38. Solothurner Literaturtage
Volle Säle an den Literaturtagen - trotz Strahlewetter
publiziert: Samstag, 7. Mai 2016 / 14:56 Uhr

Solothurn - Die am Freitag begonnenen 38. Solothurner Literaturtage steuern wohl wieder auf einen Besucherrekord zu: Schon die ersten Veranstaltungen fanden in vollen Sälen statt - selbst jene mit dem wenig prickelnden Titel «Wie radikal ist der Liberalismus heute noch?»

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Mit ein Publikumsmagnet war wohl Podiumsteilnehmer Kurt Fluri, Stadtpräsident von Solothurn und FDP-Nationalrat. Er machte unter anderem die Feststellung, dass Solothurn alle Kulturförderungsgesuche genehmigt, ungeachtet des politischen Inhalts. Das sei für ihn liberale Kulturpolitik. Das Thema «Kultur am Gängelband der Politik» soll am Sonntag Nachmittag vertieft werden.

Die Liberalismus-Diskussion vom Freitag stützte sich auf ein Sachbuch mit drei Beiträgen über Gottfried Kellers «Das Fähnlein der sieben Aufrechten», neben dem Originaltext je einer von Urs Widmer und Guy Krneta. Im Zentrum stand Kellers hellsichtiger Befund «Es wird eine Zeit kommen, wo in unserem Lande, wie anderwärts, sich grosse Massen Geldes zusammenhängen, ohne auf tüchtige Weise erarbeitet und erspart worden zu sein; dann wird es gelten, dem Teufel die Zähne zu weisen».

Wie man junge Leser abholt

Zukunftsmusik auch in der Veranstaltung «Wie verändert sich das Leseverhalten der Kinder und was heisst das für die Zukunft?» Die Kinder- und Jugendbuch-Expertin Christine Tresch demonstrierte an aktuellen Beispielen, wie das Bild immer wichtiger wird und der Text abnimmt - vereinfacht gesagt: vom Lesebuch zur textfreien Bilderspiel-App.

Pessimismus sei freilich nicht angebracht, versicherte sie, es gelte einfach, Kinder bei der Entdeckung des immer vielfältiger werdenden Medienverbunds zu begleiten und ihre Bildkompetenz zu unterstützen. Hörbücher, stellte sie nebenbei fest, erlaubten einen leichteren Zugang zu Texten als das geschriebene Wort.

Nicht nur übers Ohr, sondern auch über Körperlichkeit brachte der Slam Poet Laurin Buser Texte nahe. Zuvor hatte er zwei Wochen lang Solothurner Jugendliche in seiner Kunst unterrichtet. Trotz des hohen Anteils an Comedy-Elementen machten die Texte des erst 25-Jährigen klar, dass Poetry-Slams keineswegs die «Paralympics der Literatur» sind, wie Slammerin Hazel Brugger sagt, sondern das Potenzial für ernstzunehmende Literatur haben - und nebenbei Jugendlichen den Zugang zu Prosa und Lyrik erleichtern.

«Wie krank muss man sein...?»

Wohl am meisten Zulauf hatte am Eröffnungstag die Veranstaltung «Autoren im Dialog» mit Charles Lewinsky und Sacha Batthyany. Letzterer hatte für sein Buch «Und was hat das mit mir zu tun?» die Geschichte seiner Grosstante recherchiert, die verantwortlich gewesen sein soll für ein Massaker an Juden.

«Für ein journalistisches Buch literarisch zu gut», schmeichelte Lewinsky dem jüngeren Kollegen. Batthyany seinerseits stellte Lewinsky die obligate Frage, wie er auf die unerhörte Idee zu «Andersen» gekommen sei. «Wären wir unter uns, würde ich sagen 'wie krank muss man sein, um so einen Stoff zu erfinden'». Lewinsky antwortete einmal mehr, die Idee sei ihm zugeflogen.

Etwas weniger Publikum als erwartet hatte Lukas Bärfuss. Schon im Vorfeld war bekanntgeworden, dass er nicht aus seinem neuen Roman «Hagard» lesen würde, weil der noch nicht fertig ist. Stattdessen stellte er unveröffentlichte Essays vor.

Bärfuss erhält am Dienstag den Johann-Peter-Hebel-Preis, weil er sich laut Jurybegründung «wenn es geboten erscheint, auch mit der Waffe des essayistisch geschliffenen Wortes polemisch» einmische in drängende Debatten. Über Bärfuss' provokanten Essay «Die Schweiz ist des Wahnsinns» wurde in Solothurn nicht gesprochen.

Die Solothurner Literaturtage enden am Sonntagabend mit einer Lesung von Franz Hohler und einem prosaisch-grafischen Résumée der Autorin Nora Gomringer sowie des Genfer «Festivalzeichners» Pierre Wazem. Bis dahin werden etwa 15'000 Menschen die Veranstaltungen besucht haben.

(bert/sda)

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