Doch wenn es um den Pathos der Inauguration geht und die Emotionen, die mit dieser Amtsübergabe einher gingen, bekunden viele Europäer, wie man es in Foren und Diskussionen lesen und hören kann, Mühe, wenn nicht sogar Befremden. Von Gefühlskitsch und Verlogenheit ist da die Rede, von Realitätsmangel und lächerlichem Patriotismus.
Da wird dann die «gesunde Distanziertheit» der Europäer zu ihrem politischen System gelobt und die Emotionalität der Amerikaner verachtenswert gemacht. Denn, so geht die Argumentation: Warum soll man wegen einer Selbstverständlichkeit so ein Theater aufführen?
Die Gegenfrage müsste eigentlich sein: Welche Selbstverständlichkeit? Dass ein Machthaber freiwillig aus seinem Amt zurück tritt? Dass der neue Herrscher nicht auf einem Panzer vor dem Regierungspalast vorfährt, während die Mitglieder der letzten Regierung an der Rückseite vor den Erschiessungskommandos aufgereiht werden? Dass die verängstigten Anhänger der letzten Regierung nicht in Gefangenenlager geschickt werden? Dass der Wahlkampf mit Worten und nicht mit Gewehren ausgetragen wurde?
Wer glaubt, dass eine Demokratie Selbstverständlichkeit ist, soll mal einige Geschichtsbücher aufschlagen oder einfach Nachrichten schauen. Die wenigsten Demokratien haben eine Tradition, die länger als 100 Jahre zurück reicht. Und selbst jene, die sie haben – wie auch die Schweiz – mussten durch harte Zeiten mit schweren Kämpfen gehen, bis sie in der Form etabliert war, wie wir sie heute kennen.
Das wirklich Gefährliche an dem Glauben, dass die Demokratie eine Selbstverständlichkeit ist, ist die Geringschätzung, die damit einher geht. Genauso wie alle anderen Selbstverständlichkeiten wie Strom, Wasser und Wärme, die unser Leben angenehmer machen, bemerkt man die Demokratie irgendwann gar nicht mehr richtig. Sie ist einfach da. Warum also noch darum kämpfen? Ganz einfach: weil wir alle ein Teil der Demokratie sind – wir sind der Staat!
Und zwar ein Staat, in dem man die Mächtigen kritisieren, karikieren und beschimpfen darf. Ein Staat, in dem es erlaubt ist, die Regierung anzugreifen und zu hinterfragen, da die Regierung im Auftrag von uns, den Bürgern, arbeitet. Ein Staat, der mit dem Widerstand der Bürger gegen seine Ungerechtigkeiten nicht geschwächt, sondern gestärkt wird. Doch die Zyniker der Demokratie haben dafür nur ein verächtliches Schnauben übrig: Begeisterung für so was? Lächerlich! Naiv!
Dabei ist es genau diese Einstellung, die die Demokratie an sich gefährdet, denn sie erlaubt den Mächtigen, dem Volk die Macht weg zu nehmen. Wenn bei den Schweizer Volksabstimmungen nicht einmal die Hälfte der Bürger an die Urnen geht, schmeisst die andere Hälfte gleichgültig ein unglaubliches Privileg ins Altpapier.
Unsere Demokratien sind alle im Kampf gegen Despoten, feudale Tyrannen und Diktatoren entstanden. Menschen haben ihr Leben für die Ideen von Freiheit und Chancengleichheit gegeben. Ihre Körper vermoderten längst in der Erde, als jene, die nach ihnen kamen – und dies sind auch wir – die Früchte dieser Opfer geniessen konnten und können.
Demokratie und Recht sind keine Geschenke, die einem Volk einfach so in den Schoss fallen. Wer im Namen der «gesunden Distanziertheit» daher labert, vergisst, dass die Demokratie sein Leben unmittelbar und ohne jeglichen Abstand betrifft – kann sein, dass er nur wegen ihr noch lebt und nicht schon längst von irgendwelchen Schergen eines Tyrannen umgebracht worden ist.
Demokratie muss immer wieder erbaut, erkämpft und verdient werden. Die Erosion durch Machtgier, Korruption und Gleichgültigkeit nagen ständig an ihren Fundamenten. Ein erster Schritt dazu ist es, dieser Staatsform trotz aller ihrer Mängel die entsprechende Achtung und Liebe entgegen zu bringen. Wäre es nicht Zeit dafür, dass wir, die wir der Staat sind, diese Tatsache jeweils auch feiern? So wie die naiven, patriotischen Amis, über die nun so viele hämisch grinsen? Denn vielleicht sind die sich trotz all unserer Vor- und Einwände immer noch der Tatsache bewusst, dass Demokratie etwas Tolles ist, über das wir uns freuen und wofür wir dankbar sein sollten.
(von Patrik Etschmayer/news.ch)
Gibt es sie schon irgendwo? Außer in der Schweiz? Vielleicht annähernd in Costa Rica.
Auch hierin ist die Schweiz die große Ausnahme in der Welt.
Es ist auch bei der Demokratie so, wie bei anderen großen Zielen, die man sich steckt, man sieht es schon lange vorher, kann es anpeilen und losmarschieren. Doch dann ist da ein Tal dazwischen und ein Hügel, danach noch eines und noch ein Hügel. Der Weg wird lang und länger, wir müde. Der Wille läßt nach, doch die Begriffe bleiben.
Am Ende lagern wir irgendwo und richten uns häuslich ein. Wir haben sie in der ganzen Welt nicht erreicht - eben wie gesagt, die Schweiz ist ihr ganz nahe.
Um Demokratie zu leben braucht es einige Dinge, ohne die es wirklich nicht geht. Wahrheit muß oberstes Gut sein. Ehrlichkeit in jedem Einzelnen zu sich und zu anderen. Die Staatsform, die wir als Demokratien bezeichnen ist heute geprägt von Lüge und Falschheit, deshalb gibt es soviel Menschen, die sich in ihr nicht mehr wohl fühlen. Hier wie in Amerika. Heute dient Demokratie als Selbstbedienungsladen für einige wenige zu Lasten der großen Mehrheit, denen man vom Kindergarten an erzählt, daß man um ein ordentlicher Staatsbürger zu sein, den Anordnung Folge leisten muß, sich auf keinen Fall auflehnen darf um nicht als Querulant zu gelten. In den heute gelebten Demokratien ist das Unterste nach Oben gekehrt. Weil ein politisches Amt keinen hohen Anspruch mehr an den eigenen Charakter stellt, ist es so begehrt. Demokratie ist eine bequeme Staatsform geworden für die, die von ihr und durch sie profitieren.
Im Zusammenspiel mit der freien Marktwirtschaft findet sie auch das Alibi für alle Ungerechtigkeiten, sie ist der Zeigefinger hinter dem es sich trefflich verstäcken läßt.
Die Erziehung zum reifen Bürger, der für sich selbstverantwortlich handelt, muß von der Schweiz aus- und wie ein Fackellauf um die ganze Welt gehen, denn hier finden wir ihn noch, den vom Aussterben bedrohten, mündigen Bürger.
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