Vertrauen zerstört?
publiziert: Mittwoch, 30. Apr 2008 / 11:35 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 1. Mai 2008 / 14:55 Uhr

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Wer mit dem Auto von der Schweiz aus nach Wien fährt, kommt unweigerlich daran vorbei. Doch bis jetzt dürfte kaum jemand auf die Ausfahrt 123, Amstetten West, geachtet haben. Sanft hügeliges Agrarland, darin eingebettet ein Provinzstädtchen im Herzen des Mostviertels.

Doch seit Anfang dieser Woche steht Amstetten für einen grausigen Inzestfall von einem Ausmass, das überall nur Fassungslosigkeit auslöst. Und langsam auch Argwohn. Wie konnte man das nicht gemerkt haben? Wie war es möglich, dass Jahrzehnte lang dieses fürchterliche Geheimnis hatte vor allen verborgen werden können?

Da helfen momentan auch die Aussagen der Ermittlungsbehörden nicht, in denen betont wird, wie geschickt und perfid Josef F. vorgegangen sei, um sein schreckliches Doppelleben zu vertuschen. Denn, so mag man sich vielleicht denken, dieses Monster hätte doch auch als ein solches erkennbar sein müssen. Doch die meisten «Monster» der Kriminalgeschichte konnten nur zu solchen werden, weil sie es verstanden, die Welt um sich herum zu täuschen und weil sich diese nur all zu gerne täuschen lässt.

Denn die meisten von uns glauben – auch wenn wir vielfach etwas anderes behaupten – an das Gute im Mitmenschen. Oder zumindest nicht an das abgrundtief Schlechte. Wenigstens so lange wir diesen Mitmenschen als einen «von uns» betrachten. Der nette Nachbar, der im Winter das Trottoir von Schnee frei räumt, der Arbeitskollege, der einen auf ein Bier einlädt, die Eltern des Mitschülers der eigenen Kinder – sie alle sind fast schon von vornherein vom Verdacht befreit, irgendwie schlecht zu sein. Und es stimmt ja auch: unter diesen verbirgt sich mit allergrösster Wahrscheinlichkeit auch kein Monster.

Ängste projiziert man lieber auf Menschen, die, sei es aufgrund der ethnischen Herkunft oder des Aussehens, sich von einem selbst unterscheiden. Der Stammes- und Stammtischmensch sieht am liebsten das Fremde als Bedrohung. Würde man aber auf die Logik hören, wäre es klar, dass die grösste – wenn auch absolut gesehen sehr kleine – Bedrohung von Leuten ausgeht, die man kennt und denen man vertraut.

Die Polizei ermittelt nicht aus Spass bei den meisten Gewaltverbrechen als erstes im Familien-Umfeld. Vermögensdelikte in Firmen wie Unterschlagungen und Betrügereien werden meist von vertrauenswürdigen Mitarbeitern begangen und wenn ehrenamtliche Trainer in Sportvereinen heutzutage mit meist unbegründetem Argwohn betrachtet werden, dann nur, weil einige schwarze Schafe das grosse Vertrauen in sie missbraucht haben.

«Erfolgreiche» schlechte Menschen sind vor allem darum so gut in ihren üblen Taten, weil sie es schaffen, all denen um sie herum ein falsches Bild von sich zu präsentieren. Kleinere Widersprüchlichkeiten ignorieren wir dabei gerne und erst wenn die Diskrepanzen allzu gross werden, reagiert man widerwillig.

Soll uns ein Fall wie Amstetten nun also misstrauischer machen? Sollen wir unsere Freunde nun mit Argwohn betrachten, unsere Kollegen unter einen Generalverdacht stellen und auch der Familie nur noch mit Vorbehalt vertrauen? Nein. Sicher nicht. Denn die meisten Menschen sind unter normalen Umständen «gut» und verdienen unser Vertrauen. Monster wie Josef F. sind die schreckliche Ausnahme jener Regeln, die unser friedliches Zusammenleben überhaupt erst möglich machen, aber bei weitem kein Grund, uns von diesen zu verabschieden.

(von Patrik Etschmayer /news.ch)

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