Verzweifelter Kampf in Haiti - Milliarden für Florida
publiziert: Mittwoch, 29. Sep 2004 / 11:41 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 29. Sep 2004 / 14:43 Uhr

Jeden Morgen macht sich Thelusma Marcaisse mit zehn Mann auf zu einem grauenhaften Job. Mit Gummistiefeln und Schaufeln ausgerüstet suchen sie in der vom Tropensturm "Jeanne" verwüsteten haitianischen Stadt Gonaïves nach Leichen.

Hunderttausende haben auf Haiti ihr Obdach verloren, Seuchen drohen.
Hunderttausende haben auf Haiti ihr Obdach verloren, Seuchen drohen.
Mindestens 1500 Opfer wurden bisher geborgen, und täglich werden es mehr. Im US-Bundesstaat Florida machen sich die Menschen nach dem vierten Hurrikan in Folge derweil an eine der grössten Aufräumaktionen der US-Geschichte. Im Gegensatz zu ihren Leidensgenossen im bitterarmen Haiti haben sie jedoch Glück im Unglück: In den USA herrscht Wahlkampf und Präsident George W. Bush verspricht sich von Milliarden-Hilfen für die Sturmopfer wertvolle Stimmen im Kampf ums Weisse Haus.

Massengräber für Opfer

Vier Leichen zog Thelusma Marcaisses Team aus Freiwilligen am Montag in einem dreistündigen Einsatz aus den von "Jeanne" hinterlassenen Schlamm-Massen in Gonaïves. Wie bereits hunderte Leichen zuvor warfen sie die nicht identifizierten Körper in eines von insgesamt zehn Massengräbern in der Katastrophenregion.

Noch "lange Zeit" werde die Suche nach Opfern andauern, sagt Bürgermeister Calixte Valentin. Über 2000 Tote werden in Haiti befürchtet, und der ärmste Staat Amerikas ist mit den Aufräumarbeiten und der Hilfe für die Sturmopfer hoffnungslos überfordert.

Seuchen drohen, hunderttausende Menschen haben ihr Obdach verloren und die wenigen Soldaten der UNO-Stabilisierungstruppe können nichts ausrichten gegen Plünderer und den Schwarzhandel mit internationalen Hilfsgütern.

Da "Jeanne" auch Strassen zerstört und den Flughafen von Gonaïves geflutet hat, gelangt internationale Hilfe nur verzögert über die Hauptstadt Port-au-Prince in die Katastrophenregion. Haiti dürfe der internationalen Gemeinschaft "nicht gleichgültig sein", mahnte der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Miguel Angel Rodríguez, zu mehr Unterstützung für den Karibikstaat.

Aufatmen in Florida

In Florida, rund tausend Kilometer nordwestlich von Haiti, können die Menschen erstmals seit Wochen wieder aufatmen. "Jeanne" hatte dort in den vergangenen Tagen mit sich fortgerissen, was die Hurrikans "Charley", "Frances" und "Ivan" verschont hatten.

Mindestens sechs Menschen starben nach offiziellen Angaben durch "Jeanne", die Gesamtschäden werden in Florida auf 25 Milliarden Dollar geschätzt. Weitere 5000 Rettungshelfer wurden in den "Sunshine-State" entsandt, um der Folgen der Wirbelstürme Herr zu werden.

Floridas Gouverneur Jeb Bush, der sich in den vergangenen Wochen als tatkräftiger Krisenmanager mit hochgekrempelten Ärmeln profilierte, sprach von einer "historischen Sechs-Wochen-Periode". Seit 1880 sei ein US-Bundesstaat nicht mehr von vier aufeinanderfolgenden Hurrikans heimgesucht worden. Damals traf es Texas, den Heimatstaat seines Bruders, US-Präsident George W. Bush.

Bush will Chance nutzen

Der US-Präsident sieht in der historischen Unwetterkatastrophe die historische Chance, noch unentschlossene Wähler mit massiver finanzieller Unterstützung für sich zu gewinnen. Fünf Wochen vor der Präsidentschaftswahl am 2. November beantragte er beim Kongress weitere 7,1 Milliarden Dollar für die Sturmopfer in den südöstlichen Bundesstaaten.

Der Grossteil des insgesamt 12,2 Milliarden Dollar schweren Hilfspakets ist für den Schlüsselstaat Florida bestimmt, in dem die Präsidentschaftswahl vor vier Jahren entschieden wurde.

(Pierre-Marie Giraud und Randy Nieves Ruiz/afp)

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