Unglücksmaschinen waren gleichzeitig im Sinkflug
publiziert: Dienstag, 2. Jul 2002 / 11:38 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 2. Jul 2002 / 17:44 Uhr

Überlingen (D) - Weil die russische Charter- und die DHL-Frachtmaschine im gleichen Augenblick in den Sinkflug gingen, kam es am Montag um 23.35 Uhr bei Überlingen zum Zusammenstoss. Nach bisherigen Erkenntnissen hat der Fluglotse keinen Fehler gemacht.

3 Meldungen im Zusammenhang
Die Situation sei bis unmittelbar vor der Kollision völlig normal gewesen, sagte Anton Maag, Leiter des Area Control Center (ACC), am Dienstagvormittag an einer Medienkonferenz im Flughafen Zürich: Um diese Zeit seien sehr wenige Flugzeuge unterwegs gewesen.
Eines von ihnen war die russische Tupolew der Bashkirian Airlines; eine Chartermaschine, die Ferienreisende von Moskau via Genf nach Barcelona brachte. Von Süden nach Norden Richtung Brüssel unterwegs war gleichzeitig die Frachtmaschine vom Typ Boeing 757 des Paketdienstes DHL. Beide flogen auf 36 000 Fuss (11 500 Meter) Höhe über Boden. Bei Überlingen am Bodensee sollten sie kreuzen - ein routinemässiger Vorgang.

Russischer Pilot reagiert nicht
Der Fluglotse in Zürich wollte für die Kreuzung die russische Maschine auf eine tiefere Ebene holen - sie sollte in Genf ohnehin zwischenlanden. 8 bis 10 Meilen oder rund anderthalb Flugminuten vor der Kreuzung gab er dem Piloten die Anweisung zum Sinkflug - erhielt aber keine Antwort. Auch eine zweite Warnung blieb ohne Reaktion. Erst auf die dritte Aufforderung reagierte der Pilot der Tupolew und leitete den Sinkflug ein.

Inzwischen hatte das elektronische Alarmgerät der Frachtmaschine registriert, dass sich auf gleicher Flugebene eine Maschine näherte und gab seinerseits Befehl zum Sinken. Ein Befehl, dem laut Maag der Pilot gemäss internationaler Regelung unverzüglich und ohne Rücksprache mit der Flugsicherung Folge zu leisten hat. Zwischen 23.35 und 23.36 Uhr kollidierten die Maschinen auf einer Höhe von 11 300 Fuss.

Laut Maag war die Zeitspanne der ersten Anweisung zum Sinkflug anderthalb Flugminuten vor der Kreuzung nicht ideal, aber "im Normalfall genügend". Und laut Skyguide-Sprecher Patrick Herr entsprachen Art und zeitlicher Ablauf der Kreuzung völlig dem Normalfall. Nach bisherigen Erkenntnissen habe der Lotse "richtig und korrekt" gehandelt.
Auf zwei "Knackpunkte" müsse man sich wohl konzentrieren, sagte Herr: Weshalb reagierte der russische Pilot nicht sofort auf die Anweisung der Flugsicherung? Und weshalb gab das automatische Warngerät der anderen Maschine den Befehl zum Sinken?

Kein Sprachproblem
An Sprachprobleme lag es offenbar nicht: Laut Maag hatte man zuvor normale Verbindung mit beiden Cockpits. Der russische Pilot war gemäss Bashkirian Airlines 52 Jahre alt und hatte 10 Jahre Flugerfahrung. Auch der Flutlotse verfügt laut Herr über jahrelange Berufserfahrung.
Die von Osten her anfliegende Tupolew war um 23.30 Uhr von der Deutschen zur Schweizer Flugsicherung übergeben worden. Angemeldet war sie bereits seit einigen Minuten. Und die eindeutige Identifikation der Maschine wurde problemlos vorgenommen. Die Frachtmaschine hatte um etwa 23 Uhr die südliche Schweizer Grenze überflogen.
Zur Zeit der Kollision herrschte keineswegs dichter Luftverkehr. Nur noch einzelne Maschinen waren unterwegs. Die beiden Lotsen in Zürich hatten nur einen Sektor zu betreuen.

71 Opfer
Bei dem Zusammenstoss über dem nordwestlichen Bodenseeufer kamen sämtliche Insassen ums Leben. In der Tupolew mit Baujahr 1995 befanden sich nach Angaben der Bashkirian Airlines 69 Menschen: 57 Passagiere - davon 47 Kinder und Jugendliche - und 12 Besatzungsmitglieder. Die Frachtmaschine war mit den beiden Piloten besetzt.

Die Wrackteile und Opfer waren in einem Umkreis von 35 Kilometern verstreut. Rund 800 Personen waren an der Bergung beteiligt. Bis zum späten Dienstagvormittag waren nach Angaben der deutschen Einsatzleitung 12 Tote und Teile weiterer Leichen gefunden worden. Der Flugschreiber der Tupolew wurde noch in der Nacht gefunden. Untersucht wird der Unfall von den Deutschen und Schweizer Behörden.

(bb/sda)

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