Warum demonstriert ihr nicht gegen Katar?
publiziert: Donnerstag, 2. Jul 2015 / 15:10 Uhr / aktualisiert: Freitag, 3. Jul 2015 / 17:45 Uhr
100 Hinrichtungen und Auspeitschungen nicht Grund genug für eine Demo? Nicht für den Boschaftsschutz...
100 Hinrichtungen und Auspeitschungen nicht Grund genug für eine Demo? Nicht für den Boschaftsschutz...

Als eine Gruppe Humanisten vor der Saudischen Botschaft für die Freilassung des Blogger Raif Badawi protestierte, wurden sie von den Botschaftsschutz-Beamten gefragt, ob sie nicht besser gegen Katar demonstrieren sollten. Gerne wird hier die Antwort gegeben, auch wenn dies den Beamten gar nicht interessierte.

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Die an eine kleine Gruppe Humanisten gestellte Frage schien schlüssig: «Wieso demonstriert Ihr nicht gegen Katar?». Die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen für die nächste Fussball-WM sind bekanntlich desaströs und sorgen für Schlagzeilen - allerdings vorwiegend in den ausländischen Medien und zum Ärger der Führungsriege dieser absoluten Monarchie: Im Mai wurde ein BBC-Team verhaftet, das vor Ort zu recherchieren versuchte. Ihre Ausrüstung wurde beschlagnahmt und die gemachten Aufnahmen gelöscht. Entsprechend figuriert Katar auf dem World Press Freedom Index im roten Bereich, genauer auf Platz 115 von 180. Bekannt ist auch, dass Katar Extremisten des wahabitischen Islams finanziell unterstützt. Auf der Nehmerseite stehen nicht nur das Terrorregime «Islamischer Staat» sondern auch der selbsternannte «Islamische Zentralrat der Schweiz». Es gäbe also durchaus gute Gründe, gegen das Regime von Katar zu demonstrieren.

Doch darum ging es dem Fragesteller eigentlich nicht. Seine Frage war vielmehr ein verpacktes «Habt Ihr nichts besseres zu tun?» Denn er war eines der Mitglieder der Abteilung Botschaftsschutz der Berner Kantonspolizei, die am 12. Juni vor die Botschaft Saudi-Arabiens ausrücken «mussten». Gerufen hatten die privaten Sicherheitsleute der Botschaft, weil sich die eingangs erwähnte kleine Gruppe von Humanisten auf dem Trottoir vor der Botschaft zu einer Mahnwache eingefunden hatte und ein Transparent hochhielt mit dem Schriftzug «Hazem Bin Mohammed Karkatili, Ambassador of Saudi Arabia - help to free Raif Badawi & Waleed Abulkhair. Or go home and don't come back!».

Die staatlichen Botschaftsschützer waren bereits nach knapp 20 Minuten mit zwei Fahrzeugen und vier Personen zur Stelle, konfiszierten das Transparent und registrierten die Personalien der sechs Teilnehmer der Mahnwache. Auf meine Frage, ob ihm denn wohl dabei sei, sich von einem Terrorregime instrumentalisieren zu lassen, reagierte der einzige Polizeivertreter mit einer Sprechrolle mit der Gegenfrage zu Katar. (Den anderen Polizisten schien die forcierte Auflösung der Mahnwache eher unangenehm oder zumindest übertrieben.)

Der Grund, wieso wir eben nicht vor der Botschaft von Katar sondern vor derjenigen Saudi-Arabiens standen, interessierte den Ordnungshüter nicht. Die 100 Exekutionen, die das Saudische Terror-Regime dieses Jahr bereits anordnete, kümmerten ihn sichtlich weniger als die Frage, ob das Trottoir vor der Botschaft von einer Gruppe von sechs Personen übermässig gebraucht werde. Der Zustand der saudischen politischen Gefangenen - Raif Badawi und Waleed Abulkhair sind nur die bekanntesten - gehen einen Mitarbeiter der Abteilung Botschaftsschutz kraft seines Amtes halt weniger an als die Befindlichkeit des Saudischen Botschafters, der seinen Blick nicht durch missliebige Transparente getrübt haben möchte. Das muss aus Sicht der Hüter der Ordnung wohl so sein. In einem hoffe ich aber, dass der Uniformierte irrt: dass er - wie er herausstrich - im Namen des Volkes unterwegs sei. Nein, für so gleichgültig und despotenfreundlich halte ich die Schweizer Bevölkerung nicht.

(Andreas Kyriacou/news.ch)

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