Walchhofers überfälliger Triumph
publiziert: Samstag, 15. Jan 2005 / 18:55 Uhr / aktualisiert: Samstag, 15. Jan 2005 / 19:31 Uhr

Das 75-Jahr-Jubiläum hatten sich die Wengener anders vorgestellt. Mit Michael Walchhofer gabs zwar einen würdigen Sieger, doch die Schweizer Abfahrer erlebten einen kapitalen Absturz: Als Bester klassierte sich Silvan Zurbriggen auf dem 16. Platz.

Silvan Zurbriggen konnte mit seinem Resultat nicht zufrieden sein.
Silvan Zurbriggen konnte mit seinem Resultat nicht zufrieden sein.
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Total motiviert, vielleicht sogar übermotiviert gingen die Schweizer mit "fliegenden Fahnen" unter.

Didier Défago (Sturz) und Jürg Grünenfelder (22.) vergaben eine Top-Ten-Klassierung beim Ziel-S, Silvan Zurbriggen zauberte am Hundschopf, Bruno Kernen (20.) und Ambrosi Hoffmann (23.) kamen überhaupt nicht auf Touren.

Tobias Grünenfelder und Michael Bonetti waren als 32. und 33. wenigstens die Besten mit 40er-Nummern. Aber als Bilanz fiel die 75. Lauberhorn-Abfahrt vernichtend aus.

"Nach dem guten Start zur Berner Oberländer Woche in Adelboden und der Super-Kombination ist das natürlich eine grosse Enttäuschung", sagte Cheftrainer Martin Rufener. "Nicht Übermotivation, sodern die Summe individueller Fehler führte zu diesem Resultat."

Zweitschlechtestes Ergebnis

Erst einmal waren die Schweizer Abfahrer am Lauberhorn noch schlechter gewesen. Das war 1995, als Urs Lehmann als Bester sich mit dem 17. Rang zufrieden geben musste.

Jenes Rennen stellte so etwas wie eine Zäsur im Schweizer Skisport dar. Vorher war in der Geschichte des Weltcups stets ein Schweizer in den Top Ten klassiert. 7. Ränge waren von 1967 bis 1995 die schlechtesten Klassierungen.

Seither gehören missglückte Lauberhorn-Abfahrten zur Tagesordnung. Das Jubiläumsrennen ist bereits das vierte seit 1995, in dem sich kein Schweizer unter den ersten zehn klassiert. Aber auch global betrachtet stellte Wengen 2005 einen Tiefpunkt dar.

Seit Garmisch-Partenkirchen 2000 (20. Jürg Grünenfelder) war nie mehr der beste Schweizer in einer Weltcup-Abfahrt so schlecht klassiert. "Das ist total in die Hosen gegangen", bekannte der entthronte Titelverteidiger Bruno Kernen.

"Jetzt bekommen nach den Frauen wohl auch wir die Zwergen-Kappen übergezogen."

"Ich muss mich selber an der Nase nehmen", sagte Ambrosi Hoffmann. "Ich machte Fehler über Fehler. Dem Selbstvertrauen ist so ein Resultat natürlich nicht förderlich." Défago und Grünenfelder durften wenigstens für sich in Anspruch nehmen, alles riskiert zu haben.

"Wenn ich taktisch gefahren wäre und vor dem Ziel-S gebremst hätte, wäre ich in die Top Ten gekommen", meinte Grünenfelder, "aber ich wollte mehr." Défago erlebte nach Adelboden (Out nach Bestzeit im 1. Lauf) die zweite Enttäuschung binnen fünf Tagen.

"Trotzdem ziehe ich aus dieser Woche ein positives Fazit. 2:20 Minuten fuhr ich gut, nur die letzten zehn Sekunden schlecht. Und ich habe den Beweis erhalten, dass ich in drei Disziplinen aufs Podest fahren kann. So weit war ich noch nie."

Rekord-Transport: 27 500 Zuschauer + Bode Miller

Dabei wären alle Voraussetzungen für ein unvergessliches Lauberhorn-Fest gegeben gewesen: 27 500 Zuschauer säumten die 4,5 km lange Strecke, so viele wie noch nie.

Die bisherigen Rekorde stammten aus den Jahren 1978 und 1980 (je 25 000). Damit dürften wohl die Kapazitätsgrenzen der Wengernalpbahn erreicht worden sein. Im Gedränge auf den Bahnhöfen spielten sich unglaubliche Szenen ab.

Nur einer blieb cool: Bode Miller verzichtete auf die Besichtigung und stieg erst um 11.50 Uhr, 40 Minuten vor dem Rennen, in den Zug, als die meisten Zuschauer schon auf dem Berg waren: "So konnte ich mich ungestört in aller Ruhe vorbereiten und zwischendurch noch ein Buch lesen."

Nach bester Zwischenzeit wurde er 0,18 hinter Walchofer und 0,09 hinter Christoph Gruber sowie 0,44 vor Hermann Maier Dritter. Der Amerikaner tickt in jeder Beziehung anders als alle andern Rennfahrer.

Endlich ein Sieg nach 20 Podestplätzen

Nur an etwas gab es nichts zu deuteln, obwohl der Sieg denkbar knapp ausfiel: Weltmeister Michael Walchhofer (30) ist der richtige Sieger fürs Lauberhorn-Jubiläum.

Und er hatte auch die richtige Antwort parat: "Als ich im Lauberhorn-Jubiläumsbuch blätterte, kam ich überhaupt nicht darin vor. Da sagte ich mir: Das muss schnellstmöglich ändern."

In jeder Abfahrt dieses Winters stand Walchhofer auf dem Podest ausser im Wind-Rennen von Val Gardena, wo er 24 Stunden zuvor den Super-G für sich entschieden hatte. Einmal war er Zweiter, viermal Dritter.

Insgesamt ist er jener Weltklasse-Fahrer mit der grössten Diskepranz zwischen Siegen und Podestplätzen. Den drei Weltcup-Erfolgen (je einer in Abfahrt, Kombination und Super-G) stehen fast 20 zweite und dritte Ränge gegenüber.

"Wenn diesmal nicht die ´1´ aufgeleuchtet hätte, wäre ich schon sehr enttäuscht gewesen", bekannte Walchhofer, der mit der Nummer 30 eine perfekte Fahrt hinlegte und sich, im Gegensatz zu den Schweizern, den Luxus leisten konnte, vor dem Ziel-S das Tempo etwas zu drosseln.

Das war Massarbeit: Es reichte um neun Hundertstel oder umgerechnet drei Meter.

(kst/Si)

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