Trainerduo Völler/Skibbe lässt Deutschland vom Titel träumen
publiziert: Donnerstag, 20. Jun 2002 / 17:30 Uhr

Seoul - Deutschland träumt vom WM-Titel. Möglich macht es zum einen das bisher wohlgesinnte Losglück bei der Zuteilung der WM-Gegner. Viel wichtiger aber ist das Trainerduo Rudi Völler und Michael Skibbe, welches sich ideal ergänzt. Sie wecken Erinnerungen an Franz Beckenbauer und Berti Vogts, die 1990 letztmals den WM-Titel für Deutschland gewannen.

Völler/Skibbe wie Beckenbauer/Vogts? Die Parallelen sind in der Tat verblüffend. Völler wie Beckenbauer traten ihren Job an, ohne einen Trainerschein erworben zu haben. Beide hatten zuvor keine Mannschaft trainiert und beide wurden zum Teamchef berufen, als die Not im deutschen Team am grössten war. Die Lichtgestalt Beckenbauer kam im September 1984 zum Handkuss, nachdem Deutschland drei Monate zuvor bei der Europameisterschaft in Frankreich bereits in der Vorrunde ausgeschieden war.

Völler wurde berufen, als EM-Titelverteidiger Deutschland bei der EM vor zwei Jahren in Belgien und Holland sang- und klanglos nach den Gruppenspielen wieder nach Hause reisen musste. Beckenbauer war damals 39-jährig, Völler vor zwei Jahren ein Jahr älter.

Die deutschen Träume auf neue Grosserfolge fangen dann an zu gedeihen, wenn die Erinnerungen an Beckenbauers Meriten wach werden. Zwei Jahre nach seinem Amtsantritt führte der jetzige Präsident von Bayern München die Deutschen 1986 in den WM-Final in Mexiko. Und vier Jahre später in Italien wurde Beckenbauer als erster Trainer Weltmeister, der diesen Titel zuvor schon als Spieler gewonnen hatte. Den einen Titel hat auch Völler damit bereits auf sicher, denn er war vor zwölf Jahren in Rom als Spieler dabei und holte gar den Foulpenalty heraus, den Andi Brehme kurz vor Schluss gegen Argentinen sicher zum dritten WM-Titel verwandelte. Würden die Parallelen weiter gehen, würde nun der Finaleinzug ins Haus stehen. Und in vier Jahren im eigenen Land dann die Krönung, denn Völlers Vertrag wurde schon vor längerer Zeit bis 2006 verlängert.

Wie Beckenbauer vor 18 Jahren arbeitet auch Völler nicht alleine. Wegen dem fehlenden Trainerschein wurde ihm Michael Skibbe als Bundestrainer zur Seite gestellt. Völler wird offiziell als Teamchef bezeichnet. Beckenbauer hatte damals seinen späteren Nachfolger Berti Vogts als Assistenten, der ihm die harte Trainingsarbeit auf dem Platz abnahm. Diesbezüglich kann sich Völler nun auf den früheren Dortmund-Trainer abstellen, den er als seinen Wunschkandidaten bezeichnet hatte. Die beiden ergänzen sich ideal, die Arbeitsaufteilung wurde gleich beim Amtsantritt klar vereinbart.

Wenn es auf dem Trainingsplatz zur Sache geht, hat Skibbe das Szepter fest in der Hand. Völler beobachtet derweil die Arbeit seiner Spieler und führt während dem Training die für ihn unabdingbaren Gespräche mit seinen Akteuren. Im Umgang mit den Spielern werden dem Hanauer allerbeste Noten beschieden. Seine Beliebtheit im Team ist ebenso gross wie er sie in ganz Deutschland bereits während seiner Aktivzeit erlebt hatte. Ein Sympathieträger par excellence, so wie es Beckenbauer war und immer noch ist. Skibbe dagegen wird von vielen -- wie schon in seiner Zeit als Dortmund-Trainer -- als arrogant und oftmals überheblich empfunden.

Die Arbeitsverteilung wirkt im täglichen Umgang wie ein einstudiertes Rollenspiel. Völler beschützt seine Spieler vor öffentlichen Angriffen und nimmt sie stets aus dem Schussfeld. Während er nicht müde wird, vor übertriebenen Erwartungen zu warnen, spielt Skibbe die Position des notorischen Optimisten. Nirgendwo sieht er Probleme, locker geht er über jede Verletzung eines Spielers hinweg. Und tritt dabei öfters auch in ein Fettnäpfchen bei den in grosser Zahl mitgereisten deutschen Journalisten.

Kurz vor der WM hatte er Christian Wörns als topfit bezeichnet, am anderen Tag musste dieser Forfait erklären und eine Operation in Erwägung ziehen. Kaum in Japan angekommen, hatte er den Schreiberlingen davon geschwärmt, wie locker die Spieler den Jetlag weggesteckt hätten. Zehn Minuten später erzählte Carsten Ramelow den gleichen Journalisten, dass er in der letzten Mittagspause am Tisch eingeschlafen sei. Ähnlich verhielt es sich mit den Verletzungen von Miroslav Klose und Michael Ballack: Nicht der Rede wert, hat Skibbe gesagt, danach trainierten beide Spieler mehrere Tage nicht mehr voll mit.

Beckenbauer attestiert seinem Nach-Nachfolger eine ausgeprägte Lernbereitschaft. Völler versuche dauernd, jene Fehler zu vermeiden, die ihm (Beckenbauer) als Teamchef in Mexiko noch unterlaufen seien und er mache das souverän. Wenn Völler nun auch die guten Seiten von Beckenbauers Arbeit kopiert, dann müsste heute der Sieg über die USA bereits feststehen. Und dann fehlt nur noch ein Schritt zur Finalteilnahme wie unter Beckenbauer vor 16 und 12 Jahren.

(eh/sda)

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