Was im Saddam-Prozess nicht zu sehen ist
publiziert: Montag, 5. Dez 2005 / 12:05 Uhr

Budapest - Der Prozess gegen den ehemaligen irakischen Machthaber Saddam Hussein folgt einer strengen Bildregie. Das wird auch bei der Fortsetzung an diesem Montag sein.

Die Bilder im Fernsehen werden zeitverstzt ausgestrahlt.
Die Bilder im Fernsehen werden zeitverstzt ausgestrahlt.
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Interessant ist dabei, was die offenbar sorgfältig redigierten und zeitversetzt ausgestrahlten Fernsehbilder aus dem Gerichtssaal in Bagdad nicht zeigen. So wurden etwa die Angeklagten bei den bisherigen Verhandlungen ohne Fesseln oder Handschellen in den Saal geführt.

US-Marshals

Dass ihnen die Handschellen eben vor Betreten des Raums abgenommen wurden, war auf keinem Fernsehbild zu sehen. Ebenso fehlten im Bild jene, die den Angeklagten die Handschellen abnahmen und sie zur Saaltür führten: die amerikanischen Justizwachebeamten (US Marshals).

Dass sie praktisch die gesamte Sicherheit für das Verhandlungsgeschehen garantieren, passt nicht recht zum Bild der Unabhängigkeit, das sich der im Dezember 2003 gegründete Gerichtshof gerne selbst geben möchte.

Verständnis in Bevölkerung

Aber nur vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum sich Saddam bei der Verhandlung am letzten Montag so echauffierte - und bei vielen nationalstolzen Irakern punktete.

Als er sich bei Richter Risgar Mohammed Amin über die erst vor dem Gerichtssaal abgenommenen Handschellen beschwerte, entgegnete ihm dieser, er werde die Verantwortlichen darauf aufmerksam machen.

Saddam fauchte zurück: «Sie sollen sie nicht aufmerksam machen. Sie sollen es ihnen befehlen. Die sind in unserem Land. Sie sind ein Iraker, der Souverän, und die sind Invasoren und Besatzer.» Mit dem ihm eigenen Gespür für ausnutzbare Situationen hat Saddam zur Sprache gebracht, was nicht im Bild war und nicht im Bild sein durfte.

Internationale Skepsis

Das irakische Sondertribunal, das die Verantwortlichen für die Verbrechen des Baath-Regimes zur Verantwortung ziehen soll, wird aber auch von vielen internationalen Experten mit Skepsis betrachtet. Sein Statut hatten, noch im Auftrag der US-Besatzungsbehörde CPA, amerikanische Juristen geschrieben.

Bis heute stehen ihm die amerikanischen Beamten des geheimnisumwitterten «Verbindungsbüros für Regime-Verbrechen» (Regime Crimes Advisor's Office/RCLO), wie es heisst, «beratend» zur Seite. Doch in Wirklichkeit dürften die Berater die Strippen ziehen.

«Vor dem Hintergrund eines irakischen Justizsystems, das sich unter Hussein praktisch auflöste», schrieb neulich die «New York Times», «ist das Verbindungsbüro die wahre Macht hinter dem Tribunal, das es in fast allen wichtigen Aspekten seiner Arbeit berät und oft entscheidet, sich stets hinter dem Schild der Anonymität verbergend.»

Man kann durchaus annehmen, dass es auch US-Experten sind, die bei den Fernsehbildern aus dem Gerichtssaal die Regie führen.

(Gregor Mayer/dpa)

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