Religion
Tendenzberufe - Pflicht zum Schutz vor Missionierung!
publiziert: Donnerstag, 30. Mai 2013 / 09:10 Uhr / aktualisiert: Samstag, 1. Jun 2013 / 10:43 Uhr
Pflegepersonal: Evangelikale auf dem Marsch durch die sozialen Institutionen.
Pflegepersonal: Evangelikale auf dem Marsch durch die sozialen Institutionen.

Religiöse Menschen interessieren sich überdurchschnittlich für soziale Berufe: Sie wollen «Gutes tun». An Arbeitsstellen in Schulen, Spitälern, Altersheimen, Gefängnissen etc. haben sie es aber mit Menschen zu tun, für die sie vor allem eine Schutzpflicht haben - auch eine Pflicht zum Schutz vor Missionierung. Den Religiösen müssen hier klare Grenzen gesetzt werden.

Kürzlich wurde der Fall einer Pflegefachfrau am Unispital in Zürich bekannt, die Patienten ohne expliziten Musikwunsch systematisch während der bis zu 45-minütigen Behandlung in der MRI-Röhre ihren eigenen christlichen Lieblingssender auf dem Kopfhörer eingestellt hat. Unterstützung findet christliches Pflegepersonal in Organisationen wie «Christen im Dienst der Kranken» CDK, seit 1976 eine Abteilung der Missions- und Schulungsbewegung «Campus für Christus» (CfC) Schweiz mit 16 Regionalgruppen, die vor allem Gebetstreffen an verschiedenen Spitälern organisieren. Auf deren Webseite heisst es: «CDK ermutigt sie, die geistlich-spirituellen Bedürfnisse der Pflegeempfänger zu erkennen und diesen situationsgerecht und hilfreich zu begegnen.» und «CDK ermutigt sie, den christlichen Glauben im Berufsalltag authentisch zu leben, damit Menschen die Liebe Gottes erfahren.»

Als überzeugte ChristInnen werden sie wohl bei allen PflegeempfängerInnen das Bedürfnis nach Christus erkennen, und ihre Chance wahrnehmen, gemäss dem Motto der Organisation: «Mehr Menschen gehen durch die Spitäler der Welt als durch die Kirchen.»
Wie hoch der Anteil hochgläubiger Pflegenden in der Schweiz ist, ist nicht bekannt.

Bekannt ist, dass 20 Prozent der Studenten an den pädagogischen Hochschulen mit absoluter Glaubensgewissheit leben und ihre religiösen Ansichten in den Schulunterricht einfliessen lassen wollen, das ergab 2009 eine Nationalfonds-Studie. Unterstützt werden evangelikale Lehrkräfte von Organisationen wie den Vereinigten Bibelgruppen VBG, welche gemäss Leitbild «Menschen aus ähnlichen Berufs- und Lebenssituationen zusammen bringen» um «aktiv in unser Umfeld hineinzuwirken». Die VBG ist vor allem an Bildungsinstitutionen aktiv.

Auch an Schweizer Fachhochschulen für Soziale Arbeit sind strenggläubige Studenten aufgefallen. Sie wollen andere bekehren oder bezeichnen Homosexualität als Krankheit. Zu reden gaben zudem christlich motivierte Pflegefamilien, in welche die Behörden auch Kinder religionsfreier oder andersgläubiger Eltern platziert haben sowie die Stadt Aarburg, wo die Stadtverwaltung soziale Angebote des christlichen Vereins «Bewegung Plus» portiert - Mittagstisch, Deutschkurs, Jugendtreff und Müttertreff - und eigene Angebote schliesst.

Unterstützt werden Sozialarbeitende vom Verband «Christlicher Organisationen in der Sozialarbeit» CISA, dem 2006 gegründeten Netzwerk, welches als «gemeinsame Stimme für christliche Anliegen im Bereich Sozialer Arbeit» auftritt. Diesem Netzwerk gehört etwa auch die Heilsarmee an, die als Betreiberin eines Zürcher Behindertenheimes 2012 einer langjährigen Mitarbeiterin gekündigt hat, weil sie in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt.

Im 19. Jahrhundert haben die Kirchen die Bildung und das Sozial- und Gesundheitswesen dominiert. Danach erfolgte Schritt und Schritt eine Säkularisierung und Verstaatlichung dieser Aufgaben. Im 21. Jahrhundert haben sich nun die Evangelikalen auf den Marsch durch die sozialen Institutionen gemacht. In einer weitgehend säkularen Gesellschaft stehen wir deshalb plötzlich vor dem Problem einer überproportional grossen Zahl religiös motivierter Fachpersonen im Sozialbereich.

Das lässt aufhorchen. Soziale Berufe sind Tendenzberufe - sie begegnen Menschen in Situationen mit einem Machtgefälle und sind damit auch attraktiv für Menschen, die gerne manipulieren und missionieren. Möglicherweise ist aber auch das Prestige dieser Berufen gesunken, haben sich die Arbeitsbedingungen oder die Verdienstmöglichkeiten so verschlechtert, dass Organisationen mit einer religiösen Agenda dort überproportional zum Zug kommen. Organisationen, welche eine transzendente Lohnkomponente einrechnen und damit Tendenzberufe schaffen. Offensichtlich sind jedenfalls unter dem Stichwort «Sparen» in den letzten 15 Jahren vielerorts staatliche Aufgaben an christlich motivierte Organisationen ausgelagert worden - offensichtlich mit zu wenig klaren Vorgaben in Sachen Achtung der Religionsfreiheit der Klienten.

Kurzfristig müssen die Institutionsleitungen und die Verwaltungen, welche Leistungsvereinbarungen mit diesen Institutionen eingehen, gewährleisten, dass die Leistungsträger die Rechte der ihnen anvertrauten Menschen beachten, also dafür sorgen, dass Berufstätige in Schulen, in Spitälern, Altersheimen, Gefängnissen etc. ihre Schutzpflicht gegenüber ihren Klienten erfüllen.

Mittelfristig müssen Stellen in sozialen Berufen so attraktiv gestaltet werden, dass sie nicht zu Tendenzberufen verkommen.

(Reta Caspar/news.ch)

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Hör doch auf zu weinen und zu manipulieren!!!
Ich habe wegen meinem Knie schon oft MRI machen müssen und das in verschiedenen Spitälern. Ich wurde noch nie gefragt, was für Musik ich hören will. Sei das Radio, CD oder irgendjemand seine Playlist!
Doch habe ich mich noch nie beschwert, dass ich mit Gewaltverherrlichter, dämlichen Texten oder sonst was missioniert wurde.
Sollte man den jedes Mal nach der Konfession fragen? Oder müsste man da ein anderes Wort gebrauchen, denn es gibt ja auch die Glaubensrichtung der Atheisten?
Man kann den Kopfhörer übrigens auch ablegen, ausser man hat keine Arme!
Fazit ist: Hör auf zu weinen und mit deinem atheistischen Gedankengut zu missionieren!!!
Lebe was du predigst!
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