Weiss sein ist gesund (und Mann sein auch)
publiziert: Dienstag, 25. Aug 2015 / 14:13 Uhr
Blutbild bei Sichelzellenanämie: Diskriminierte Krankheit.
Blutbild bei Sichelzellenanämie: Diskriminierte Krankheit.

Biologie und Gesundheit sind eigentlich nicht rassistisch, sexistisch und ungerecht. Aber selbst das lässt sich einrichten.

5 Meldungen im Zusammenhang
Erbkrankheiten sind vermutlich die Krankheiten, die am willkürlichsten scheinen. Wer daran erkrankt hat, blöd gesagt, einfach ein schlechtes Los in der Gen-Lotterie bekommen. Schicksal im ursprünglichsten Sinn.

Zwei solche Erbkrankheiten sind die Sichelzellenanämie und die Mukoviszidose, die für jene, die an diesen leiden, schon von früher Jugend an die grausamen Versprechen eines jahrzehntelangen Leidensweges und eines frühen Todes beinhalten.

Beide Krankheiten resultieren in qualvollen Krankheitsbildern und Verkürzen das Leben der Betroffenen um etwa die Hälfte. Opfer der Mukoviszidose werden im Schnitt 37, jene der Sichelzellenanämie 41 Jahre alt.

In den USA zum Beispiel sind beide Krankheiten für viele Menschen ein schweres Problem, wobei die Sichelzellenanämie etwas mehr Menschen betrifft als die Mukoviszidose. Es wäre daher ja anzunehmen, dass in etwa gleich viel Geld in die Erforschung von Behandlung und womöglich Heilung dieser Krankheiten investiert würde.

Doch das Bild sieht anders aus: Die Erforschung der Mukoviszidose hat in etwa das vierfache Budget der Erforschung von Sichelzellenanämie. Die Behandlung von Opfern der Sichelzellenanämie in Notaufnahmen und Krankenhäusern sei zudem vor allem durch Misstrauen gegenüber den Patienten und Ignoranz betreffend der angesagten Behandlung geprägt. Opfer der Sichelzellenanämie können wegen Durchblutungsstörungen extreme Schmerzanfälle erleiden, werden aber vielfach als Pseudopatienten behandelt, die nur versuchten, Schmerzmittel (Opiate) zu schnorren. Für Mukoviszidose-Patienten gibt es dagegen Spezialkliniken und die Stiftungen für die Erforschung dieser Krankheit sind mit Milliarden-Mitteln ausgestattet.

Wenn man sich fragt, aus welchem Grund die Patienten und die Krankheiten so unterschiedlich gehandhabt werden, kann man natürlich verschiedenste Erklärungen suchen. Doch die offensichtlichste ist jene, dass Mukoviszidose eine exclusive Krankheit der Weissen, Sichelzellenanämie eine ist, die in den USA nur Afro-Amerikaner trifft.

Was passiert, wenn eine Krankheit auf einmal die Rassen- und/oder Kulturgrenzen zu überschreiten droht, konnte man bei der Ebola-Epidemie verfolgen. Ebola war bis 2014 ein rein afrikanisches Problem, das im Westen zwar von Epidemiologen aufmerksam beobachtet wurde, aber vor allem als Aufhänger für Katastrophenfilme taugte. Als im letzten Frühjahr nach dem grossen Ausbruch im westlichen Afrika durch Fernreisende der Virus auf einmal in unserer Mitte auftauchte, war es mit der Gleichgültigkeit vorbei: Wir waren gefährdet und da hiess es zum einen: Grenzen dichtmachen und zum anderen: Wo zum Henker sind die wirksamen Medikamente? Sogar wenn es um die Berichte über den Ausbruch in Afrika selbst ging, war es scheinbar am wichtigsten, den Ausbruch in Afrika einzugrenzen, so dass nicht plötzlich den weissen Herrenmenschen auf einmal Blut aus allen Körperöffnungen fliessen würde, während ihre Blutgefässe von den Viren zersetzt würden. Solange dies nur Schwarzen passiert war, war es scheinbar für die meisten eine zwar traurige, aber nicht wirklich erschütternde Sache. Alltagsrassismus kann eben sehr subtil sein.

Doch den Autor braucht das nicht zu kümmern, denn er ist durch diesen Rassismus ja medizinisch privilegiert - sollte hier irgend eine Epidemie ausbrechen, die Pharmaindustrie würde sofort mit Vollgas arbeiten. Und der Autor hat noch einen Vorteil: Er ist männlich.

Die sogenannte Gender-Medizin (müsste eigentlich Geschlechts-Medizin heissen, den Gender ist ja ein psychologisch-politischer Begriff) ist nämlich ein sehr junges Feld, das erst seit etwa 25 Jahren existiert und erst seit den 2000er Jahren wirklich breit erforscht wird. So sind die Symptome vieler Krankheiten bei Frauen unterschiedlich von jenen von Männern, was zum Beispiel bei Herzinfarkten von Frauen zu fatalen Fehldiagnosen führen kann. Auch reagieren weibliche Patienten auf viele Medikamente anders als Männer und es werden jetzt die Daten gesammelt. Doch der Wissensgrundstock, auf dem - verständlicherweise - viele Ärzte aufbauen ist von Studien, die primär mit männlichen Probanden durchgeführt wurden, geprägt. Die komplexen Hormonzyklen der Frauen und deren Interaktion mit pharmazeutischen Wirkstoffen sind nur oberflächlich bekannt.

Natürlich mag nun eingewendet werden, dass Frauen trotzdem eine höher Lebenserwartung hätten, doch dies hängt weniger mit der Medizin, sondern vorwiegend mit dem Lebenswandel und der Neigung, dumme Risiken nicht auf sich zu nehmen, zusammen. Das ist kein Argument gegen die möglichst korrekte Behandlung einer Patientin.

Doch wie gesagt, dem Autoren kann das eigentlich egal sein, denn er hat den besten Gesundheitstipp befolgt, den es gibt: ein weisser Mann zu sein!

(Patrik Etschmayer/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Dschungelbuch Mit: «Der regelmässige Verzehr von Fleisch ist also Selbstmord auf Braten» oder «Fleisch soll ungesund sein? Das muss ich erst ... mehr lesen
Was ist wohl gefährlicher: Die Grillwurst oder das multiresitente Chyseobacterium indologenes?
Die Ergebnisse der Tests zeigten, dass der eingesetzte Impfstoff die weitere Ausbreitung des Ebola-Virus wirksam eindämmen könne.
Bern - Im Kampf gegen die Ebola-Seuche in Westafrika haben Forscher in einem Feldversuch einen Impfstoff getestet, der sich als wirksam erwiesen hat. An der von der ... mehr lesen
New York - Liberia, Guinea und ... mehr lesen
Krankheit als Chance.
Jourdan möchte ein gutes Vorbild für ihre jüngeren Follower sein.
Model Jourdan Dunn (24) möchte für ... mehr lesen
Santiago de Chile - Eine unheilbar kranke 14-jährige Chilenin, die in einem ... mehr lesen
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
«Hier hätte ich noch eine ...
In den USA ist bei einer Frau mit Harnwegsinfektion zum ersten mal ein Bakterium aufgetaucht, das gegen das letzte Reserve-Antibiotikum resistent ist. Wer Angst vor ISIS hat, sollte sich überlegen, ob er seinen Paranoia-Focus nicht neu einstellen will. Denn das hier ist jenseits aller im Alltag sonst verklickerten Gefahren anzusiedeln. mehr lesen 4
Durch ungeschickte Avancen von SBB- und Post-Chefs, droht die Service-Public-Initiative tatsächlich angenommen zu werden. Von bürgerlicher Seite her solle ... mehr lesen  
Künftig mindestens 500'000.-- und die ganze Schweiz inklusive: SwissPass, der schon bald mal GACH heissen könnte.
Urversion von IBM's Supercomputer WATSON: Basis für 'ROSS'... und unsere zukünftigen Regierungen?
Eine renommierte US-Kanzlei stellt einen neuen Anwalt Namens Ross ein. Die Aufgabe: Teil des Insolvenz-Teams zu sein und sich durch Millionen Seiten Unternehmensrecht kämpfen. Und ... mehr lesen  
In letzter Zeit wurden aus Terrorangst zwei Flüge in den USA aufgehalten. Dies, weil Passagiere sich vor Mitreisenden wegen deren 'verdächtigen' Verhaltens bedroht fühlten. Die Bedrohungen: Differentialgleichungen und ein Telefongespräch auf Arabisch. Sollten Sie also in nächster Zeit in den USA unterwegs sein, hier ein paar Tipps fürs problemlose Reisen. mehr lesen  
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
saleduck.ch, Logo
Shopping «Wär hetts erfunde?» Zwei Jahre nach der Gründung erhält Saleduck.ch eine neue Plattform und wird zu einer Deal Community. Neben einem neuen Layout bieten sich auch für Netzwerke und Advertiser viele ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Obama in Hanoi mit der Präsidentin der Nationalversammlung, Nguyen Thi Kim Ngan auf einer Besichtigungstour: Willkommenes Gegengewicht zu China.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute So Mo
Zürich 8°C 17°C Nebelleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Nebel recht sonnig
Basel 9°C 17°C Nebelleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Nebel recht sonnig
St. Gallen 7°C 15°C Nebelleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Nebel recht sonnig
Bern 7°C 17°C sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Nebel recht sonnig
Luzern 10°C 16°C freundlichleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt recht sonnig
Genf 9°C 19°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Nebel sonnig
Lugano 12°C 20°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten