Von Töpfen und Despoten
publiziert: Montag, 31. Jan 2011 / 10:55 Uhr / aktualisiert: Dienstag, 1. Feb 2011 / 08:38 Uhr
Dampfkochtopf: 1: Griff/Entrigelung, 2: Druckeinstellung, 3: Wo Mubarak drauf sitzt
Dampfkochtopf: 1: Griff/Entrigelung, 2: Druckeinstellung, 3: Wo Mubarak drauf sitzt

Der nullte Hauptsatz der Thermodynamik, jener Lehre, welche sich mit Energie, deren Verwendung und Umwandlung beschäftigt , lautet «Stehen zwei Systeme jeweils mit einem dritten im thermodynamischen Gleichgewicht, so stehen sie auch untereinander im Gleichgewicht.» (Nullter Satz, weil er die Grundlage der ganzen Thermodynamik ist, aber erst später formuliert wurde und vor dem ersten eingeschoben werden musste.)

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Weiterführende Links zur Meldung:

Wikipedia-Eintrag Thermodynamik
Wikipedia zu Ursprung, Sätzen und Anwendung der Thermodynamik
wikipedia.org

Dies bedeutet ebenfalls, dass in einem System, in dem verschiedene Energie-Niveaus herrschen, immer das Gleichgewicht angestrebt wird: Ein warmes Haus kühlt im Winter aus, wenn nicht nachgeheizt wird, der Wasserstand in verschiedenen verbundenen Becken wird auf das gleiche Niveau sinken, ein Dampfkochtopf auf dem Feuer lässt den Druck entweder über sein Ventil ab oder er explodiert wenn dieses klemmt.

Was das alles mit Revolution zu tun hat? Um beim Dampfkochtopf zu bleiben: In Tunesien ist dieser soeben explodiert und in Ägypten ist der Knall bedrohlich nahe, da der Druck der sozialen Ungleichheiten zu gross geworden ist und Mubarak auf dem Ventil sitzt.

Es gibt natürlich immer Möglichkeiten, den Niveau-Unterschied in einem System länger zu erhalten. Ein Haus kann besser isoliert werden, zwischen Wasserbecken können Schleusentore installiert, ein Dampfkochtopf kann verstärkt werden. Doch irgendwann ist der Unterschied einfach zu gross.

Revolutionen und Volksaufstände sind natürlich um vieles komplexer als ein explodierendes Kochgeschirr, das dürfte jedem klar sein. Zum einen, weil die Niveau-Unterschiede um Potenzen Vielfältiger sind und sich in sozialem Gefälle, unterschiedlichen Perspektiven, persönlicher und kollektiver Not gegenüber dem Reichtum der Herrschenden ausdrücken. Und auch die Auslöser einer Revolution sind viel komplizierter und vielschichtiger als die Materialschwäche, von der aus die Zerstörung des Topfes geht.

Das beginnt schon damit, dass – wie im aktuellen Fall – neue Kommunikationsformen Mitauslöser sein können. Die sich rasend verbreitende Nachricht vom Tod eines verzweifelten Tunesiers, der sich aus Protest verbrannt hat, die Bilder von durch Sicherheitskräfte Getöteten, die Windeseile von Handy zu Handys weiter gegeben wurden, jede Zensur umgehend. Die hunderttausenden empörten Aufschreie auf Twitter, die von jedem, der den entsprechende Tweet abonniert hat in Echtzeit gelesen werden können.

Genau so komplex und vielschichtig sind natürlich jene, die sich beteiligen. Es ist nicht eine homogene Masse (dies auch wieder nur aus der Ferne betrachtet) wie die Dampfmoleküle im Topf, sondern zum Teil extrem unterschiedliche Schicksale und Biographien, die sich im selben Unrechtssystem auf der falschen Seite finden, benachteiligt, unterdrückt und leidend.

Gesellschaftliche Dynamik, Zeitgeist, wirtschaftliche Entwicklungen, die zum Beispiel die Nahrungsmittelpreise nach oben stossen spielen in dieser komplexen Melange der Ursachen ebenso eine Rolle wie die psychische Not vieler, die keine Perspektiven haben, weil sie diese verbaut sehen von einem System, das die Gesellschaft in jene 'mit' und in jene 'ohne' aufteilt.

Wobei diese Ursache immer im Zentrum steht: Eine Revolution braucht einen Druck-, einen Niveau-Unterschied. Eine durchlässige Gesellschaft taugt nicht für Revolutionen. Eine egalitäre Gesellschaft, die transparent Leistung würdigt und fair belohnt, die nicht die Mehrheit von der Teilnahme am Guten und Erstrebenswerten (wie Bildung und politischen Entscheidungen) ausschliesst, kann ebenso wenig explodieren, wie ein Dampfkochtopf, der ein funktionierendes Sicherheitsventil hat oder ein Ballon mit durchlöcherter Hülle.

Mubarak und die anderen Autokraten, Despoten und Diebe in den neuen Sultanspalästen Arabiens dachten, dass es ausreichte, einfach zusätzliche Verstärkungen um den brodelnden Topf zu legen statt das Druckventil zu öffnen. Doch ein verstärkter Topf explodiert, wenn es mal soweit ist, umso heftiger.

Politiker und andere Machthaber sollten es sich merken, dass es in der Physik noch nie gelungen ist, die Thermodynamik zu überlisten und es auf lange Sicht hinaus ebenso aussichtslos ist, zu versuchen, die politische Thermodynamik zu übertölpeln. Wenn der Druck zu gross ist, knallt es!

(Patrik Etschmayer/news.ch)

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