigen Prozess auf. Der damals zuständige Bundeskanzler Schmidt, den heute alle als alten, rauchenden Mann und Weisen verehren, bescheinigte den verzweifelten Eltern Käsermann via sein Auswärtiges Amt, dass für die Tochter, die damals noch lebte und von den Schergen gefoltert wurde, nichts zu machen sei. Schliesslich befände sich Argentinien doch als «Folge der internationalen Terrorsituation» in einem «Ausnahmezustand». Die Militärs seien zudem nicht so schlimm und würden nur ein Ziel verfolgen: «nämlich die Macht wieder in die Hände der Zivilisten zurücklegen zu können.»

Mir ist übel. Es ist höchste Zeit, die Schmutzpolitik der westlichen Regierungen im Kalten Krieg wieder ins Bewusstsein zu rufen. Es ist höchste Zeit zu zeigen, zu was all die Kräfte, die auch jetzt wieder nach straffer Führung, nach Haltung, nach nationalistischem Schrott, nach rechtskonservativer Politik rufen, im Schutze eines Staatsterrors oder im Schutze eines gegen jede Menschlichkeit zu schützenden Wirtschaftssystem fähig sind. Es ist höchste Zeit, wieder einmal darüber zu reden, was alles im Namen der guten wirtschaftlichen, kapitalistischen Beziehungen gedeckt, unterstützt und verschwiegen wird.

Chile und Argentinien lebten in den 1970er und 1980er Jahren ihre blutig-sadistischen Militärdiktaturen mit westlicher Unterstützung. Sie vernichteten ganze Generationen junger Menschen, die jetzt in diesen Ländern fehlen. Sie zeigen eine Fratze des Kapitalismus, die kaum in den Medien, an den Universitäten und in den Bankvorständen diskutiert wird.

Dabei würde gerade eine solche Diskussion den Weg weisen, wie man Unrechtsregimes künftig verhindert und bekämpft. Nur wer die Vergangenheit kennt, vergisst die Zukunft nicht. Der Prozess gegen die Folterer in Argentinien ist zwar unendlich spät. Doch er ist richtig, wichtig und ja: Er soll uns Lehre sein für all das, was nach wie vor im Namen guter Wirtschaftsbeziehungen alles geschieht. Denn jetzt, 30 Jahre später, darf ein verkaufter Mercedes nicht mehr wiegen als ein Menschenleben, oder?

(Regula Stämpfli/news.ch)

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