Tiananmen 89 - «Gespräche mit Chen»
publiziert: Dienstag, 5. Jun 2012 / 10:04 Uhr

23 Jahre nach der Tragödie ist der Einsatz der chinesischen Volksbefreiungsarmee gegen das eigene Volk noch immer Tabu. Diskutiert wird über die Studenten-Proteste auf dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen noch immer nicht, schon gar nicht offiziell und in den Medien.

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Das Diktum der Partei bleibt bis auf den heutigen Tag wie in Stein gemeiselt: es war ein «konterrevolutionärer Aufstand». Punkt. Jetzt hat, wenn auch nicht auf dem chinesischen Festland, einer der Schlüsselfiguren jener Zeit seine Stimme erhoben. In dem am Freitag (1. Juni) in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hong Kong veröffentlichten Interview-Buch «Gespräche mit Chen» zeigt der ehemalige Pekinger Bürgermeister Chen Xitong grosses Bedauern: «Es tut mir leid, aber ich konnte nichts tun, es tut mir sehr leid».

Die Rolle Chens freilich bei der Niederschlagung der Studenten-Proteste ist auch unter kritischen Beobachtern umstritten. Als Bürgermeister soll er sich für den Armee-Einsatz stark gemacht, ja er soll das Ausmass der Unruhen gegenüber dem allmächtigen Revolutionär und Reformer Deng Xiaoping gewaltig übertrieben haben. In den im Buch «Gespräche mit Chen» veröffentlichten Interviews sagte der heute 82 Jahre alte Chen, er habe auf Befehl von Oben agiert und fügte hinzu: «Ich bin sicher, dass die Wahrheit über die Ereignisse von 1989 eines Tages aufgedeckt werden wird». Den Vorwurf, er habe Deng Xiaoping falsch informiert, weist Chen weit von sich: «Deng hatte viele Quellen, viele Augen und Ohren. Wie hätte man Deng täuschen können? Wer solches behauptet, unterschätzt Deng gewaltig». Der ehemalige Bürgermeister kritisiert zwischen den Zeilen dennoch die unter dem Diktat von Deng Xiaoping stehende damalige Führungsriege. «Niemand», gibt Chen zu Protokoll, «hätte am 4. Juni sterben müssen, wenn mit dem Ereignis richtig und korrekt umgegangen worden wäre».

Chen Xitong, der freundschaftliche Beziehungen zur Familie Deng Xiaopings pflegte, machte nach Tiananmen 1989 rasch Karriere. Er wurde Parteichef der Hauptstadt und Mitglied des obersten Machtorgans, des Politbüros. In einer Anti-Korruptions-Kampagne wurde Chen aber gestürzt und in einem spektakulären Prozess zu 16 Jahren Haft verurteilt. 2004 wurde er aus gesundheitlichen Gründen entlassen. Im Buch spricht Chen über seine Entfernung von der Macht als «die grösste Ungerechtigkeit seit der Kulturrevolution» (1966-76).

Was genau vor Chen Xitongs tiefem Fall vorgefallen ist, bleibt unklar. Die Korruptions-Vorwürfe weist er weit von sich. Gut möglich, spekulieren Experten ausserhalb aber auch innerhalb der Volksrepublik, dass Korruption nur ein Vorwand war, einen politisch unangenehmen Konkurrenten auszuschalten. Kaum zehn Jahre später, ebenfalls vor einem Parteitag, erwischte es unter denselben Korruptionsvorwürfen dann den Shanghaier Parteichef Chen Liangyu.

Der von Reformübervater Deng Xiaoping nach Tiananmen 1989 eingesetzte neue chinesische Parteichef Jiang Zemin kam aus Shanghai und war, so heisst es, Chef der «Shanghai-Clique». Noch heute - zehn Jahre, nachdem Jiang nach13 Jahren an der Macht am Parteitag 2002 zurückgetreten ist - soll Jiang echt chinesisch «hinter dem Vorhang» die Fäden ziehen. Chen hingegen galt als Chef der «Peking-Clique», doch Chen bestreitet im jetzt veröffentlichten Buch vehement, je an einem Machtkampf beteiligt gewesen zu sein: «Ich nahm an keinem Machtkampf teil, was immer die andern denken mögen».

Wenig überraschend deshalb, dass viele Beobachter jetzt Fragen über Fragen stellen. Und das nur wenige Monate vor dem nächsten Parteitag mit der erstmals seit zehn Jahren planmässig vorgesehenen Machtablösung von der alten zur neuen Generation. Gibt es Parallelen zwischen Chen Xitong und dem populären, eben demontierten Politbüro-Mitglied und Parteichef von Chongqing, Bo Xilai? Gegen Bo wird wegen «ernsthafter Verletzung der Partei-Disziplin» und gegen Bos Frau wegen Mordes eines britischen Staatsbürgers ermittelt. Wurde auch der charismatische Bo, ähnlich wie zuvor der Pekinger Chen und der Shanghaier Chen, Opfer eines Machtkampfs? Oder wird vielmehr der Kampf gegen Korruption, Vetternwirtschaft und Machtmisbrauch von der obersten Führungs-Garnitur tatsächlich ernst genommen? Schwer zu glauben, aber durchaus möglich.

Was Tiananmen 1989 betrifft, tut man sich aber auch im Westen mit der Einschätzung noch heute schwer. Westliche Medien bezeichnen die Ereignisse damals und meist auch heute als «Tiananmen-Massaker». Der Ausdruck hat mit der Realität wenig zu tun. Das Massaker direkt auf dem Tiananmen-Platz hat nie stattgefunden. In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 kam auf dem Tiananmen-Platz tatsächlich niemand ums Leben. Das ist nicht neu. Die wenigen noch ausharrenden Studenten konnten mit der Volksbefreiungsarmee einen friedlichen Abzug aushandeln. Ein Korrespondent der britischen Nachrichten-Agentur Reuters und ein Korrespondent des spanischen Fernsehens waren am Schauplatz und haben das damals so berichtet. Andere Journalisten freilich weit von Schuss - unter anderem von der amerikanischen Radiostation VOA (Voice of America) und der britischen BBC - haben von Hunderten ja Tausenden von Toten berichtet. Ein «Tiananmen-Massaker» im engeren Sinne hat tatsächlich, wie die chinesische Regierung immer betont hat, nie stattgefunden. Auch ihr Kolumnist, der in jener Nacht gut in einem Busch versteckt am Rande des Tiananmen-Platzes den Abzug der Studenten verfolgt hat, kann das bestätigen.

Der Ausdruck «Tiananmen-Massaker» freilich ist zur Metapher geworden für die damaligen Ereignisse insgesamt. Was nämlich die chinesische Regierung seit jeher verschweigt, ist die Tatsache, dass am Rande des Tiananmenplatzes und darüber hinaus in jener Nacht Hunderte starben. Es waren aber nicht Tausende, wie VOA und andere westliche Medien damals vorschnell verbreiteten. Nach Quellen des chinesischen Roten Kreuzes und eines damals in Peking weilenden Schweizer Vertreters des IKRK mit guten Kontakten zu Spitälern waren es mehrere Hundert. Ihr Kolumnist hat mit eigenen Augen gesehen, wie Soldaten der Volksbefreiungsarmee im Qianmen-Quartier wahllos in die Menge schossen, wie an der Jiangoumenwai-Brücke ein Panzer zwei Zivilisten überfuhr und tötete und wie eine aufgebrachte Menge von Pekinger Bürgern zwei Soldaten gefangen nahm, anzündete und an einer Fussgängerüberführung brennend aufknüpfte. Der Ausdruck «Tiananmen-Massaker» wird heute also für all diese schrecklichen Ereignisse verwendet.

Die Berichterstattung der westlichen Medien damals war gewiss keine Sternstunde der Pressefreiheit und des Qualitäts-Journalismus. Das gilt freilich nicht nur für die Ereignisse jener schicksalhaften Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989. Der ganze Studentenprotest wurde mangelhaft begleitet, nicht zuletzt deswegen, weil aus einem ganz anderen Grund sehr viele Journalisten aus dem Ausland sich in Peking aufhielten. Im Mai nämlich war der sowjetische Parteichef Gorbatschow auf Staatsvisite in Peking, um das sino-sowjetische Schisma nach dreissig Jahren zu beenden. Gorbatschow konnte von der chinesischen Führung nicht wie andere hohe Staatsgäste auf dem Tiananmen empfangen werden , vielmehr musste sich der sowjetische Gast durch die Hintertüre in die Grosse Halle des Volkes schleichen. Die chinesische Führung verlor das Gesicht, ein nicht unwesentlicher Faktor in China, der zur Unbeugsamkeit der roten Mandarine fuehrte.

Für westliche Medien war Gorbatschows Besuch natürlich nach dem Motto «bad news is good news» ein gefundenes Fressen. Viele eingeflogene Korrespondenten berichteten ohne jede Sachkenntnis sensationsgeil vom Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens. Dan Rather, der berühmte Moderator der amerikanischen Fernsehkette CBS, stapfte in gleissender Hitze in Anzug und Krawatte durch die gutgelaunten, aufgestellten Studenten auf dem Tiananmen-Platz und stellte dumme Fragen.

Die Studenten-Proteste wurden und werden bis auf den heutigen Tag fälschlicherweise als «Demokratie-Bewegung» dargestellt. Der Protest begann ganz banal als Kampf für bessere Studienbedingungen und besseres Essen in der Uni-Kantine. Wegen der damaligen überhitzten Wirtschaft und einer galoppierenden Inflation erhielten die Studenten bald Unterstützung von Arbeitern, Angestellten, Regierungsbeamten und Parteikadern. Protestiert wurde für Transparenz und Pressefreiheit und gegen Vetternwirtschaft und Korruption Das Politbüro, das alles entscheidende Organ in der Volksrepublik, war gespalten. Der grosse Reformer und Revolutionär Deng Xiaoping fällte schliesslich den Entscheid, dem Protest Manu Militari ein Ende zu setzen. Wie bereits die Kaiser seit Jahrhunderten fürchtete auch Deng und das Politbüro das «Chaos» und mithin den Verlust des «Mandats des Himmels», also der Macht. Ohne Stabilität, so Dengs Argumentation, kein Wirtschaftswachstum und mithin keine Verbesserung des Lebensstandards für die «Massen».

Was westliche Beobachter und Korrespondenten in den 80er-Jahren ebenfalls sträflich vernachlässigten, war die politische Analyse. Geblendet bereits damals vom wirtschaftlichen Erfolg der «sozialistischen Marktwirtschaft chinesischen Prägung» glaubten viele, dass in China mit dem Kapitalismus fast automatisch auch westliche Demokratie Einzug halten werde. Das war eine grobe Fehleinschätzung, denn Deng hatte nie etwas mit Demokratie am Hut. Die «Mauer der Demokratie» in Peking verbot er Ende der 70er-Jahre, und die Studentenproteste in Hefei (Provinz Anhui) liess er im Winter 1986/87 niederknüppeln. Dengs handverlesener, äusserst populärer Parteichef Hu Yaobang verlor darüber seinen Job, und Hus Tod 1989 war dann der Auslöser für die Pekinger Studentenproteste. Doch von Dengs knallharter Haltung wollte im Westen in der ersten China-Euphorie niemand etwas wissen, auch Redaktionen von Qualitätsblättern nicht.

Der Entscheid Dengs, die Volksbefreiungsarmee einzusetzen, war im Rückblick wohl konsequent, wenn die wirtschaftliche Entwicklung und das «Wohl der Massen» als wichtigster Massstab angelegt wird. Aber es war eine Tragödie. Im offiziellen China wird das bis heute bestritten und verdrängt. Es war parteiamtlich ein «konterrevolutionärer Aufstand». Was für ein Unsinn. Das «Tiananmen-Massaker», als Metapher genommen, ist blutige Tatsache.

(Peter Achten/news.ch)

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