Vom Apple zum Ei
publiziert: Donnerstag, 16. Okt 2014 / 15:25 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 16. Okt 2014 / 15:55 Uhr
Eizelle: «An Egg Freezing Babies ist nichts auffällig» - mit Ausnahme der Indsutrieproduktion des Menschen.
Eizelle: «An Egg Freezing Babies ist nichts auffällig» - mit Ausnahme der Indsutrieproduktion des Menschen.

Apple und Facebook machen es vor: Sie zahlen Mitarbeiterinnen bis zu 20 000 Dollar, wenn sie ihre Eizellen einfrieren lassen. Dies ist logisch und konsequent. Der weibliche Körper ist unbezahlbarer Rohstoff.

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Inkonsequent ist lediglich, dass das Einfrieren der Samen der Apple- und Facebook-Nerds nicht auch 20 000 Dollar wert ist. Denn die biologische Uhr tickt auch bei Männern. Ein Samenspender mit 50 Jahren kann ebenso hohe Qualitätsmängel bezüglich Nachwuchs aufweisen wie eine Eispenderin mit 50 Jahren. Dies wird aus sexistischen Gründen, die von Biologen gerne als Wissenschaft verkauft werden (siehe den «Ausrutscher» des Atheistengott Dawkins kürzlich an der Atheistenkonferenz) selbstverständlich nicht thematisiert. Täte man dies, würden es vielleicht den Männern - anders als den karrieretüchtigen Frauen - auffallen, dass sie hier, nicht wie in den Weltkriegen, Maschinenmaterial fürs Vaterland produziert werden soll, sondern «nur» menschlicher Rohstoff für die Privatindustrie.

Doch zurück zu den Menschen mit weiblichen Genitalien, um im Jargon von Facebook und Apple zu bleiben. Frauen sind ein Corpus Delicti. Sie haben einen Kopf und eine Gebärmutter. Diese gilt es nun möglichst effizient für die Privatindustrie zu nutzen. Die Trennung Kopf und Gebärmutter führte in der Geschichte dazu, Frauen millionenfach zu verbrennen oder sie in Korsetts zu stecken, nun geschieht dies elegant, indem man Frauen einerseits auf ihre Rohstofflieferantinnen-Funktion (Egg Freezing) reduziert und gleichzeitig ihre Produktionskraft nutzt.

Der Frauenkörper manifestiert seit Jahrhundert das eigentliche Schlachtfeld herrschender Ideologien. Dies geht im postmodernen Feminismusdiskurs um Schamhaarrasur, Nuttennägel oder 50 Shades of Grey-Fantasien und im entpolitisierten Genderbad universitärer Hirnwichserei völlig vergessen.

Doch die neue schöne Welt ist ja echt geil für Feministinnen. Denn mal ganz ehrlich: Musste man früher den Frauenkörper verkrüppeln, einsperren, ver«missen», verhüllen, verbrennen, um zur gewünschten «Zivilisierung» der Frau zu kommen, kann man mit ihm nun immerhin Millionen verdienen. Wer da noch meint, Fortschritt sei kritisch zu begleiten, ist eine ewiggestrige Moraltante.

Der Entscheid von Apple und Facebook installiert die delokalisierte Miles&More-Elite, die virtuellen Google-Hit-Jobs und die steuerbefreiten Kasino-Kapitalisten sprichwörtlich in den weiblichen Körpern. Doch das ist den feministischen Kommentatorinnen egal. Sie schreiben euphorisch: «1500 Babies sind weltweit nach Egg Freezing geboren worden, an ihnen ist nichts auffällig.» Auffällig ist hier nur das fehlende Denken bezüglich gesellschaftspolitischer Auswirkungen der industriellen Herstellung des Menschen. Andrea Blücher, Professorin für Privatrecht (sic) und Barbara Bleisch, Moderatorin Sternstunde, meldeten sich erst vor kurzem mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für den freien Menschenmarkt zu Wort. Sie verglichen den «Einsatz» von Tänzerinnen mit demjenigen der Leihmütter. Sie wehrten sich gegen die «emotionale» Debatte zur künstlichen Befruchtung, als ob Egg Freezing, Leihmutterschaft und die industrielle Verwertung von Säugetier-Zellen eine moralische und nicht eine ökonomische und politische Frage wäre. Den Handel mit Babies verglichen Blücher und Bleisch mit der ganz normalen Organspende.

Besonders hinterhältig an der Diskussion neuer Kapitalanlagen ist, dass die Reproduktionsmedizin als Fortschritt und unter Feminismus und darüber hinaus als «private moralische Frage» verkauft wird. Die Texte hierzu erinnern an die wissenschaftlichen «Fortschrittsdebatten» der 1930er Jahre, die erst im 21. Jahrhundert so richtig Erfolg aufweisen können. Staatliche Eugenik würde jede ablehnen, wo kämen wir denn hin ...privatwirtschaftlich praktizierte Eugenik, yeah! Deshalb sind es sehr oft die Professorinnen für Privatrecht oder Privatwirtschaft, die die ideologisch-wissenschaftliche Avantgarde industrieller Verwertung von Menschenfleisch bilden. Unter dem Deckmantel der Emanzipation und Selbstbefreiung bilden viele selbsternannte Feministinnen die Stechschrittspitze, wenn es darum geht, das weibliche Recht auf Fortpflanzung zu bestimmen.

Junge Frauen und Mädchen sind teurer Rohstoff. Zuerst die Eier, dann das Kapital: Von Apple zum Eggfreezing ist keine moralische Frage. Sie ist auch keine Frage der Frauenförderung, Quote oder gar Emanzipation. Eggfreezing ist eine höchst politische und ökonomische Regelentscheidung, die alle Menschen betrifft. Oder würden Sie - im Nachhinein - die Rassengesetze der Nationalsozialisten auch als eine rein wissenschaftliche, individuelle und eine rein privatwirtschaftliche Frage, die dem damaligen Kenntnisstand bezüglich Biologie, Medizin, Gesellschaftsrecht und Soziologie entsprach, charakterisieren? Wer sich immer noch wagt, die medizinische Reproduktionstechnologie als «ethische» oder «moralische» Frage zu behandeln, sei auf die Nürnberger Protokolle gegen die deutsche Ärztegesellschaft verwiesen. Wissenschaft nach Kapital und Zahlen führt direkt zum politisch, ökonomisch und privatrechtlich legitimierten Diktat der Menschen(re)produktion, Menschenverachtung und Menschenvernichtung. Wer weiss: Irgendwann werden auch solche Karrieren, die jede politische Verantwortung in solch grossen Fragen entrüstet von sich weisen, sich irgendwann mal einem Tribunal stellen...falls die Hoffnung nicht mit den Eizellen eingefroren wird.

(Regula Stämpfli/news.ch)

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