Verkehrs-Lotterie
publiziert: Montag, 28. Mrz 2011 / 22:36 Uhr / aktualisiert: Montag, 28. Mrz 2011 / 22:54 Uhr
Nonstop verstopft: Pekings Strassen um Mitternacht.
Nonstop verstopft: Pekings Strassen um Mitternacht.

Vor genau drei Monaten waren in dieser Kolumne folgende Sätze zu lesen: «Im Morgen- oder Abendverkehr in Peking unterwegs zu sein, braucht Nerven und viel Geduld. ... Kurz, der Verkehr in der Hauptstadt des Reichs der Mitte ist ein Albtraum». An dieser Feststellung hat sich nichts geändert.

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Was sich, wie damals im Dezember angekündigt, geändert hat, sind die Zulassungsvorschriften für neue Autos. Grund: im November letzten Jahres wurden allein in Peking 96'000 Neuwagen zugelassen, und im Dezember wurde der Rekord mit über 100'000 Neuwagen gebrochen. Summa summarum bewegten sich Anfang 2011 rund fünf Millionen Autos auf dem Strassennetz der Hauptstadt. Die Durchschnittsgeschwindigkeit, mit der Autofahrer ihr teures Gefährt durch das Dickicht des Verkehrsdschungels steuern, hat sich seit Dezember trotz der neuen Kauf-Restriktionen nicht erhöht und liegt noch immer bei 24 Kilometern pro Stunde.

Trotz - im Vergleich zur Schweiz - extrem schnellem Strassenbau wird sich das nicht so bald ändern. Die Pekinger Stadtplaner prognostizieren fürs Jahr 2015 gerade noch eine mittlere Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 Kilometern. Mit meinem Fahrrad «Fliegende Taube» war, bin und werde ich auch Luxuskarossen wie Porsche, Ferrari oder Aston Martin immer locker eine Nasenlänge voraus sein.

In den Medien ist das Verkehrs-Desaster ein Dauerthema. An guten Ratschlägen zuhanden der Regierung mangelt es nicht. Zuletzt befasste sich auch der jährlich einmal zusammentretende Nationale Volkskongress (Parlament) in der Grossen Halle des Volkes am Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen mit diesem Thema. Der im Dezember veröffentlichte Massnahmenkatalog der Pekinger Verkehrsbehörden wird bis auf den heutigen Tag immer wieder kritisiert. Der Bau von Schnell- und Umfahrungsstrassen und die massive Förderung des Öffentlichen Verkehrs fand zwar breite Zustimmung, doch die Einschränkung der Auto-Lawine mit einer Lotterie wird mit ätzender Kritik bedacht. Kein Wunder. Zwar hat sie funktioniert; doch bei einer Gewinnchance von gerade einmal vier Prozent im März kann es nicht wundern, dass die Zukurzgekommenen aufgebracht, wütend und frustriert sind.

Vor jedem Autokauf muss in Peking eine Zulassung samt Nummer vorgewiesen werden. Da anstatt rund 700'000 Wagen im vergangenen Jahr nur noch rund 210'000 im laufenden Jahr zugelassen werden, dürfen monatlich nur noch maximal 17'600 neue Autos auf die Strasse. Im Januar meldeten sich 180'000 für eine Nummer bei der Lotterie. Jene, die leer ausgingen, wurden in die Februar-Lotterie übernommen. Und so weiter. Resultat: im März landeten bereits 398'000 im Lotterie-Topf. Die Chancen, eine Nummer zu ergattern, sind also gering.

Nicht alle der Lotterie-Teilnehmer wollen natürlich einen Neuwagen kaufen. Einige nehmen «auf Vorrat» daran teil, andere wollen sich als neunmalkluge Geschäftemacher eine Goldene Nase verdienen. Immerhin, den Stadtbehörden ist es gelungen, die Blechlawine ein klein wenig zurückbildenden. Ganz Clevere allerdings nehmen nicht an der Lotterie teil, sondern beschaffen sich eine Nummer in der Nachbarprovinz Hebei. Das ist zwar kompliziert und - Korruption, Korruption! - auch nicht gerade billig. Aber es funktioniert.

Ob allerdings auch das von Liu Xiaoming - Direktor der Pekinger Kommission für Stadttransport - anvisierte Ziel für 2015-2020, ein Maximum von 6,7 Millionen Autos als Obergrenze, erreicht werden kann, darf bezweifelt werden. Zur Freude der boomenden Automobil-Industrie und zum Ärger umweltbewusster Beamter und Bürger.

(Peter Achten/news.ch)

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