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UN-Klimakonferenz: Alles hat seine Zeit
publiziert: Freitag, 2. Dez 2011 / 09:41 Uhr
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Lucas Bretscher ist Professor für Ressourcenökonomie an der ETH Zürich. Im Moment befindet er sich in Durban (Südafrika) und nimmt dort als Mitglied der Schweizer Delegation an der UN-Klimakonferenz teil.
Lucas Bretscher ist Professor für Ressourcenökonomie an der ETH Zürich. Im Moment befindet er sich in Durban (Südafrika) und nimmt dort als Mitglied der Schweizer Delegation an der UN-Klimakonferenz teil.

An den gegenwärtigen Klimaverhandlungen hier in Durban stellt sich die Frage, bei welchen Problemen bald gemeinsame Lösungen erwartet werden können. Die Logik auf der Zeitachse würde suggerieren, sich zuerst über die Vermeidung von Treibhausgas-Emissionen zu einigen, und dann Regelungen zur Anpassung an Schäden zu finden, die durch die verbleibenden Emissionen verursacht werden.

Die sich im Moment abzeichnende Entwicklung läuft jedoch in eine andere Richtung:

Entscheidungen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels scheinen in Durban einfacher zu erreichen, als Entscheidungen zur Vermeidung von Treibhausgas-Emissionen. Was zeitlich weniger dringlich ist wird demnach vorgezogen. Dies offenbart vertiefte Einblicke in die impliziten ökonomischen Einschätzungen und Werthaltungen der Verhandlungspartner.

Anpassungsmassnahmen sind wichtig

Die Klimawissenschaften haben eindrücklich gezeigt, dass schon in wenigen Jahren eine Trendumkehr bei den weltweiten CO₂-Emissionen erreicht werden sollte. An den gegenwärtigen Verhandlungen liegen die Ansichten über die ländermässige Aufteilung der Vermeidungsmassnahmen aber immer noch weit auseinander. Grössere Übereinstimmung ergibt sich dagegen im Bereich der Anpassungsregelungen. Ohne Zweifel sind finanzielle und technische Unterstützungen der Anpassung an ein verändertes Klima zentral, vor allem für ärmere Länder. Und sollte, wie von der Schweiz vorgeschlagen, der neu zu gründende «Green Climate Fund» in Genf angesiedelt werden, ergibt sich für unser Land eine grosse verantwortungsvolle Aufgabe. Was offenbart sich aber aus dem gewählten Timing zu den implizit angenommenen Kosten und Nutzen von Klimamassnahmen?

Anpassung ist bezahlbar, Vermeidung dagegen teuer?

Die Folgerung, spätere Klimafolgen mit Geldmitteln beseitigen zu können, beruht auf der Annahme, dass die Schäden insgesamt bezahlbar sind. Da wir dazu heute über wenige Informationen verfügen, bedeutet dies implizit eine sehr grosse Neigung der Gesellschaft zum Risiko. Dies steht im interessanten Widerspruch zur in jüngerer Zeit offenbarten hohen Aversion gegen Risiken. Dies zum Beispiel bei den Pandemien wie der Schweinegrippe, bei denen ein sehr grosser Aufwand zur Abwendung von Restrisiken betrieben wurde.

Hinter den oft vermuteten «hohen» Kosten von Massnahmen zur Vermeidung von Treibhausgas-Emissionen steht die Vorstellung, dass wirtschaftliches Wachstum unvermeidbar mit einem hohen Energieverbrauch verknüpft ist. Sogar die sonst gut informierte Süddeutsche Zeitung textete unlängst: «Auf dem UN-Klimagipfel in Südafrika kann die Weltgemeinschaft jetzt zeigen, wo ihre Prioritäten liegen - im Wirtschaftswachstum oder dem Schutz des Klimas.» Dieser Zielkonflikt ist wissenschaftlich schwach begründet, was am Beispiel von Anpassung und Vermeidung in der Klimapolitik illustriert werden kann.

Wachstum fusst auf Innovationen

Es ist unbestritten, dass das wirtschaftliche Wachstum auf der Akkumulation von Kapital, insbesondere Wissenskapital, beruht. Innovationen sind zentral für die wirtschaftliche Prosperität in der langen Frist. Entsprechend sind Massnahmen, welche die Innovationskraft stärken, vorteilhaft, weil sie die kurzfristigen Kosten der Massnahmen zu kompensieren vermögen. So löst die Vermeidung von CO₂-Emissionen auf breiter Front innovative Tätigkeiten und strukturellen Wandel aus. Dagegen besteht die Anpassung an den Klimawandel vornehmlich aus Tätigkeiten wie dem Bauen von Dämmen und Verstärken von Infrastrukturbauten - was offensichtlich nicht sehr innovationsintensiv ist.

Das zeitliche Vorziehen der Anpassung an die Folgen des Klimawandels ist somit nicht nur aus naturwissenschaftlicher sondern auch aus ökonomischer Perspektive nicht rational. Aber der Ausgleich von Interessen und Vorstellungen in der Klimapolitik folgt einer anderen Zeitlogik. Er braucht Zeit, die wir eigentlich gar nicht haben.

(Prof. Lucas Bretschger/ETH-Klimablog)

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