US-Politik im Wikileaks-Stripclub
publiziert: Mittwoch, 1. Dez 2010 / 09:02 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 1. Dez 2010 / 09:34 Uhr
Wie gross ist die Ähnlichkeit? Angela Merkel wurde von US-Diplomaten mit einer Teflonpfanne verglichen.
Wie gross ist die Ähnlichkeit? Angela Merkel wurde von US-Diplomaten mit einer Teflonpfanne verglichen.

Die erste, spontane Reaktion zur Veröffentlichung US-amerikanischer Diplomatenberichte war: So what? Brauchen wir Wikileaks, um festzustellen, dass Angela Merkel eine teflonbeschichtete Technokratin, Guido Westerwelle falsch im Amt und Karl-Theodor zu Guttenberg smart ist?

5 Meldungen im Zusammenhang
Wussten wir nicht schon längst, dass Silvio Berlusconi schmutzige Geschäfte treibt? War nicht jedem denkenden Menschen klar, dass der türkische Regierungschef sein Land in den Islamismus treibt? Wer ist eigentlich entsetzt darüber, dass Kenias Regierung von US-amerikanischen Diplomaten verachtet wird? Wer kennt sie nicht, diese russischen oder aserbeidschanischen Gattinnen, die aus Neid und Habsucht wunderbare Menschen von einem Tag auf den anderen in den Gulag verfrachten können? Darf man das als Diplomat einer der grössten Weltmächte schreiben? Man darf nicht nur, man muss!

Die Wikileaks-Dokumente dokumentieren Scharfsinn auf höchster Ebene: «Guido Westerwelles Gedanken haben keine Substanz.» Ja hallo! Das wussten einige Vernünftige schon lange und wählten trotzdem FDP – oder war es vielleicht deshalb? Und wie werden die Pest und die Cholera im arabischen Raum beschrieben? Ach ja. Wir lesen, dass die arabischen Despoten den iranischen Diktatoren nicht mögen. Wie süss! Wir lesen auch, dass sie gerne einen hübschen konventionellen Krieg mit dem allmachtswahnsinnigen Ahmadinedschad führen möchten, erschüttert Sie das?

Wikileaks entlarvt mit jedem, aus unserer beschränkten Sicht eher unspektakulären Dokument menschliche und globale Realpolitik auf höchster Ebene. Steht da irgend etwas drin, das Sie und ich, die täglich Zeitung lesen, unzählige Bücher verstanden haben und auch sonst nicht völlig behämmert sind, ohne Wikileaks nicht wussten?

Zudem realisieren wir, dass im US-amerikanischen Aussenministerium genau jene Berichte nicht gelesen werden, die tatsächlich den Kurs amerikanischer Aussenpolitik verändern sollten. Zum Beispiel jene der klugen Anne Patterson, die klar erkennt, dass die US-Strategie: «risks destabilising the Pakistani state, alienating both the civilian government and the military leadership, and provoking a broader governance crisis without finally achieving the goal.» Genau! Ich frage mich indessen, ob Anne Patterson zu diesem Schluss nur aufgrund ihrer vertraulichen Gespräche mit den entsprechenden Instanzen gekommen ist oder ob sie nicht einfach ihre Intelligenz und ihren gesunden Menschenverstand angewandt hat. Zudem: Ihr Bericht, wie jene zahlreicher anderer kluger Menschen, verhallt in Washington ungehört. Weshalb? Weil nicht Wissen, sondern Macht, Bankeninteressen und Rohstoffe die Politik entscheiden.

Amerikas Diplomaten schreiben, wenn sie politisch sensibilisiert sind und nicht nur dank ideologischer Protektion zu ihrem Posten kamen, das, was Menschen mit Vernunft schon einige Zeit wissen und spüren: Die globale Realität nämlich, dass (siehe Fifa) Spiel, Transparenz und Demokratie den entpolitisierten Warenmenschen und Konsumbürgern vorgelogen werden. Viele wissen davon, analysieren, publizieren starkes Wissen und schauen trotzdem jedes Fussballspiel an, stimmen Ja für die Zweiteilung des Rechtsstaats oder wählen Teflonfrauen und substanzlose Aussenminister.

Hier wäre mit Wikileaks anzusetzen. Hier liegt Sprengpotential für die Wirklichkeit. Vielleicht geschieht dies mit den nächsten Enthüllungen, die den Banken- und Finanzsektor betreffen. Vielleicht.

Was die Diplomaten betrifft, da bin ich radikal. Schon vor Jahren plädierte ich für die Abschaffung von Diplomaten zugunsten direkter, offener und transparenter Verhandlungen und persönlicher Kontakte. Doch was tut Brüssel in diesem Jahr? Die EU führt mit Milliardenkosten ein eigenes aussendiplomatisches Corps ein. Wie sieht dieses aus? Es ist ein alteingesessener Männerclub, wobei die Quoten knapp für die diversen Länder aber nicht für Frauen gereicht haben. Sogar für das in der EU übliche Rückwärtsdenken ist dieser Schritt der Wiedereinführung des 19. Jahrhunderts auf höchster europäischer Ebene eigentlich surreal.

Ein riesiges Unbehagen aber bleibt punkto Wikileaks: Wie steht es mit dem Quellenschutz? Wie können sich Menschen in verantwortungsvollen Positionen noch vertraulich untereinander austauschen? Wie kann das Leben islamistischer Informanten aus Terrororganisationen geschützt werden? Wie können überhaupt Leben von Menschen, die sich gegen Diktaturen wehren und sich nicht anpassen, geschützt werden? Wer antwortet: «Indem Wikileaks aufhört, solche Dokumente zu veröffentlichen» hat aber eigentlich nicht begriffen, worum es hier eigentlich geht. Um nicht mehr und nicht weniger als um die Veränderung der Welt wie wir sie bisher kennen. Um das zu verarbeiten bräuchte besonders die US-Politik andere Vorschläge, als jenen, einen Haftbefehl gegen Julian Assange zu bewirken.

Nachbemerkung: Gerade sind noch Auszüge aus den diplomatischen Depeschen über die Schweiz bekannt geworden: Wir seien eine «frustrierende Alpendmokratie» und Christoph Blocher der «SVP-Partei-Guru». Na, da sind wir aber froh, dass wir das auch noch erfahren haben!

(von Regula Stämpfli/news.ch)

Machen Sie auch mit! Diese news.ch - Meldung wurde von 2 Leserinnen und Lesern kommentiert.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Paris - Laufend werden neue Details aus den 250'000 von Wikileaks enthüllten ... mehr lesen
Um Schadensbegrenzung bemüht: Hillary Clinton
Bern - In den von Wikileaks veröffentlichten geheimen US-Dokumenten sind ... mehr lesen 23
Das Verhältnis zwischen der Schweiz und den USA sei herzlich ohne emotionale Beziehung.
China soll sich gemäss Bericht auf den Zusammenbruch von Norkorea vorbereiten.
Peking - Die Enthüllungen der ... mehr lesen
Washington - Wie werden Politiker ... mehr lesen
Noch mehr Probleme für Obama: Hunderttausende von vertraulichen Diplomaten-Depeschen wurden veröffentlicht.
Neue Politische Beobachter braucht die Schweiz!
Mag sein, dass man sich die Bekanntmachungen und Enthüllungen von Wikilieaks mehr oder weniger selbst denken kann.
Genau das ist aber das Problem.
Man kann es sich zwar denken, aber sicher ist man sich nicht wirklich.
Warum?
Zu jedem Thema gibt es eine Darstellung und eine Gegendarstellung. "Medienfreiheit" sei dank. Dazu gehört selbsverständlich auch das Internet .
Wikileaks stellte erstmal Original-Informationen ungekürzt und unverfälscht ins Internet. Danke! Keine Möglichkeit der Manipulation und keine veränderte und oder verfälschte Darstellung.
Genau das würde man auch von einem Beobachter wünschen. Ein Beobachter der versucht möglichst Wertfrei und trotzdem beschreibend zu berichten.
Ich weiss nicht, ob das nur mir so geht, aber bei Ihrer Art der Beschreibung irgend eines Themas habe ich stets das Gefühl, dass Sie eine Überbotschaft, eine Suggestion vermitteln wollen.
Sie gliedern sich nahtlos in die Ecke der Darstellung und Gegendarstellung ein. Sie greifen an und oder verteidigen etwas. Aber eine neutrale, möglichst wertfreie Botschaft lese ich von Ihnen nicht.
Deshalb braucht es Wikileaks, legal oder nicht, um unverfälschte Informationen den Menschen dieser Welt zugänglich zu machen.
Meinungsbildner und Beeinflusser wie Sie es offensichtlich sind, wird so ein Riegel vorgeschoben!
"Pränatale" Indiskretion
Regula Stämpfli hat viel geschrieben, aber wenig (Neues) mitgeteilt. Nur festzustellen, wen man nicht hätte wählen sollen, nützt im Nachhinein gar nichts. Es sollte eine Art "Wikileaks" geben, die alle Kandidaten für ein politisches Amt durchleuchtet und die Wählerschaft VOR dem Wahltermin informiert. Das wäre eine sinnvolle Institution. Wie wäre doch das, wenn bei jedem Kandidaten aufgelistet würde, welche wirtschaftlichen oder ideologischen Interessen er vertritt. Da hätte man eine richtige (Aus)Wahl!
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: ...
«Männer stimmten für Hofer, Frauen für Van der Bellen» titelte die FAZ nach dem Wahlkrimi in Österreich. «Warum wählen junge Männer so gern rechts?» fragte jetzt.de einen Soziologen. «Duh» war meine erste Reaktion, hier ein paar weitere. mehr lesen 3
Gewinnorientierte Unternehmen wie der ORS machen aus der Flüchtlingshilfe ein Geschäft. Das Rote Kreuz und die Caritas, die gemeinnützig sind und seit Jahren über grosse Erfahrung in der Betreuung von Menschen auf der Flucht haben, werden übergangen. Das ORS - mit dem Branding wie eine Waffenfirma - muss im Geschäft nicht mal den Gewinn des Business mit Flüchtlingen ausweisen, nur den Umsatz. mehr lesen  
Korpskommandant André Blattmann wird von den Mainstreammedien der «Beleidigung» bezichtigt. Er nannte den Rundschau-Chef Sandro Brotz, «Sandro Kotz.» Wer meint, dies sei nur ein Sturm im Wasserglas, irrt. Blattmann ... mehr lesen 2
Armeechef Blattmann: bedenklicher Umgang mit demokratischen Grundrechten.
Der Nationalrat - seit 2016 absolut schamlos.
«Bist Du nicht willig, stimmen wir ab.» So lautet die Devise der unschweizerischen bürgerlichen Mehrheit seit den Wahlen im Herbst 2015. «Wie schamlos hätten Sie es denn gerne?» titelte klug (aber leider zu spät) der ... mehr lesen   2
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
saleduck.ch, Logo
Shopping «Wär hetts erfunde?» Zwei Jahre nach der Gründung erhält Saleduck.ch eine neue Plattform und wird zu einer Deal Community. Neben einem neuen Layout bieten sich auch für Netzwerke und Advertiser viele ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Obama in Hanoi mit der Präsidentin der Nationalversammlung, Nguyen Thi Kim Ngan auf einer Besichtigungstour: Willkommenes Gegengewicht zu China.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Di Mi
Zürich 10°C 17°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen Gewitter mit Schneeregen
Basel 11°C 18°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen starker Schneeregen
St. Gallen 10°C 15°C wolkig, aber kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen gewittrige Schneeschauer
Bern 9°C 18°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen Schneeschauer
Luzern 13°C 18°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen gewittrige Schneeschauer
Genf 4°C 18°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen starker Schneeregen
Lugano 7°C 18°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig bedeckt freundlich
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten