Usain Bolt überstrahlt die Zürcher Starparade
publiziert: Freitag, 29. Aug 2008 / 09:37 Uhr

In elf der 15 Einzeldisziplinen des Hauptprogrammes stehen am Freitagabend am Golden-League-Meeting im Zürcher Letzigrund die Olympiasieger am Start. Damit macht der Event seinem Namen «Weltklasse» alle Ehre.

1 Meldung im Zusammenhang
«Duelle statt Rekordjagden» hatte vor einem Jahr das Motto des Meetings gelautet. Deshalb wurde auf Tempomacher verzichtet und wurden die Preisgelder auf Kosten der Startgagen verdoppelt.

Diesem mutigen Konzept war nicht der erhoffte Erfolg beschieden, weshalb die Organisatoren heuer wieder mehr Mittel für die Athletenverträge einsetzten und die Rangprämien für die ersten acht etwas kürzten. «Diese Vorgehensweise bewährt sich», sagte Athletenverpflichterin Bettina Borer.

In der Tat ist in Zürich mit wenigen Ausnahmen alles am Start, was Rang und Namen hat. Angeführt wird die Starparade vom neuen Stern am Leichtathletik-Himmel, Usain Bolt.

Der erst 22-jährige Jamaikaner ist an den Olympischen Spielen in Peking mit einer verblüffenden Leichtigkeit zu Goldmedaillen über 100 (als erster Jamaikaner) und 200 m gerannt und hat dabei zwei Weltrekorde aufgestellt. Zudem stand er auch mit der jamaikanischen Staffel auf dem obersten Podest, die ebenfalls eine Weltbestleistung erzielte.

100-m-Rennen ist Höhepunkt

Das 100-m-Rennen der Männer kündigt sich als Höhepunkt des Abends an, kommt es im Letzigrund doch praktisch zur Neuauflage des Olympia-Finals. Neben Bolt figurieren mit Ausnahme von Asafa Powell (5.), der zu viel Geld verlangt hat, sämtliche Finalisten von Peking auf der Startliste, also auch die weiteren Medaillengewinner Richard Thompson (Tri) und Walter Dix (USA).

Ergänzt wird das Feld durch Shawn Crawford (USA), Olympia-Zweiter über 200 m, und Derrick Atkins (Bah), WM-Zweiter über 100 m im vergangenen Jahr in Osaka.

Bolt ist am Montagabend in Zürich-Kloten gelandet. Trotz des grossen Rummels um seine Person fühlt er sich nicht müde. Er freut sich auf die tolle Atmosphäre im Letzigrund. Dass er erst im September nach Jamaika zurückkehrt, stellt für ihn kein Problem dar.

Die Leichtathletik sei für ihn nicht nur Spass, sondern ein Job. Daher hätten die Feierlichkeiten zu warten. Seine Dominanz in Peking - über 100 m betrug der Vorsprung zwei Zehntel, über die doppelte Distanz gar 52 Hundertstel - führt er auf harte Arbeit zurück. Während andere geschlafen hätten, habe er trainiert.

Robles verspricht «viel»

Neben Bolt liegt auch beim Hürdensprinter Dayron Robles ein Weltrekord in der Luft - bislang sind am Zürcher Meeting 24 Weltbestleistungen aufgestellt worden, die letzte vor zwei Jahren durch Asafa Powell (9,77 über 100 m).

Der Kubaner Robles befindet sich in dieser Saison in beneidenswerter Form; er blieb nicht weniger als fünfmal unter der magischen 13-Sekunden-Marke und verbesserte am 12. Juni in Ostrava den Weltrekord des Chinesen Liu Xiang um eine Hundertstelsekunde auf 12,87. In Peking, wo er 12,93 lief, wäre eine weitere Steigerung durchaus möglich gewesen. «Es war nicht nötig, den Weltrekord zu brechen», sagte Robles dazu. Er habe bloss auf Sieg laufen wollen.

Was sind seine Ziele für Zürich? «Ich will ein gutes Rennen laufen.» Das heisst? «Viel.» Zu mehr liess sich Robles nicht hinreissen. Er wisse nicht, bis wohin es gehen könne. Seine Konstanz begründete er mit der grösseren Erfahrung, denn im Training habe er nicht viel verändert. Auch bei ihm seien jedoch einmal 13,20 möglich, denn über den Hürden könne viel passieren.

Auf Rekordjagd und der damit verbundenen Prämie von 50'000 Dollar plus einem Kilogramm Gold befindet sich auch Stabspringerin Jelena Isinbajewa. Die Russin hat in Peking ihre vierte Weltbestmarke in diesem Jahr (inklusive einer in der Halle) erzielt und ist nun im Freien bei 5,05 m sowie insgesamt 24 Weltrekorden angelangt. Damit trennen die 26-Jährige noch elf Weltbestleistungen von der ukrainischen Stab-Legende Sergej Bubka, dessen Marke sie übertreffen will.

Duo um Jackpot-Million

Um noch mehr Geld geht es für die kenianische 800-m-Läuferin Pamela Jelimo und die kroatische Hochspringerin Blanka Vlasic, die nach Siegen in Berlin, Oslo, Rom und Paris im Kampf um den Jackpot von einer Million Dollar verblieben sind. Ihr Befinden könnte jedoch unterschiedlicher nicht sein. Während die erst 18-jährige Jelimo in ihrem ersten Jahr als 800-m-Läuferin gleich Gold an Olympischen Spielen gewann - als erste Kenianerin überhaupt -, ging für Vlasic ausgerechnet beim Saisonhöhepunkt die 34 Wettkämpfe dauernde Ungeschlagenheit zu Ende. Sie musste sich hinter der überraschenden Belgierin Tia Hellebaut, die am Freitagabend ebenfalls am Start ist, mit Silber begnügen.

Für Vlasic ist deshalb Wiedergutmachung angesagt. Jelimo dagegen dürfte kaum Probleme bekunden, ihren Siegeszug fortzusetzen. Zu dominant und konstant - sechs Zeiten unter 1:56 - trat sie bislang auf. Den letzten Schliff für Zürich holte sie sich im Engadin. Wenn einem Gott so viel Talent mitgegeben habe, müsse man es einfach nutzen, erklärte sie selbstbewusst. Sie sei frustriert, wenn sie nicht gewinne.

Nebst dem Wettkampf über 100 m präsentiert sich im Letzigrund auch in den Disziplinen 400 m und 400 m Hürden der Männer sowie 100 m Hürden, Stab- und Hochsprung der Frauen das komplette Olympia-Podest. Somit kommt es über 400 m zu einem weiteren packenden Duell zwischen Olympiasieger LaShawn Merritt (USA) und dessen Vorgänger Jeremy Wariner (USA). Einen besonderen Leckerbissen verspricht auch der Auftritt von Weltrekordhalter Kenenisa Bekele über 5000 m; der Äthiopier schaffte in Peking das Double über 5000 und 10'000 m.

Die Schweizer, die in China auf der Bahn enttäuschten, spielen im Hauptprogramm nur eine marginale Rolle. Mit Weitspringer Julien Fivaz, Speerwerfer Felix Loretz sowie den Stabspringerinnen Nicole Büchler und Nadine Rohr schafften es bloss vier ins illustre Teilnehmerfeld. Der Einzige, der vom Potenzial her, einigermassen mit der Spitze mithalten kann, ist Fivaz. Der Chaux-de-Fonnier versagte jedoch nach einer bislang tollen Saison (Bestweite 8,10) an Olympia; mit desolaten 7,53 in der Qualifikation schied er sang- und klanglos aus.

(Sascha Fey /Si)

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