Vier Gerichte, eine Suppe
publiziert: Montag, 25. Feb 2013 / 14:09 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 26. Feb 2013 / 07:51 Uhr
Schon ein paar Gerichte zu viel: Traditionelles kantonesisches Esssen.
Schon ein paar Gerichte zu viel: Traditionelles kantonesisches Esssen.

Auf Staatskosten zu prassen, ist in China seit neuestem politisch inkorrekt. Parteichef Xi Jinping hat ein Zeichen gesetzt. «Vier Gerichte und eine Suppe» heisst die neue Direktive. Restaurants, Hotels und Schnapsbrenner sind die Leidtragenden.

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Wen Gaoshan hat gut lachen. Der erfolgreiche Kleinunternehmer aus der Küstenprovinz Fujian prostet der kleinen Runde von zwölf Gästen - vornehmlich Lokalbeamte - mit einem Glässchen des hochkarätigen und sündhaft teuren Sorghum-Schnapses Kweichou Moutai zu. Bereits intus hat die Runde diverse Flaschen feinsten Kalifornischen Rotweins. Wen, der rege Geschäftsbeziehungen mit den USA pflegt, hat sich mit den Jahren zum Weinkenner entwickelt. Er ziehe einen hochkarätigen Roten aus Kalifornien einem Bordelais bei weitem vor, schwärmt er. Die von Parteichef Xi Jinping geforderte neue Frugalität findet Parteimiglied Wen korrekt und lobenswert. «Das Geld des Volkes», so Wen, dürfe nicht leichtfertig verschleudert werden. «Vier Gerichte und eine Suppe» seien deshalb das Gebot der Stunden. Für Privatunternehmer allerdings, die solche Bankette aus der eigenen Tasche zahlten, gelte die Regel natürlich nicht. Selbst dann, wenn Partei- und Regierungskader zu den Gästen zählten.

In der Tat, Wen Gaoshans Bankett kann sich sehen lassen. Dreizehn Gerichte, zwei Suppen sowie teure Alkoholika halten die Stimmung hoch und die Beziehungen geschmiert. Schliesslich sind Chinas KMUs als Rückgrat der Wirtschaft für 60% aller Arbeitsplätze gut.

Bei Staatsbetrieben und der Verwaltung allerdings gelten neuerdings andere Regeln. Kurz nach Amtsantritt nach der Wahl zum Generalsekretär der allmächtigen Kommunistischen Partei hat Xi Jinping den allgemein verbindlichen Tarif durchgegeben. «Leeres Geschwätz schadet dem Land», hob Xi in einer seiner ersten Reden an, «nur harte Arbeit bringt die Nation voran». Aber nicht nur weniger leere Worte mahnte Xi an, vielmehr forderte er auch «weniger rote Teppiche», «weniger Frivolität» und «weniger Bankette». Bei einer Reise durch die Provinz Hebei Ende des letzten Jahres profilierte sich Xi, selbstverständlich unterstützt von den Staatsmedien und der Partei-Propaganda, als Modell-Beamter. Ein schönes Bankett liess er sausen und verzehrte mit Laobaixing - Durchschnittsbürgern - ein bescheidenes Mal. Vier Gerichte und eine Suppe eben. Der abtretende Premier Wen Jiabao und der künftige Premier Li Kejiang setzten sich am chinesischen Neujahr, wirksam von den Kameras der Staatsmedien begleitet, mit dem gemeinen Volk an einen Tisch und verzehrten - was sonst - vier Gerichte und eine Suppe. Zum trinken gab es keinen teuren ausländischen Wein und keinen kostspieligen inländischen Getreide-Schnaps sondern amerikanische Limonade und allenfalls ein heimisches Bierchen.

Das alles war ganz im Sinne der neuen Leitlinien. «Das Volk», so die Überzeugung von Parteichef Xi, «hat Geschichte gemacht, das Volk ist der wahre Held, das Volk ist die Quelle unserer Stärke, Macht und Kraft». Und das Volk ist sauer, wie unschwer ein Blick in die Chat-rooms der sozialen Medien Chinas zweifelfrei zeigt. Die wachsende Kluft zwischen Armen und Reichen und die gierigen, korrupten Abzocker-Beamten von Partei und Regierung sind hochexplosiver sozialer Zündstoff. Schon Konfuzius lehrte, dass der Herrscher nicht Armut sondern Ungleichheit fürchten sollte.

Die 4-1-Bankettregel wird, glaubt man den chinesischen Medien, jetzt hart durchgedrückt. Zhou Shaoqiang, General Manager der Staatsfirma «Zhuhai Financial Investment Holdings», kann ein Lied davon singen. Er wurde zur «Selbst-Reflektion» auf unbestimmte Zeit verdonnert, weil er ein Bankett wie in alten Tagen üblich ausgerichtet hatte. Die Anti-Korruptins-Behörde von Zhuhai, einer Wirtschaftssonderzone und Boomstadt gleich nördlich von Macao, recherchierte aufgrund von Photos und Berichten auf dem Internet. In der Tat stellte sich heraus, dass der Banketterbprobte Manager eine Einladung schmiss, bei der teuere Weine - darunter französischer Chateau Angelus und Mouton Rothschild - sowie chinesischer Baijiu (weisser Getreide-Schnaps) im obersten Preissegment getrunken wurden. Das ist natürlich nach neuestem Partei-Sprachgebrauch schlicht «Verschwendung».

Selbstredend begrüssen die «Massen» Xi Jinpings 4-1-Politik. Weniger glücklich sind Restaurants, Hotels, Importeure ausländischer Spitzenweine und die Brenner der galaktisch teuren Moutai-Schäpse. Bankette werden annulliert, Staatsbetriebe lagerten ihre Jahresend-Bankette von trendigen Restaurants aus in Fastfood-Ketten wie McDonalds, KFC oder den California Noodle King. Die Preise von Moutai geben deutlich nach und die Aktien der Schnapsbrennereien zeigen an den Börsen eindeutig Richtung Süd. Kurz, es wird weniger aufwändig auf Staatskosten gegessen und getrunken. Auch Luxus-Geschenke an Parteikader und Regierungsbeamte sind nicht mehr im Trend. Wie Zahlen rund ums chinesische Neujahr zeigen, sind in diesem Spitzenmonat die Umsätze eingebrochen. Mit einer Rolex beschenkt man hohe Beamte lieber nicht mehr. Es sei denn im Geheimen. Ansonsten: eine Swatch ist ja wohl noch erlaubt...

Die offizielle chinesische Nachrichten-Agentur Xinhua (Neues China) kolportiert denn auch mit einem negativen, lehrerhaften Unterton, dass Staatsbetriebe dazu übergegangen seien, Feste nicht mehr in Restaurants und Hotels zu feiern, sondern Spitzenköche in die Betriebskantine einzuladen und dort dann das Bankett steigen zu lassen. Und das selbstverständlich nicht nach der «4-1-Formel». Im übrigen, fügt Xinhau missbilligend hinzu, sei der neueste Slogan der höheren Bürokraten einfach: «Ohne Aufsehen essen, Geschenke sachte annehmen und im Geheimen die Fäden ziehen».

Für Wen Gaoshan ist die «staatliche Verschwendung ein grosses Übel». Parteichef Xi Jinping habe die richtigen Zeichen gesetzt und «vorbildhaft selbst ein Beispiel gegeben». Aber für Besitzer von mittleren und kleinen Unternehmen gelte natürlich die 4-1-Regel nicht. Denn seine Gelage will Wen, wohl zurecht, als «Investition in die Zukunft» und «Pflege der Freundschaft» verstanden wissen.

(Peter Achten/news.ch)

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