Voltaire gegen Die Früchte des Zorns
publiziert: Mittwoch, 27. Aug 2014 / 08:00 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 27. Aug 2014 / 09:03 Uhr
Bei Vorschlägen zur Veränderung der Verhältnisse ist fertig lustig: Unruhen in Ferguson.
Bei Vorschlägen zur Veränderung der Verhältnisse ist fertig lustig: Unruhen in Ferguson.

Gewalt, Strassenschlachten und verhaftete Journalisten: Tagelang, nachdem ein Polizist mit sechs Schüssen den unbewaffneten Michael Brown nieder gestreckt hatte, hörte Ferguson nicht auf zu brennen. Die Ereignisse werden mit «Rassenunruhen», «Ausschreitungen» oder «Bagdad in den USA» betitelt. Zeit, über die Politik und den entsprechenden Diskurs nachzudenken.

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«Das Gesetz ist dazu da, Menschen zu retten, nicht um sie zu vernichten.» Diese Sätze schrieb John Steinbeck, der für sein unvergleichliches Epos «Die Früchte des Zorns» 1940 den Pulitzer-Preis erhielt. Sein Werk über Armut, Rassismus und die vielfältigen Diskriminierungen im gelobten Land, hat bis heute nichts an seiner Schärfe und Brillanz eingebüsst. Es wird von mehreren zeitgenössischen Autoren wieder und wieder aktualisiert, so u.a. von George Packard in Die Abwicklung und von Chimanda Ngozi Adichie in Americanah. Letztere bringt denn auch die verstörende Politik der sogenannten Liberalen zum Ausdruck und zielt damit eigentlich direkt auf den Präsidenten Barack Obama, der nicht nur explizit weisse Politik für die Reichen betreibt, sondern in jeder seiner Reden darauf bedacht ist, dem in den USA gepflegten Horrorimage des «angry black man» auch nicht mal im Funkeln seiner Augen zu entsprechen. Ngozi Adichie beschreibt diesen kommunikativen Rassismus folgendermassen:

«Wenn Du in liberalen Kreisen in den USA über Rassismus redest, musst Du es immer so tun, dass sich keiner unwohl dabei fühlt. Dann ist es okay. Und wenn Du einen Roman über Rassismus schreibst, dann bitte auf die Marcel-Proust-Art, also so, dass das Thema möglichst ambivalent erscheint. Wenn Du zu direkt über Rassismus schreibst, giltst du als 'zornig', und es heisst, Du würdest überreagieren.» (Die Zeit, 24.5.2014).

Damit erklärt Ngozi Adichie auch die Farblosigkeit von Barack Obama, der als erster schwarzer Präsident des ehemaligen Sklavenlandes, zu den Polizei-Ausschreitungen und den zornigen Aufständen in Ferguson nichts als ein liberales Schulterzucken mit einem Aufruf zur Mässigung übrig hat. Der amerikanische Präsident ist die Personifikation eines liberalen, gebildeten Mannes, der zwar im Kopf einiges über Ungleichheit, Rassismus und Machtmissbrauch gelernt hat, aber nie willens ist, diese Erkenntnisse auch in eine aktive Gestaltung der Demokratie zu transformieren. Er erinnert an die europäische Sozialdemokratie in Brüssel und den Mitgliedsländern, die zugunsten von Posten und Pöstchen in EZB, Parlament, Kommission, Rat und Europäischen Gerichtshof sowie angesichts der drohenden Wahlen jede Forderung der sozialistischen Programme zur Disposition der Macht stellt.

Kareem Abdul-Jabbar, ein ehemaliger NBA-Basketballspieler bringt die Absurdität des Mediendiskurses über die «Rassenunruhen» in seinem vielbeachteten Essay in der Nation auf den Punkt: «Wir sollten die Situation nicht einfach als weiteren Akt von symbolischen Rassismus verurteilen, sondern mal hinsehen, um was es wirklich geht: Es ist ein eigentlicher Klassenkampf.» Auf englisch klingt der Begriff viel krasser: «Class warfare», also ein eigentlicher Klassen-Krieg.

Der amerikanische politische Diskurs, wenn man denn die Trivialitäten, die im Mainstream als «News» bezeichnet werden, noch als «Diskurs» kennzeichnen kann, ist bis in die letzte «Ähm»-Stelle in Talkrunden getränkt von einer einlullenden Wellnesskultur. Selbst wenn es um so furchtbare Verbrechen wie Inzest, Vergewaltigung, Klitorisbeschneidung, Frauenhandel, Hinrichtungen im Irak etc. geht, sind die Talkgäste bemüht, den immergleichen empathischen Singsang ohne politische Urteilskraft auszutauschen. Das ergibt genau das Klima, das die weisse, reiche Männerelite braucht, um die USA seit Jahrzehnten zu einem der ungleichsten, undemokratischsten und privatisiertesten Staaten des Westens zu machen. Wenn selbst der US-amerikanische Präsident sich in einer Situation von richtig und falsch, von Gesetz und Willkür weigert, eine Haltung einzunehmen, dann ist es selbstverständlich, dass sich die Morde an Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, aufgrund ihres Backgrounds, aufgrund ihres Schicksal zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein, ungestraft vermehren werden.

Liberale Amerikaner sind sofort bereit, sich über die Ungerechtigkeit, die Diskriminierungen, die seit Jahrzehnten verfehlte US-Aussenpolitik, die ungebrochene Macht der Grossbanken aufzuregen und sich in einem Bad gemeinsam mit europäischen Wohlfühllinken gemütlich und mit entsprechenden wirtschaftlichen und politischen Posten einzurichten. Doch wehe - und diesbezüglich gleichen sie wirklich der europäischen Sozialdemokratie wie ein Ei dem anderen - die himmelschreiende Ungleichheit wird mal laut und deutlich artikuliert! Mit konkreten Vorschlägen zur Veränderung der Verhältnisse beispielsweise: Demokratisierung der Polizei und anderen Staatsgewalten, Durchsetzung der Verfassungsrechte, Quoten, Ausbau der öffentlichen Infrastruktur, Verstaatlichung des Bildungs- und Gesundheitswesens, Besteuerung des Kapitals, Strafrecht für Investoren etc., dann ist fertig mit linksliberalen Wohlfühldiskussionen. Da kapriziert man sich doch lieber auf die einfacheren Gender- und Homosexuellendebatten, das tut niemandem weh und macht allen Spass. Wer redet denn nicht schon gerne über sich selber, sprich Identitypolitics - Identität?

In Philipp Bloms Böse Philosophen stehen wichtige, unbekannte Geschichten über die Aufklärung und deren Akteure, u.a. geht es auch um Voltaire. Dieser, kein Freund der exzessiven Macht der Kirche, war jedoch an erster Stelle, wenn es darum ging, die Ungläubigen zu verurteilen. Den Atheismus hielt er nicht nur politisch für gefährlich, sondern auch für eine Bedrohung seiner eigenen gesellschaftlichen Position. Voltaire war reich geworden, indem er Geld an die Fürsten verliehen hatte. Er trat gerne mutig und öffentlich gegen die grausamen Fehlurteile der französischen Justiz und der Katholischen Kirche ein, doch sein Leben war dadurch geprägt, dass die guten Beziehungen zum Adel aufrechterhalten wurden und Denker, die Voltaires Exklusivposition hätten bedrohen können, elegant aus dem Weg geräumt wurden.

Die Welt, vor allem die sogenannt intellektuelle und linksliberale (die Rechten und Konservativen interessieren an dieser Stelle aufgrund ihres Nullgehaltes an intellektueller Relevanz, die sich jedoch perfekt mit der Machterhaltung verbindet, im Moment mal nicht) ist voller Voltaires. Als überzeugter Atheist plädierte er dafür, dass «mein Rechtsanwalt, mein Schneider, mein Diener und sogar meine Frau an Gott glauben, denn ich bin überzeugt, dass ich dann weniger oft beraubt und betrogen werde.» (zitiert nach Blom, S. 123)

Der Aufstand gegen Ungerechtigkeit in Ferguson USA zeigt, wie perfide nicht nur die Macht von Polizei und Nationalgarde jeden Aufruhr mit grosser Gewalt niederschlägt, sondern zeigt vor allem auch eines: Identitätspolitiken und Wischiwaschi-Diskurse einer wohlsaturierten intellektuellen Elite, möge sie noch so empathisch und analytisch sein. Eine derartige Haltung reicht jedoch nicht aus, um die Grund- und Menschenrechte aktiv zu verteidigen. Im Gegenteil: Je mehr Rasse, Geschlecht, Alter, Behindert-Nicht-Behindert als politische Katgorien erfasst werden und «eigene» Rechte geltend gemacht werden sollen, umso eher wendet sich die eine Identität gegen die andere. Laurie Penny analysiert in ihrem Unspeakable Things: Sex, Lies and Revolution, dass die De-Industrialisierung mit ihren Auswirkungen auf die hohe Arbeitslosigkeit unter jungen Männern, diese statt politisiert, zu regelrechten Frauenhassern pervertiert. Die Früchte des Zorns richten sich deshalb seit Jahrzehnten gegen die Opfer einer forcierten Wall Street-Politik statt gegen die Handvoll Profiteure des aggressiven Finanzkapitalismus inklusive deren medialer Helfershelfer.

Es ist höchste Zeit, dass die zeitgenössischen Voltaires abdanken und sich die Früchte des Zorns nicht gegen die eigenen Reihen, sondern gegen die wirklichen Unterdrücker wenden. Nur so würden auch nicht die lokalen Geschäfte geplündert..., sondern endlich die Herrschaft der Wall Street gestürzt. Eine politische Revolution, die Barack Obama mit seiner Wahl von 2008 übrigens einzuführen versprach...., nur um sie seit 6 Jahren mit aller Gewalt zu verhindern.

(Regula Stämpfli/news.ch)

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eine kleine Hoffnung besteht...
Es gibt sie doch, die Einsicht, dass die Kluft zwischen Super-Reich und Mittelstand zu gross ist. http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/Der-Milliardaer-warnt-vor-... Ich bin nicht mit allem einverstanden, was in diesem Artikel geschrieben steht, aber ein grosser Kern Wahrheit ist enthalten.

Die Amerikaner könnten auch auf eine andere Art vom hohen Ross herunter geholt werden, indem der $ endlich durch eine zweite Weltwährung konkurrenziert würde. So bleibt der Rest der Welt erpressbar, das jüngste Beispiel sind die hohen Bussen gegen Schweizer und französische Banken.
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